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Kultur in Königswinter in neuem Gewand: Virtuoses Gitarrenspiel am Straßenrand

Kultur in Königswinter in neuem Gewand : Virtuoses Gitarrenspiel am Straßenrand

Eine Idee macht Furore: Die Oberdollendorfer Fensterkonzerte haben sich zu einem Erfolgsmodell gemausert. Auch beim Auftritt von Yuliya Lonskaya und Lulo Reinhardt, die mit ihrem virtuosen Gitarrenspiel begeisterten, avancierte sogar der Bordstein als Sitzgelegenheit. Und die Reihe wird fortgesetzt.

Wenn Lulo Reinhardt ins „Babbeln“ gerät, muss es dem 59-jährigen Gitarrenvirtuosen gefallen. Selten hat man den Weltstar, der in der Tradition der Sinti aufwuchs und in seiner Karriere immer neue musikalische Einflüsse in sich aufnahm, so ausgelassen im Dialog mit seinem Publikum erlebt wie beim Fensterkonzert in Oberdollendorf.

Open air am Wegesrand

Der Musiker aus Koblenz, da wird „gebabbelt“, kam am Samstag in Begleitung der weißrussischen Klassikgitarristin und Sängerin Yuliya Lonskaya. Statt auf einer Bühne sitzen die Musiker an der Ecke Römlinghovener Straße/Flurgasse auf Stühlen vor einem Wegekreuz und unter zwei stattlichen Bäumen. Ein Bestattungsinstitut mit Urnen im Schaufenster liegt direkt gegenüber. Spärliche, aber stimmungsvolle Beleuchtung. Alles ganz minimalistisch, was der Qualität der Musik aber keinen Abbruch tut.

Im Gegenteil. Die Zuhörer verfolgten den Vortrag so konzentriert, dass es teilweise mucksmäuschenstill war. Gelegentlich unterbrochen von einem langsam vorbeifahrenden Auto, die Straßen waren nicht gesperrt. Jeder Autofahrer, Radfahrer oder Spaziergänger wurde von Reinhardt mit einem Winken begrüßt.

Um den Gitarristen, mit dessen Namen man Latin, Swing und vor allem Weltmusik verbindet, hatte sich Veranstalter Thomas Mauel bereits im vergangenen Jahr bemüht, als er im ersten Lockdown die Idee zu den Fensterkonzerten hatte. Damals verfolgten tatsächlich viele Anwohner die drei Konzerte noch corona­konform von ihren Fenstern aus. Unter den Künstlern waren der Gitarrist André Krengel und Marion & Sobo, die eigentlich beim Petit Médoc aufgetreten wären, der bekanntermaßen aber wegen der Pandemie ausfallen musste.

Mittlerweile nehmen nicht nur Nachbarn auf Klappstühlen, Bierbänken oder einfach dem Bordstein Platz, viele mit einem Glas Wein in der Hand. Mitte Juli spielte der Bendorfer David Schmitt bereits vor rund 150 Zuhörern, ähnlich viele waren es am Samstag. Während Schmitt die Besucher mit seiner klassischen Gitarre und seinem Gesang ins Mediterrane entführte, ging die Reise dieses Mal um die ganze Welt.

Dabei war die Freude am Spielen den beiden Gitarristen deutlich anzumerken. „Das passiert, wenn man Künstler über 14 Monate einsperrt“, meinte Reinhardt. In dieser Zeit haben zwar die Auftritte gelitten, nicht aber die Kreativität. Viele Lieder des Konzerts waren im Lockdown entstanden. Die musikalische Reise führte dabei vom Atlas in Marokko über ein Wiegenlied aus Israel, eine Ballade aus Sibirien bis zu einem Freiheitslied aus der weißrussischen Heimat, das Lonskaya mit viel Pathos in der Stimme vortrug. Sie hat Weißrussland wegen der dortigen politischen Zustände den Rücken gekehrt.

Und immer wieder der Dialog mit dem Publikum. Für zwei Geburtstagskinder im Publikum, unter ihnen eine 91-jährige Frau, stimmte er einen musikalischen Geburtstagsgruß an. Und natürlich sangen alle mit. Am Ende gab es noch zwei Zugaben und das Versprechen an Thomas Mauel, im kommenden Jahr vielleicht wiederzukommen auf diesen kleinen Dorfplatz.

Vorher wird hier am 20. August noch der Bonner Jazz-Gitarrist und Sänger Gregor Salz auftreten. Eine Gage gibt es für die Musiker übrigens auch. Dazu geht Mauel bei jedem Konzert mit einem Hut durch die Reihen. Und das begeisterte Publikum gibt reichlich. Die anfängliche Skepsis einiger Musiker hat sich längst gelegt. Mittlerweile erhält Mauel Anfragen von Künstlern, bei denen sich die besondere Atmosphäre herumgesprochen hat. Der Organisator ist den Musikern wie seinen Nachbarn gleichermaßen dankbar: „Ich habe die besten Nachbarn, die die Konzerte von Anfang angenommen und zu einem echten Straßenfest gemacht haben.“