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Charley und die Affenbande: Ein Besuch im Zoo Neuwied zu Corona-Zeiten

Charley und die Affenbande : Ein Besuch im Zoo Neuwied zu Corona-Zeiten

Mehr als 1800 Tiere leben im Zoo Neuwied. Nach der Corona-Zwangsschließung klafft jetzt ein großes Loch in der Kasse. Wie ist die Situation derzeit in dem Zoo? Eine Reportage.

Charley ist der Boss. Und das bei weitem nicht nur, wenn es um seine „Mädels“ Niki und Puni geht. Auch Zoodirektor Mirko Thiel weiß, was sich gehört. Und das ist vor allem ungeteilte Aufmerksamkeit für den Chef der Schimpansen-Gruppe, der sich auf Thiels Rufe hin am Rand der Außenanlage postiert hat.

„Normalerweise sucht er jetzt etwas, das er nach mir werfen kann“, sagt Thiel, als der 70-Kilo-Prachtbursche Jahrgang 1982 nochmal kurz hinter einer Baumgruppe verschwindet. Dass Thiel sich während des Gespräches von Charley abwendet, kommentiert der Schimpanse mit unmissverständlichem Kreischen. „Ja, ja. Du bist der Chef“, sagt Thiel und lacht.

Charley gehört zu den Stars im Zoo Neuwied. „Konkurrenz“ ist freilich nicht weit, das kann Franziska Günther nur unterstreichen und betont: Über die Tapire Mendoza und Maymay habe sie sich „riesig gefreut“. Die beiden sind wie viele andere „Südamerikaner“ in die 2018 eröffnete Prinz Maximilian zu Wied-Halle eingezogen. Die studierte Biologin leitet seit 2013 die Zooschule. Man kann es nachvollziehen, so sehr genießt Maymay auf der Außenanlage ihre Streicheleinheiten – „Tapire können das so lange, bis sie vor Entspannung einschlafen und umfallen“, so Thiel.

Tapir-Kuscheln ist Pfleger-Vorrecht

Nun ist Tapir-Kuscheln Pfleger-Vorrecht. Aber auch aus der Ferne faszinieren diese sanften Pflanzenfresser mit dem kurzen Rüssel, den Maymay geschickt nutzt, um eine Möhre zu vertilgen. Zum Essen haben die Schimpansen, die die 2006 eröffnete Anlage samt baumbestandenem Außengelände bevölkern, gerade keine Zeit.

Dass just die 1996 geborenen Niki und Puni Charley mit Hingabe Insekten und Hautschüppchen aus dem Fell klauben, veranlasst auch dort weitere Besucher, stehenzubleiben. Thiel: „Diese Körperpflege ist bei den Schimpansen ganz, ganz wichtig für die soziale Beziehung.“ Als Puni sich auch noch ihre karierte Kuscheldecke um die Schultern drapiert – Thiel: „Die Decke ist schon arg löchrig, wir haben es zigmal mit anderen versucht. Aber sie will immer nur diese eine“ – haben die Affen endgültig alle Augen auf sich.

Kuscheltiere sind sie freilich nicht, aber „Charley und ich verstehen uns“, so Thiel. Szenen wie jetzt gibt es jedenfalls nicht so häufig zu bestaunen. Auch die Schimpansen haben Gelegenheit, sich zurückzuziehen. Und das mit Bedacht: „Dass alle Zootiere sich den Blicken entziehen können, ist uns generell sehr wichtig.

Die Tiere brauchen alle ihre ausreichenden Rückzugsbereiche“, so Thiel beim Rundgang vorbei am Gehege der Berberlöwen und dem der Geparden hinauf zu den Pinguinen. „Es gibt 18 Pinguinarten weltweit, und nur zwei leben im ewigen Eis. Die Heimat der Humboldtpinguine ist Südamerika, ihr Becken im Inneren ist sogar beheizt, sonst würde es denen im Winter viel zu kalt“, erklärt Thiel dort der elfjährigen Greta Kuhsel.

Eigentlich Realschullehrer für Biologie

Einmal Pädagoge, immer Pädagoge: Thiel ist eigentlich Realschullehrer, unter anderem für Biologie. Zum Zoo verschlug es ihn aber schon als 13-jährigen „Hilfstierpfleger“. Ab 2001 war Thiel zunächst Leiter der Zooschule. 2011 trat er in die Fußstapfen des verstorbenen Biologen Heinrich Klein, unter dessen Leitung sich der Zoo bereits zu einem von gut 400 wissenschaftlich geführten Tierparks in Europa entwickelt hatte.

Der Zoo ist Mitglied in international agierenden Artenschutzverbänden und beteiligt sich an europaweiten Erhaltungszuchtprogrammen. In diese Programme ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten viel investiert worden. Fortlaufend neue Erkenntnisse in der Zootierhaltung und dass „Zoos als Artenschutzzentren immer wichtiger werden in der Welt“, nennt Thiel als Gründe. „Ein Zoo ohne Baustelle ist auf dem absteigenden Ast, hat mein Vorgänger immer gesagt.“

Wären da nicht die Mund-Nasen-Masken, die Thiel und Günther bei genügendem Abstand fürs Foto ablegen, oder die Tatsache, dass alle Tierhäuser aktuell für die Besucher geschlossen sind, könnte man dies für einen ganz normalen Zoo-Tag halten. Aber während der Corona-Pandemie ist auch das Zooleben anders.

Zwar darf der Zoo seit Ende April wieder unter Auflagen öffnen. Thiel und sein Team hatten dafür frühzeitig ein Konzept ausgearbeitet mit genügend Abstand im Kern, Maskenpflicht im Zooladen und einer entsprechenden Empfehlung für das gesamte Gelände und getrenntem Ein- und Ausgang. Auch Fütterungen und Veranstaltungen der Zooschule pausieren.

Die finanziellen Folgen der Zwangsschließung für 33 Tage aber sind erheblich. „Alleine an Ostern haben wir massiv verloren“, so Thiel – zumal es da „perfektes Zoowetter“ gab. Kurzarbeit für die 88 Mitarbeiter in Voll- beziehungsweise Teilzeit war keine Option. „Die Tiere müssen ja wie immer versorgt werden.“ Oder, um bei den Affen zu bleiben: Hier war mehr Beschäftigungsprogramm nötig, schließlich fehlte die Anregung durch die Besucher. „Das ist für die wie Fernsehen“, so Thiel. Auch habe man aus der Not eine Tugend gemacht und etwa geplante Änderungen an der Afrika-Wiese vorgezogen.

Auf rund eine halbe Million Euro summiert sich laut Thiel der finanzielle Ausfall. Eine bittere Bilanz, auch wenn die Maßnahmen in der Pandemie wichtig seien und das Zooteam die Umsetzung vorbehaltslos unterstütze. Trotzdem bleibt ein Riesenloch – und auch die 17.000 Euro, die das Land aktuell als Futtermittelzuschuss locker gemacht hat, sind im Vergleich wenig. Thiel betont jedoch, „wir sind wirklich froh über jeden Cent“. Ein ganz großes Dankeschön richtet er an die Förderer, Spender und Tierpaten, die ohnehin erheblich zur Finanzierung beitragen.

Eröffnet 1970 als privater „Tierpark Hubertushof“

Erstmals geöffnet wurde der Zoo 1970 als privater „Tierpark Hubertushof“. Anfang der 80er Jahre ging das Gelände an einen Tierhändler als eine Art Handelszoo: Tiere wurden gekauft, ausgestellt und weiterverkauft. 1985 musste der Pächter aufgeben, nicht zuletzt wegen großer Vorbehalte in Sachen Natur-, Tier- und Artenschutz. Der Zoo stand vor dem Aus.

Die Wende brachte der 1984 von engagierten Bürgern gegründete Förderverein, der bis heute Träger ist – und das bei einem Jahresetat von rund drei Millionen Euro, gut 1800 Tieren aus mehr als 185 Arten von A wie Arizona-Bergkönigsnatter bis Z wie Zweifinger-Faultier. Als Privatzoo nehmen sich die öffentlichen Mittel gering aus; einzig Kreis und Stadt schießen insgesamt rund 185.000 Euro zu.

Die öffentliche Förderung liegt damit laut Verein bei rund 8,5 Prozent, gut 90 Prozent müssen selbst aufgebracht werden. Etwa 60 Prozent davon kommen aus Eintrittsgeldern. Förderer und Spender schießen einen großen Beitrag zu. Und die lassen ihren Zoo auch jetzt in der Krise nicht hängen: Nach einen Aufruf kamen nochmals 100.000 Euro zusammen. Thiel: „Das war für uns alle hier auch emotional ganz wichtig. Es zeigt, dass unsere Arbeit wertgeschätzt wird.“

Das würden die Besucher, die wie im Bienenhaus und an den Stationen der Zooschule auch im vermeintlich Kleinen viel entdecken und lernen können, sicher unterschreiben. Und auch sie leisten mit ihrem Besuch dazu einen wichtigen Beitrag.