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„Es gab einen Aufstand von unten“: Neue große Kirchengemeinde im Siebengebirge

„Es gab einen Aufstand von unten“ : Neue große Kirchengemeinde im Siebengebirge

Die mehr als 6000 evangelischen Christen im Bergbereich von Königswinter sowie aus Bad Honnef-Aegidienberg und Sankt Augustin-Birlinghoven wollen ab dem kommenden Jahr eine neue große Kirchengemeinde bilden. Nur Heisterbacherrott geht einen eigenen Weg.

Die mehr als 6000 evangelischen Christen im Bergbereich von Königswinter sowie aus Bad Honnef-Aegidienberg und Sankt Augustin-Birlinghoven wollen ab dem kommenden Jahr eine neue große Kirchengemeinde bilden. Der bisherige Arbeitstitel lautet „Evangelische Kirche im Siebengebirge“.

Einen eigenen Weg gehen die rund 1500 Gemeindemitglieder aus Heisterbacherrott und Thomasberg. Sie wollen selbständig bleiben. Die bisherigen Gemeinden Stieldorf-Heisterbacherrott und Königswinter, zu der bisher auch die Altstadt gehört, sollen aufgelöst werden. Die Gläubigen aus der Altstadt werden voraussichtlich mit der Kirchengemeinde Oberkassel-Dollendorf eine neue Gemeinde bilden.

Gespräche laufen seit Herbst 2019

Seit Herbst 2019 hat sich eine Steuerungsgruppe, der die Presbyterien der Kirchengemeinden Stieldorf-Heisterbacherrott, Oberpleis, Königswinter und Aegidienberg angehören, intensiv mit der Zukunft des Gemeindelebens beschäftigt. Erste Beschlüsse haben die Presbyterien bereits gefasst.

Bis zu den Sommerferien sollen die Verhandlungen, zu denen auch Gemeindeversammlungen einberufen werden, soweit abgeschlossen sein, dass bindende Beschlüsse gefasst werden können. Der Prozess wird durch den Kreissynodalvorstand des Evangelischen Kirchenkreises an Sieg und Rhein (Ekasur) begleitet.

Ausgelöst worden war er durch das Ausscheiden der Ittenbacher Pfarrerin Christina Gelhaar im Herbst 2019 und des Oberpleiser Pfarrers Heiko Schmitz, der im Herbst 2020 in den Ruhestand ging und durch Arndt Klemp-Kindermann ersetzt wurde. Weil die Zahl der Pfarrerstellen wegen zurückgehender Kirchensteuereinnahmen reduziert wird, legte der Kreissynodalvorstand den Gemeinden die Gespräche über eine Kooperation nahe.

Fusion zu einer einzigen großen Gemeinde

Nachdem die Presbyterien zunächst über die Bildung einer Gesamtkirchengemeinde verhandelt hatten, in der die alten Gemeinden neben einem Gesamtpresbyterium ihre eigenen Presbyterien behalten hätten, tendierte die Mehrheit nach und nach zu einer Fusion zu einer einzigen großen Gemeinde mit nur noch einem Presbyterium.

Auf diese Weise erhofft man sich, die personelle Versorgung auf allen Ebenen und besonders bei den Pfarrerstellen längerfristig zu gewährleisten, die finanzielle Basis der Gemeindearbeit abzusichern und inhaltliche Synergieeffekte zu erzielen.

Gleichzeitig sollen bewährte Angebote vor Ort erhalten bleiben. Einen Ausdruck fand die Zusammenarbeit zum Beispiel in einem gemeinsamen Gemeindebrief für die Monate März bis Mai 2021 unter dem Titel „Wir sind auf dem Weg“. Erst nach dessen Fertigstellung entschied sich das Presbyterium im Gemeindebezirk Heisterbacherrott-Thomasberg jedoch gegen diesen gemeinsamen Weg.

Telefone in der Gemeinde standen nicht still

„Wir wollen keine Mauern hochziehen und uns nicht abgrenzen“, betonte die dortige Pfarrerin Pia Haase-Schlie bei einem Pressegespräch mit allen Beteiligten. Den Weg zu einer Gesamtkirchengemeinde wäre man auch gerne mitgegangen. „Doch die Enttäuschung war groß, dass das nicht möglich war.“ Als die Überlegungen einer Fusion bekannt geworden seien, hätten die Telefone in ihrer Gemeinde geglüht. „Es gab einen richtigen Aufstand von unten.“

Die Heisterbacherrotter und Thomasberger wollten einen Weg gehen, der starker Ausdruck einer Kirche von unten sei, in der die Gemeindemitglieder aktiv mitgestalten könnten. Sehr viele Ehrenamtliche seien bereit, Gemeindearbeit zu übernehmen. „Wir wollen sichtbare Gemeinde vor Ort sein“, so Haase-Schlie.

Ute Wiedemeyer, ehrenamtliche Vorsitzende des Presbyteriums der Gemeinde Stieldorf/Heisterbacherrott, empfindet „es als Geschenk, dass es noch so viele Menschen gibt, die sich engagieren. Sie möchten wir mitnehmen“.

 Vor dem Gemeindehaus in Ittenbach informieren die evangelischen Pfarrer und Pfarrerinnen über die geplante Struktur.
Vor dem Gemeindehaus in Ittenbach informieren die evangelischen Pfarrer und Pfarrerinnen über die geplante Struktur. Foto: Frank Homann

Weichen für verlässliche Strukturen im Pfarrdienst

Ihre Kollegen vertreten einen anderen Standpunkt. „Wir haben in einer großen Gemeinde die Möglichkeit, Kirche zu gestalten“, sagte der Aegidienberger Pfarrer Stefan Bergner, der zurzeit Ittenbach mitbetreut. „Ich möchte nicht derjenige sein, der das Licht ausmacht, sondern die Weichen stellen, dass es auch in Zukunft verlässliche Strukturen im Pfarrdienst gibt.“

Pfarrerin Ute Krüger, die für den Gemeindebereich Stieldorf-Birlinghoven zuständig ist, berichtete, dass es bei den Gesprächen mit Ehrenamtlichen über eine Gesamtkirchengemeinde viele Fragezeichen über die künftigen Bereichsgrenzen gegeben habe.

Eine Fusion sei einfacher zu vermitteln gewesen. Sie hat auch schon viele positive Reaktionen erhalten. „Manche Gemeindemitglieder begrüßen, dass sich jetzt Kreise schließen.“ Hierin sieht Peter Gottke, selbst Pfarrer in Troisdorf und als zweiter Stellvertreter von Superintendentin Almut van Niekerk Leiter der Steuerungsgruppe, auch ein Beispiel für die Besonderheit der Evangelischen Kirche. „Es gibt dort unterschiedliche Antworten, und Heisterbacherrott hat eine andere Antwort gefunden als die anderen Gemeinden“, meinte er.

Dass ein solcher Entscheidungsprozess in ihrer Kirche überhaupt möglich ist, empfindet Ute Wiedemeyer als Geschenk, wie sie sagt. Auch wenn man in Zukunft getrennte Wege gehen wird, habe sie die vergangenen, sehr arbeitsreichen eineinhalb Jahre als eine Bereicherung empfunden. Wiedemeyer: „Das spricht doch nur für gutes evangelisches Leben im Siebengebirge.“