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Windhagen: Nicht nur logistisch eine Meisterleistung

Windhagen : Nicht nur logistisch eine Meisterleistung

Das Gelände am Windhagener Forum dient 700 Fluthelfern aus Schleswig-Holstein als Basis für den humanitären Einsatz.

Normalerweise wird im Windhagener Forum gefeiert, in der Dreifeldhalle nebenan geben sich Sportler ein Stelldichein. In Folge der Flutkatastrophe an der Ahr ticken die Uhren allerdings auch in der Gemeinde am Rande des Westerwaldes anders: Auf dem Gelände entstand das zweitgrößte Bereitstellungszentrum in der Region, mit freiwilligen Einsatzkräften aus Schleswig-Holstein. Die Windhagenerin Michaela Soost hat den Einsatz für den General-Anzeiger in Wort und Bild dokumentiert.

Die Schäden im Überflutungsgebiet an der Ahr sind unermesslich und bislang wohl auch immer noch nicht bis ins Detail abzusehen. Um die Katastrophe zu bewältigen, hatte das Land Rheinland-Pfalz beim Katastrophenschutz in ganz Deutschland um Hilfe gebeten. Aus Schleswig-Holstein reisten mehr als 700 Freiwillige verschiedener Organisationen in Windhagen an. Es entstand so das zweitgrößte Lager neben jenem am Nürburgring in Rheinland-Pfalz.

Von Windhagen aus wurde der Einsatz im Überflutungsgebiet organisiert und wurden die Hilfskräfte koordiniert, die in zwei Abschnitten in Bad Neuenahr-Ahrweiler sowie in Sinzig und in Schuld tätig waren. Für die Organisation, die Logistik, die Versorgung vor Ort und im Einsatzgebiet waren allein mehr als 100 Einsatzkräfte von DRK, DLRG, Freiwilliger Feuerwehr, Arbeiter-Samariter-Bund und Malteser Hilfsdienst aktiv.

Nach zehn Tagen ohne elektrische Versorgung übernahmen die Logistik- und Betreuungseinheiten aus Schleswig-Holstein unverzüglich die Versorgung der Bürgerinnen und Bürger in der besonders betroffenen Gemeinde Schuld. Täglich 1500 warme Mahlzeiten wurden zubereitet, zwei Betreuungseinheiten wurden vor Ort fest installiert. „Es ist zwar stressig, aber total erfüllend. Wir haben das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden.“, berichtete Florian Kutzke, der für die Versorgung verantwortlich zeichnet. Das Pfarrzentrum entwickelte sich zu einer einzigartigen Anlaufstelle für Betroffene und Helfer gleichermaßen.

Das Technische Hilfswerk unterstützte im Einsatzgebiet mit eigenem schwerem Gerät und zahlreichen Helfern und Helferinnen die Aufräumarbeiten. Schuttberge, zerstörte Fahrzeuge oder Trümmer wurden mit Radladern und Baggern geborgen, auf Lkw-Kipper geladen, zu zentralen Müllplätzen transportiert und somit Straßenzüge freigelegt. Bei der stark beschädigten Wache der Freiwilligen Feuerwehr in Ahrweiler leisteten die Feuerwehren aus Rendsburg-Eckernförde Aufräumarbeiten.

Diese und viele weitere wirklich dringend notwendige Arbeiten im Einsatzgebiet wurden von den freiwilligen Helfern aus Norddeutschland geleistet. Was an Organisation, Logistik und Bereitstellung aber noch so dahinter steckte, war eine ganz andere Sache. Mehrfach betonten die Einsatzleiter die große Unterstützung durch die Gemeinde Windhagen und den Ortsbürgermeister Martin Buchholz sowie vieler umliegender Firmen, die mit Hilfsmitteln, technischem Gerät oder sonst helfend zur Seite standen, um die Logistik und Versorgung auf die Beine zu stellen.

Das Forum und die Dreifeldhalle dienten als Schlafsäle, der Wirtgen-Parkplatz bot den zahlreichen Einsatz-Fahrzeugen Abstellmöglichkeiten. In der Lkw-Waschstraße Truck Wash A 61 am Dachsberg wurden insgesamt über 800 Fahrzeuge vom mit Fäkalien, Chemikalien oder sonstigen Rückständen verseuchten Schlamm und Staub gereinigt.

Mit der Außenreinigung der Einsatzfahrzeuge war es nicht getan. Anschließend erfolgte die Säuberung und Desinfizierung der Schuhe, Werkzeuge und des Wageninnenraums. „Dies ist nach jedem Einsatz notwendig, um der Verbreitung von Keimen und somit der Ausbreitung von Krankheiten vorzubeugen.“, so der Abschlussleiter Dekon Volker Arp.

Um die Dekontaminationsstrecke zu vervollständigen, musste aber auch die Einsatzkleidung nach jedem Einsatz desinfiziert und in einer Wäscherei gewaschen werden. Zum Duschen stand den Helfern ein eigens errichtetes beheiztes Dekontaminations-Duschzelt mit warmem Wasser zur Verfügung.

Die mitgebrachte und auf dem Wirtgen-Parkplatz stationierte mobile Kfz-Werkstatt war ebenfalls Gold wert. Ausgestattet mit zahlreichen Ersatzteilen und Werkzeugen konnten 109 Reparaturen an Fahrzeugen oder Gerätschaften direkt vor Ort durchgeführt werden. Selbst die Beschaffung spezieller Ersatzteile funktionierte über Nacht, sodass die dringend benötigten Fahrzeuge schnell wieder im Einsatz waren.

Neben den Sanitätern der verschiedenen Organisationen, zwei Ärzten und einer Apothekerin leisteten 15 Mitglieder des Psychosozialen Dienstes wichtige Unterstützung, darunter Pastorinnen und Pastoren. Notfallseelsorgerin Margarethe Kohl: „Normalerweise rücken wir eine Stunde nach einem schweren Unglück an. Das war dieses Mal anders. Hier sind Menschen, die haben seit zehn Tagen nicht geduscht. Ihr Haus können sie nicht mehr betreten. So eine Situation kann sich kaum jemand vorstellen.“

„Ich war schon in vielen Einsatzgebieten, sogar in Kabul/Afghanistan, aber so etwas wie im Ahrtal habe ich bislang noch nicht gesehen. Das ist weit schlimmer als alles andere, was ich bislang erlebt habe.“, bilanzierte ein Feuerwehrmann aus Rendsburg-Eckernförde. „Die Dankbarkeit der Menschen in der Region zeigt, dass unsere Hilfe ungemein wichtig ist“, betonte der Leiter des Mobilen Führungsstabes, Carsten Herzog von der Berufsfeuerwehr Flensburg.

Fazit des Einsatzes: 1430 Einsatzkräfte der Feuerwehren, Hilfsorganisationen, des Katastrophenschutzes und THW leisteten in zwei Kontingenten wichtige humanitäre Hilfe im Überflutungsgebiet. Es waren insgesamt 170 Fahrzeuge im Einsatz, 2100 Essen wurden täglich für die freiwilligen Helfer zubereitet, weitere 1500 Mahlzeiten in Schuld und 700 Lunchpakete gepackt sowie 18 000 Liter alkoholfreie Kaltgetränke verbraucht – das sind zwei Sattelzüge. Nicht verwertete noch frische Lebensmittel wurden an die Neuwieder Tafel weitergegeben, bevor die Schleswig-Holsteiner wieder die Heimreise antraten.