Nikolauslauf in Erpel Am Sonntag zum 50. Mal

ERPEL · Regen, den ganzen Tag nur Regen. Aufgeweicht muss der Waldboden dort oben auf der Erpeler Ley gewesen sein, an diesem 8. Dezember 1964. Das Leibchen von Gustav Disse wird schon getrieft, die klitschnassen Haare im Gesicht geklebt haben, als er zur Startlinie marschierte. Es ist der erste Nikolauslauf, zwölf Kilometer bis zum Auge Gottes und zurück, und Disse gehört zu den Favoriten.

 Warm anziehen mussten sich die Läufer beim Nikolauslauf auf der Erpeler Ley schon immer. Vieles andere hat sich über die 50 Jahre Laufhistorie aber verändert.

Warm anziehen mussten sich die Läufer beim Nikolauslauf auf der Erpeler Ley schon immer. Vieles andere hat sich über die 50 Jahre Laufhistorie aber verändert.

Foto: Homann

Der 30-Jährige, den sie den "Asket mit dem langen Atem" nannten, hatte an gleicher Stelle vier Jahre zuvor triumphiert - bei den Deutschen Waldlaufmeisterschaften. Doch diesmal ist alles anders. Es ist Dezember, es ist kalt. Und es regnet. Keine Stunde später hat er gewonnen, trotz allem. Er ist der erste Sieger der Turnierhistorie.

Wenn am morgigen Sonntag um 12 Uhr der Nikolauslauf auf der Erpeler Ley über die sechs großen Waldrunden gestartet wird, ist dies für den TuS Erpel 1911 die 50. Auflage dieser Sportveranstaltung. Sieben Jahre zuvor, als der TuS die Deutsche Waldlaufmeisterschaft ausrichtete, hatten der damalige Vorsitzende Peter Becker und sein Vorstand eine Idee: Lasst uns doch jährlich eine Laufveranstaltung auf der bestens geeigneten Erpeler Ley organisieren. Aus der Idee wurde ein Plan. Aus dem Plan ein Traditionslauf.

"Mein Vater hatte anfangs in unserer Küche den Lauf vorbereitet", erinnert sich Karl-Peter Becker. "Doch irgendwann wurde das Turnier immer größer und die Küche zu klein. Von da an hat er die Organisation im Rathaus gemacht." Sein mittlerweile verstorbener Vater zog die Strippen, viele andere halfen. Anruf bei Gustav Disse. Der Mann, der früher acht Stunden unter Tage malochte und danach zum Training ging, ist heute 80 Jahre alt.

Die Beine wollen nicht mehr so wie früher, aber klagen mag er auch nicht. An das Rennen hat er kaum noch eine Erinnerung, selbst den Regen hat er vergessen. Ist schließlich auch ein halbes Jahrhundert her, und gerannt ist er fast jede Woche woanders. "Ich weiß noch: Die Siegerehrung hat der Nikolaus übernommen", erinnert er sich. "Aber rufen Sie in einer Stunde noch mal an. Ich durchforste mal mein Archiv..."

Es dauerte nicht lange, da war der Lauf ein Zuschauermagnet und erregte bundesweites Interesse. Wegpassagen abseits der flachen Wanderwege prägten das Profil. Da war zum Bespiel die "Polleunis-Schlucht", der "Lutz-Philipp-Steilhang" oder die "Letzerich-Gerade", die dem Nikolauslauf ein unverwechselbares Gesicht gaben. "Zuschauerfreundlicher waren aber Läufe über die sechs großen Waldrunden, wie sie heute noch gelaufen werden", sagt der Ehrenvorsitzende Willi Hirzmann.

Nicht nur Disse gewinnt, auch andere erfolgreiche Läufer starten und triumphieren auf der Ley: Die 20 Jahre nach Disse prägen Lutz Philipp (von Phönix Lübeck, ab 1967 ASC Darmstadt) und Hans-Jürgen Orthmann. Von 1965 an siegte Lutz Philipp achtmal in Folge, bis Willy Polleunis aus dem crosslaufverrückten Belgien die Siegesserie 1973 beendete. Philipp aber bleibt ein "Volksheld" in der Region.

Wegen seines ungezwungenen Umgangs mit den jüngsten Fans und wegen seiner privaten Einbindung in den Ort. Seine unglaubliche Leistung ist in der 70er und 80er Jahren jedoch noch übertroffen worden - von Hans-Jürgen Orthmann. Dieser siegte von 1976 bis 1986 elfmal in Folge auf der Langstrecke. Während Philipp bereits 1967 zum Ehrenmitglied des TuS Erpel ernannt worden war, wurde diese Auszeichnung der "Sehne", wie der Silbermedaillen-Gewinner bei den Crosslauf-Weltmeisterschaften 1980 in Paris und 22-fache Deutsche Meister wegen seiner extrem schlanken Statur genannt wurde, 1986 angetragen.

Neben dem Langlauf wurde bereits im zweiten Jahr auch ein Mittelstreckenlauf über zwei Waldrunden eingeführt, allerdings zunächst auch nur für Männer. "Frauen gingen über die 3150 Meter erstmals 1968 an den Start", sagt Hirzmann. Die beiden ersten Rennen gewann Ellen Tittel, die von 1970 bis 1975 Deutsche Meisterin über 1500 Meter war. Und die Sportlerin des Jahres 1975 wiederholte ihren Erfolg als Ellen Wessinghage 1978, während ihr Mann Thomas parallel bei den Männern die Mittelstrecke beherrschte.

"Dank dieser Spitzensportler war das die Hochzeit unserer Läufe mit gut 1000 Startern. Und noch mehr Zuschauer pilgerten damals auf das Plateau", schwelgt der Ehrenvorsitzende in Erinnerung. Da war es nur naheliegend, dass der Namenspatron höchst spektakulär zum Startschuss erschien. "Peter und Josef Brandenburg schwebten in den ersten Jahren als Sankt Nikolaus und Knecht Ruprecht mit dem von Hans Riegel gesponserten Hubschrauber auf die Ley, um dort die Kinder mit Süßigkeiten zu beschenken, bevor sie die Sportler mit Heezemännern entlohnten", erinnert Willi Dühsdorf, der Jahrzehnte lang für die Meldungen zum Lauf zuständig war. Dann sei der Helikopter mit einem Fernsehteam wieder gestartet, das den Lauf aus der Luft aufnahm.

Zurück aus seinem Archiv, seufzt Gustav Disse in den Hörer: "Nichts gefunden." Nur ein Foto, aus dem Jahr 1961: Zu sehen ist darauf Disse, wie er sich in das Goldene Buch der Gemeinde Erpel einträgt. "Aber mir fiel ein: Ich wurde dort wahnsinnig warmherzig aufgenommen und bei einer Gastfamilie untergebracht, die sich ganz wunderbar um mich gekümmert hat", erzählt er. So ging es vielen. Am Ende sagt er: "Schön, dass Sie angerufen haben." Die Erinnerung an Erpel und den Nikolauslauf sei nun wieder erwacht. Eine schöne Erinnerung.

Soziales Engagement

"Auch wenn wir mit unserem Nikolauslauf, einer eher regionalen Sportveranstaltung mit 300 bis maximal 400 Sportlern, nicht mehr an die große Zeiten anknüpfen können, einen Gedanken haben wir neben dem sportlichen Event beibehalten: den des sozialen Engagements ", betont Wolfgang Richarz, der zurzeit den Verein mit Harald Willms leitet.

Gut 5000 Zuschauer hatten sich 1970 um Diskus-Weltrekordlerin Liesel Westermann und Europameisterin Jutta Heine auf dem Plateau gedrängt, als diese Autogramme gaben gegen Spenden, die der an Krebs erkrankten britischen Europameisterin Lilian Board eine Behandlung am Tegernsee ermöglichen sollten. Auch in den zurückliegenden Jahren wurde der Reinerlös beim Nikolauslauf einem wohltätigen Zweck zugeführt.

2005 unterstützte der TuS etwa die Krebsstation der Kinderklinik Sankt Augustin und 2010 wurde der "Förderverein Freibad Unkel" unterstützt. Dieses Jahr startet der 50. Nikolauslauf als Benefizveranstaltung für das Kinderhospiz Olpe, eine Einrichtung für unheilbar kranke Kinder.

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