Veterinäramt greift gegen Landwirt durch

Brigitte Dichgans bewahrt eine Herde verwahrloster Schafe aus dem Kreis Neuwied vor dem Hungertod

  Zerrupft  sehen die Schafe immer noch aus, aber das Fell wächst nach und nun haben sie Gras, Heu, Wasser und einen Unterstand.

Zerrupft sehen die Schafe immer noch aus, aber das Fell wächst nach und nun haben sie Gras, Heu, Wasser und einen Unterstand.

Foto: Homann

Kreis Neuwied. Drei Nächte lang konnte Brigitte Dichgans nicht schlafen, nachdem sie das Leid einer Schafeherde erstmals selbst gesehen hatte. Zahlreiche Bürger einer Gemeinde aus dem Großraum Linz hatten bei der bekannten Tierschützerin vom Verein Tier-, Natur- und Artenschutz Bad Honnef, Unkel und Umgebung angerufen und sie dringend um Hilfe gebeten.

Der Grund: Ein Landwirt ließ eine etwa 30-köpfige Herde in einem eingezäumten Gelände vor sich hin vegetieren. Was eine Weide sein sollte, erinnerte eher an eine Schlammgrube: das Gras bis zur Narbe abgefressen, es gab weder eine Wasserstelle, geschweige denn einen Unterstand.

Auch die Lämmer wurden offensichtlich ohne menschliche Hilfe geboren: Lange Nabelschnüre gaben ein eindeutiges Zeugnis mangelnder Fürsorge ab. Als Bewohner der Ortschaft beobachteten, dass bereits das dritte Lämmchen tot auf der Weide lag, von Krähen halb aufgefressen, musste etwas geschehen.

"Es war einfach erbärmlich", erinnert sich die Rentnerin mit Schaudern. Die Tiere waren nicht nur halb verhungert. Da sie durch den Zaun immer wieder versuchten, an Futter zu kommen, waren ihre Hälse auch völlig kahl und verletzt. "Die Weide sah aus wie eine Müllkippe, verrostete alte Traktoren und andere Geräte standen herum", berichtet Dichgans.

Nachdem die Ohlenbergerin die Tiere in Augenschein genommen und alles fotografiert hatte, ging sie sofort zur Polizei und bat um Hilfe. Selbst aktiv werden - etwa die Tiere wegholen - darf die Tierschützerin nicht. Dabei hatte es genau vor einem Jahr schon einmal ähnliche Vorkommnisse gegeben, viel passiert war dem Landwirt damals allerdings nicht. "Er hat wohl Auflagen hinsichtlich der Haltung bekommen, genützt hat es aber nichts", so Tierschützerin Dichgans.

Doch diesmal wurde sie bei der Polizei mit einem derartigen Nachdruck vorstellig, zeigte die Fotos der abgemagerten Tiere und redete mit Engelszungen auf die Beamten der Polizeiinspektion Linz ein, dass sie unverzüglich eine Tierärztin des Kreisveterinäramtes verständigten.

Diese machte kurzen Prozess: "Einige Stunden nachdem ich bei der Polizei war, klingelte mein Telefon", erinnert sich die Tierschützerin an den Anruf der Veterinärin an Karnevalsfreitag. "Sie sagte, sie hätte die Tiere beschlagnahmt." Nun war es an der Tierschützerin, für alles Weitere zu sorgen.

Zwar war die Leidenszeit der Schafe vorbei, doch Brigitte Dichgans fand erst Ruhe, als sie eine schöne Wiese gefunden hatte. Diese musste allerdings erst zur Weide umfunktioniert werden: Einzäunen, Unterstand bauen, alles musste innerhalb kürzester Zeit erledigt werden. Das ging nur Dank der schnellen Hilfe des Tierschutzvereins Arche Noah und einiger Mitglieder ihres Vereins, die elektrische Zäune zur Verfügung stellten.

"Ich werde nie vergessen, wie glücklich die Tiere waren, als sie das erste Mal auf die Weide kamen", meint sie strahlend. Die Veterinärin kam mit dem Transporter angefahren, wo die Tiere in Boxen untergebracht waren. Einzeln wurden die Schafe auf die Weide "gescheucht" oder getragen. "Erst haben sie geguckt und dann haben sie einfach nur noch gefressen."

Auch heute, zwei Wochen später, trinken die Tiere immer noch sehr viel. "Wahrscheinlich sind sie immer noch ausgetrocknet", vermutet Dichgans, die froh ist, dass sie alle Tiere retten konnte und auch die Lämmer über den Berg sind. Der Landwirt bekommt seine Tiere nie wieder, ist sich die Tierschützerin sicher. Auch eine Strafe wird er bekommen, da weiß sie den weiteren Gang der Dinge beim Kreisveterinäramt in guten Händen.

Mit dem Tierschutzverein in Verbindung setzen kann man sich über die kostenlose Hotline (0 70 00) 1 23 08 45.

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