1. Region
  2. Siebengebirge
  3. Königswinter

Ausgrabungen am Ofenkaulberg: Wie das ehemalige Zwangsarbeiterlager in Königswinter aufgebaut war

Ausgrabungen am Ofenkaulberg : Wie das ehemalige Zwangsarbeiterlager in Königswinter aufgebaut war

Wo waren die Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg in Deutschland untergebracht? Ausgrabungen am Ofenkaulberg in Königswinter ermöglichen Einblicke in das Zwangsarbeiterlager der Kölner Firma Aero-Stahl. Dazu gibt es bis Mitte Januar eine Ausstellung.

Am 22. März 1945 meldeten amerikanische Zeitungen, in Königswinter hätten ihre vorrückenden Truppen eine „Underground Nazi factory“ entdeckt. Auch das ist ein Kapitel der sehenswerten Ausstellung zum Ofenkaulberg im Siebengebirgsmuseum, die noch bis Mitte Januar läuft.

In einer „Kostprobe“ berichtete Archäologe Christoph Keller vom LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland (LVR-ABR) über Ausgrabungen zu diesem Kapitel der Geschichte des Ofenkaulbergs gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Fundstücke vom Löffel bis zum Fingerring aus Metall und Fotos konnten die Besucher danach in der Präsentation in Augenschein nehmen.

Die Kölner Firma Aero-Stahl, die rüstungsrelevante Flugmotorenteile herstellte, hatte ihre Fabrikation, die zuvor nach Polen ausgelagert worden war und vor den anrückenden Truppen der Roten Armee wieder gen Westen verlegt wurde, im Ofenkaulberg angesiedelt, wo hallenartige Stollen vom früheren Steinabbruch für den Backofenbau die idealen Voraussetzungen bildeten für eine Fabrik unter Tage. Die Produktion von Deckelpumpen lief ab Januar 1945 in den unterirdischen Stollen. Dabei waren auch circa 400 Zwangsarbeiter im Einsatz. Bevor am 16. März amerikanische Truppen Königswinter und die Ofenkaulen erreichten, war Schluss mit der Produktion.

LVR-Amt führte 2019 Ausgrabungen durch

Wo waren die Zwangsarbeiter, die in verschiedenen, von Deutschland besetzten Ländern rekrutiert worden waren, untergebracht? Werksnah. In der Nähe des Stolleneingangs wurden Wohn- und Verwaltungsbaracken errichtet. Polnische Arbeitskräfte bildeten die größte Gruppe der Königswinterer Aero-Stahl-Zwangsarbeiter. Auch aus Russland, der Ukraine, aus der Tschechoslowakei, aus Italien, Holland, Belgien und aus Frankreich waren welche im Einsatz. Über das Kölner Besuchsprogramm kamen in den Jahren von 1995 bis 2006 insgesamt 18 Zeitzeugen nach Königswinter und berichteten auch im Siebengebirgsmuseum von ihren Erlebnissen. Ein italienischer Zwangsarbeiter hatte bereits in den 80er-Jahren ebenfalls die Originalschauplätze besucht und einen ausführlichen Bericht über diese Zeit verfasst.

2004 wurde ein Plan der sichtbaren Geländerelikte durch das Siebengebirgsmuseum und durch interessierte Ehrenamtler erstellt. Das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege führte dann im Herbst 2019 Ausgrabungen durch. Erfasst wurden dabei die im Gelände als ebene Podien erkennbaren Barackenstandorte. Außer diesen Wohnbaracken kartierte das Team von Christoph Keller drei Gebäudestandorte, die als Latrinen oder Sanitärgebäude gedient haben dürften. Und auch ein Massivbau sowie die unmittelbar daneben gelegene Küchen- und Kantinenbaracke gehörten zum Ensemble. Keller erläuterte, dass diese Befunde sich mit den Erinnerungen von Zeitzeugen decken, die von einer Unterbringung in Baracken mit außenliegenden Sanitäreinrichtungen berichtet hatten.

Vollständig erhaltene Betonfertigteile dokumentiert

"Um die Gebäude leicht und schnell aufstellen zu können, wurde eine Skelettbauweise mit einer geringen Anzahl von Betonfertigteilen konstruiert, die vor Ort nur noch eingebaut werden mussten", erläuterte Christoph Keller. In ihren Abmessungen waren sie so bemessen, dass sie mit maximal 200 Kilo Gewicht leicht von vier Arbeitern transportiert und versetzt werden konnten.

Der Archäologe zeigte Fotos von der Freilegung von Baracke Fünf. Die Freilegung eines Eckraums sowie die Vermessung der obertägig sichtbaren Baustrukturen ermöglichten die Rekonstruktion des Gebäudegrundrisses und der Inneneinteilung. Zusätzlich wurden vollständig erhaltene Betonfertigteile dokumentiert. Teilweise waren die Innenwände noch in einer Höhe von 70 Zentimetern erhalten; die Innenräume waren mit Bauschutt verfüllt. Darunter befand sich eine nur wenige Zentimeter starke Schicht aus Betonbruch.

Kerben ließen die Archäologen vermuten, dass vor der Zerstörung der Baracke einzelne Betonfertigteile mit Spitzhacken und Vorschlaghämmern zerschlagen worden waren. Der Grund: um die als Armierung enthaltenen Stahlstäbe als Rohstoff zu gewinnen. Keller: "Dieser Vorgang wurde wohl nur sehr oberflächlich durchgeführt – es gab noch reichlich Betonteile und Stahlstücke."

Baracken wurden nach dem Krieg als Notunterkunft benutzt

Der Beton-Estrich war nach Abtragen der zweiten Bauschuttlage sogar vollkommen unzerstört. Christoph Keller erläuterte die Bauweise, die wohl wegen Betonknappheit von der üblichen Bauanweisung abwich. Baracke fünf bestand aus zwölf Räumen – sie dürfte Platz für 108 Personen geboten haben, wenn von Doppelstockbetten und einem Tisch mit Stühlen pro Raum ausgegangen werde.

Alle Baracken des Lagers, sowohl die Wohn- als auch die Sanitärbaracken, sind wohl in Massivbauweise errichtet worden. Dafür sprechen die nicht mehr verwertbaren Bautrümmer, die südlich des Lagers in einem Tagesbruch entsorgt wurden. Nur noch eine überwucherte Ruine ist der Küchen- und Kantinentrakt: wegen Baufälligkeit war er in den 80er-Jahren niedergelegt worden. Als Notunterkunft wurden die Baracken nach dem Krieg auch von der Bevölkerung benutzt.