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Coronavirus im Rhein-Sieg-Kreis: Corona-Infizierte berichtet über Krankheit

„Es kann jeden treffen, überall“ : Wie eine Familie aus dem Rhein-Sieg-Kreis die Erkrankung an Covid 19 erlebte

In ihrer Familie waren alle mit dem Coronavirus infiziert, am schlimmsten traf es den bereits vorerkrankten Mann von Sabine P. Sie berichtet von der Zeit, in der sie um sein Leben bangte und appelliert an die Menschen, die Corona-Regeln einzuhalten.

Es war der 22. März, ein Sonntag. Kein gewöhnlicher, ein neues Virus beherrschte die Welt. Die Beschränkungen wegen der Corona-Pandemie waren gerade noch einmal verschärft worden. Für Sabine P. ist es der Tag, der das Leben ihrer gesamten Familie grundlegend änderte. „Mein Mann fühlte sich schon vorher nicht gut, war auch nicht mehr im Geschäft gewesen“, erzählt sie.

An diesem Tag überschlugen sich die Ereignisse. Hausarzt; Rettungswagen, Intensivstation, künstliche Beatmung. Schließlich die Gewissheit: Die Erkrankung, die ihren Mann von jetzt auf gleich aus dem Alltag riss und nun sein Leben bedrohte, heißt „Corona Virus Disease 2019“, kurz Covid 19. Heute, nach vielen schweren Wochen zwischen Hoffen und Bangen, ist ihr Mann langsam auf dem Weg der Besserung, kann die Reha beginnen. Und Sabine P. hat eine einfache und doch eindringliche Botschaft: „Es kann jeden treffen, überall. Nehmt dieses Virus ernst, denn es kann tödlich sein.“

Zuspruch und Unterstützung sind wichtig

Auf der Anrichte im Wohnzimmer der Familie stehen viele Genesungskarten, eine Kerze brennt. „Ich habe hunderte Teelichter verbraucht in dieser Zeit“, sagt die 57-Jährige. Der Zuspruch ist ihr wichtig, die Unterstützung von Familie, Freunden, vertrauten Seelsorgern und Ärzten ebenso wie die vielen Briefe und Anrufe. „Auch wenn ich manchmal schon an meine Grenzen komme. Aber es gibt so viel Herzlichkeit auch und gerade in dieser Zeit“, sagt sie. Sachlich und emotional zugleich lässt sie die vergangenen Wochen Revue passieren. Zu dramatisieren ist ihr Anliegen nicht, wohl aber zu mahnen, aufzurütteln: Diese Sache ist noch lange nicht vorbei.

„Man hat uns gesagt: Die machen hier jetzt alles dicht. Da habe ich zum ersten Mal gedacht: Da kommt etwas auf uns zu, das wir nicht abschätzen können“, berichtet sie von einem Aufenthalt auf Mallorca. Fast täglich waren inzwischen auch hierzulande schärfere Maßnahmen getroffen worden, die wie überall auch in ihrer Familie das tägliche Leben beeinflussten. Keine Kontakte außerhalb des eigenen Hausstandes, die Schwiegereltern, beide über 80, „hatten wir längst komplett abgeschirmt, haben die Einkäufe nur noch im Aufzug hoch geschickt“. Nachbarschaftshilfe wurde organisiert, man kennt sich, man steht sich bei. Trotz aller Einschränkungen habe sie nie gezweifelt: „Die Maßnahmen sind wichtig und richtig, auch wenn das alles extrem schwer fällt.“

Ansteckung lässt sich nicht nachvollziehen

Die Familie ist fest verwurzelt in der Heimatstadt. Ihr Mann ist Präsident des größten Karnevalsvereins, sozial engagiert, ein bekanntes und geschätztes Mitglied der Gesellschaft. Als Mitinhaber eines großen Lebensmitteleinzelhandels stand er im Beruf vor der Herausforderung, den täglichen Bedarf zu organisieren und zugleich alles zu tun, um Mitarbeiter und Kunden zu schützen. „Die Menschen müssen doch versorgt werden, hat mein Mann immer gesagt.“ Das Hamstern hatte da schon begonnen.

Wann und wo sich der 58-Jährige trotz aller Vorsicht mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert hat, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Fest steht nur: Er brachte es mit nach Hause. Im Gegensatz zu ihm, der als Asthmatiker zudem eine Vorerkrankung hat, verlief die Infektion bei seiner Familie glimpflich. Seine Frau und der 20-jährige Sohn überstanden Sars CoV-2 ohne Symptome. Die Tochter erkrankte, „lag ein paar Tage richtig flach“, erholte sich jedoch schnell. Die 25-Jährige war bald genesen, und auch die weiteren Tests der Familienmitglieder fielen dann alle negativ aus.

Besuch war lange untersagt

„Zunächst aber stand das Ordnungsamt vor der Tür“, sagt Sabine P. Mitarbeiter der Behörde überbrachten die Quarantäneverfügung. Für Sabine P., ihre Kinder und die ganze Familie war das der Auftakt eines Martyriums. Denn während die Ärzte in der Universitätsklinik um das Leben ihres Mannes kämpften, war jeder Besuch untersagt, auch über die eigene Quarantäne hinaus. „Man funktioniert irgendwie. Man muss ja“, beschreibt Sabine P. die folgende Zeit. Jeden Tag fuhren sie und die Kinder nach Bonn, stellten sich unter die Fenster der Intensivabteilung, um dem Mann und Vater „mental nahe zu sein. Atme, habe ich immer gesagt, atme.“

Zweimal am Tag zu festen Zeiten waren Anrufe möglich, um mit den Ärzten zu sprechen – Termine, die nicht nur den ganzen Tagesablauf bestimmten, sondern schon Stunden zuvor keinen anderen Gedanken mehr zuließen. „Ich bin als gläubiger Mensch aufgewachsen. Und auch, wenn wir nicht andauernd in die Kirche gehen: Meine Kinder haben das Beten gelernt“, sagt Sabine P. über die vergangenen Wochen, die zugleich die Familie noch enger zusammenrücken ließen.

Bis endlich, endlich, der erste Besuch am Krankenbett möglich war, vorerst freilich nur für sie allein, unter strengsten Auflagen. Sabine P.: „Auch Ärzte und Pfleger brauchen allein 15 Minuten, um sich anzuziehen. Wenn man es nicht erlebt hat, kann man es sich kaum vorstellen.“ Wenn sie dann höre, dass auf der Station auch ein Patient aus Italien behandelt wird, der „hier niemanden hat und aufwacht in einem Land, dessen Sprache er nicht einmal spricht, das ist doch furchtbar“, nimmt die 57-Jährige Anteil auch am Schicksal anderer. Und organisiert, dass ein Genesungsschreiben ins Italienische übersetzt wird.

Unbedingter Respekt vor Ärzten und Pflegern

„Was mein Mann geschafft hat, das schafft einer unter Tausend, sagen die Ärzte.“ Was sie schon zuvor nie in Abrede gestellt hätte, erfuhr durch das persönliche Erleben neue Bestätigung: der unbedingte Respekt vor Ärzten und Pflegepersonal. „Was da für alle Patienten geleistet wird, ist wirklich unvorstellbar.“ „Du wachst auf und die Welt ist eine andere“, beschreibt Sabine P. zugleich, wie es ihrem Mann ergangen ist.

Von Kontaktbeschränkungen, Maskenpflicht und anderen Maßnahmen erfährt er Stück für Stück aus Erzählungen. Und macht sich zugleich auf den weiteren Weg der Genesung. „Das ist ein langer Weg. Aber wir gehen ihn Tag für Tag“, sagt seine Frau. Eine Prognose gebe es nicht, „man weiß einfach noch zu wenig über diese Erkrankung“. Daran, dass sich das ändert, will die Familie mitwirken: Zweimal schon hat die Tochter Plasma gespendet, da sie eine große Anzahl Antikörper aufweist. Und die Mutter hat der Teilnahme an einer Langzeitstudie zugestimmt.

Drängelnde Menschen in Innenstädten sind beklemmend

„Du kannst deine Eltern anstecken oder deine Großeltern oder Freunde, die eine Vorerkrankung haben, von der du nichts weißt“, zitiert Sabine P. ihre 25-jährige Tochter. Das sollten auch junge Menschen bedenken, wenn sie sich vermeintlich in Sicherheit wiegen, so ihr Appell. Dass sich die Menschen wieder in Fußgängerzonen drängen, die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie angezweifelt oder ignoriert werden, findet die 57-Jährige „einfach nur beklemmend“.

„In Deutschland waren wir zum Glück gut vorbereitet, aber andere Länder sollten uns eine Warnung sein. Ich weiß, ich bin hier alles andere als objektiv. Aber das Gefährliche ist doch, dass man selbst keine Symptome haben muss, aber trotzdem das Virus weitergeben kann. Und das Thema wird bleiben, bis es einen Impfstoff gibt“, so ihr Fazit. Wer daran trotzdem zweifelt, dem empfiehlt sie „fünf Minuten auf einer Intensivstation. Dort lernt man Demut.“