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Gottes Führung: Sozialarbeiter studiert mit 56 Jahren Theologie in Bonn

Gottes Führung : Sozialarbeiter studiert mit 56 Jahren Theologie in Bonn

Seine Kommilitonen finden ihn „cool“, seine Freunde sagen: „Endlich macht er’s“: Sozialarbeiter Jens Ebeler aus Vinxel studiert als Spätberufener Theologie.

Hebräisch ist nicht unbedingt sein Lieblingsfach. „Obwohl die Grammatik tatsächlich eher leicht ist“, sagt Jörg Ebeler. „Aber diese Sprache muss man sich erschließen und immer am Ball bleiben.“ Im dritten Semester studiert der Vinxeler Evangelische Theologie an der Universität Bonn. Sein Berufswunsch: Pfarrer. Fünf, vielleicht sechs Jahre, so schätzt er, dauert es, bis er den Abschluss in der Tasche hat. Dann wäre Ebeler Anfang 60. Ungewöhnlich? „Für mich war es an der Zeit, etwas Neues anzufangen“, sagt er.

In die Schublade „Pfarrer“ passt der 56-Jährige schon rein optisch nicht. Groß ist er, breites Kreuz, muskulöse Arme, die von oben bis unten tätowiert sind. „Alle Tattoos haben einen christlichen Hintergrund“, sagt er. „Betende Hände, Adam und Eva. Und ein Bär.“ „Bär“ ist bis heute auch sein Spitzname, der noch aus den Zeiten stammt, als Ebeler in der Drogenhilfe gearbeitet hat.

Theologische Begeisterung seit der Jugend

Die christliche Prägung hat den Mann mit der tiefen, ruhigen Stimme sein Leben lang begleitet. „Es ist dabei nicht so, als sei mein Elternhaus besonders religiös gewesen“, sagt er. Gleichwohl habe es mit den Königswinterer Pfarrern Burkhard Leh und Max Koranyi zwei Menschen gegeben, die ihn schon als Jugendlichen geprägt und für die Theologie begeistert hätten. „Bis heute sind sie Bezugspersonen“, sagt er.

Als junger Mann engagierte sich Ebeler in der evangelischen Kirchengemeinde Stieldorf-Heisterbacherrott, organisierte Theaterstücke, unterstützte den Konfirmandenunterricht, begleitete Jugendfreizeiten nach Norwegen und in die USA. Nach der Schulzeit studierte er Soziale Arbeit an der FH in Köln und arbeitete in verschiedenen Jugendhilfe-Einrichtungen, zuletzt in Hannover. „Der Umgang mit schwer erziehbaren Kindern und Jugendlichen hat mir immer Freude gemacht“, sagt er. Trotz 70-Stunden-Woche. „Dennoch war der Wunsch, Theologie zu studieren, bei mir immer präsent.“

Initialzündung bei einer Reise nach Südafrika

Die Initialzündung kam während einer Reise nach Südafrika 2016. Die Gottesdienste, die er dort erlebte, beeindruckten ihn tief. „Die Menschen beten, singen, tanzen mit einer großen Selbstverständlichkeit“, sagt er. „Wie sie ihren Glauben leben, ist faszinierend.“ Auf dem Rückflug nach Deutschland habe er sich gesagt: „Wenn, dann jetzt.“ Ebeler reduzierte seine Arbeitsstunden, schrieb sich in Göttingen für Theologie ein, hörte Vorlesungen und büffelte Latein und Hebräisch

Doch wieder kam alles anders. Bei einem Besuch in der alten Heimat Königswinter lernte er seine heutige Frau kennen – und kehrte nach Vinxel zurück. Seine Studienpläne legte er erst einmal auf Eis. In einer Hennefer Jugendeinrichtung arbeitete der Sozialarbeiter mit Schulverweigerern. Bis seine Frau das Thema Studium wieder aufs Tableau brachte und Ebeler sich schließlich im vergangenen Jahr erneut einschrieb – an der Uni Bonn. „Meine Frau unterstützt mich wahnsinnig“, sagt er. „Ohne ihre Hilfe ginge es nicht.“

Studium und Arbeit nehmen viel Zeit in Anspruch

Ebelers Pensum hat es in sich. Obgleich er seine Arbeitsstunden in Hennef reduziert hat, ist sein Tag eng getaktet. „30 Arbeitsstunden pro Woche, 20 Stunden Vorlesungen und Seminare plus die Nachbereitung zu Hause“, zählt er auf. Für zwei Vorlesungsstunden sitze er bis zu vier Stunden am Schreibtisch, um den Stoff aufzuarbeiten. „Und Griechisch kommt erst noch“, sagt er. „Das muss ein richtiger Brocken sein.“ Zwischendurch engagiert er sich wieder in seiner Kirchengemeinde, hält Gottesdienste wie etwa zu Weihnachten in Birlinghoven. „Ich predige gerne“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Was reizt ihn an dem Studium? „Ich möchte wissen, wer der historische Jesus war“, sagt er. „Und dazu muss ich die Quellen verstehen, um in die Tiefe gehen zu können. Je älter ich werde, desto mehr gewinnt das für mich an Bedeutung.“ Seine Kommilitonen – im Schnitt gut 30 Jahre jünger als er – fänden „cool“, was er macht. „Freunde sagen: Endlich machst du’s. Für andere war ich eh immer der Paradiesvogel, die wundert es nicht.“

Ebeler selbst sieht es als Neustart mit 56. „Es ist doch verrückt, wie die Wege manchmal laufen“, sagt er und es klingt nachdenklich. „Hätte ich vor 20 Jahren Theologie studiert, wäre ich wahrscheinlich Taxifahrer geworden, weil es damals keine Stellen gab.“ Das habe sich grundlegend geändert. „Wir stehen vor einer Pensionswelle“, sagt er. „Mit Gottes Führung öffnen sich Türen.“ Trotzdem wolle er nicht „verbissen“ auf das Ziel hinarbeiten, Pfarrer zu werden. „Jetzt ist der Anfang gemacht. Wo es mich hinführt, sehe ich dann. Doch alleine jeden Tag dazuzulernen, ist ein Gewinn.“