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Zeitzeugenspräch in Lohmar: Das Cello rettete ihr das Leben

Zeitzeugenspräch in Lohmar : Das Cello rettete ihr das Leben

Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch erzählt Oberstufenschülern ihre Lebensgeschichte und ihr Schicksal unter der Nazi-Diktatur

Anita Lasker-Wallfisch gehört zu den letzten Überlebenden des Mädchenorchesters aus dem Konzentrationslager in Auschwitz. Eindrucksvoll und ergreifend berichtete die 90-Jährige Schülern der Oberstufe gestern am Gymnasium Lohmar von der Zeit ihrer Inhaftierung und ihres Überlebens in Auschwitz und Bergen-Belsen. Ihre Geschichte hat die Zeitzeugin in ihrer Autobiografie „Ihr sollt die Wahrheit erben“ aufgeschrieben. Daraus las sie beim Zeitzeugengespräch vor.

Anita Lasker-Wallfisch ist die jüngste von drei Töchtern des jüdischen Rechtsanwalts Alfons Lasker und dessen Ehefrau Edith, einer Geigerin. Während es den Eltern Ende 1939 gelang, die älteste Schwester Marianne nach England in Sicherheit zu bringen, mussten die jüngeren Schwestern, Renate und Anita, in Breslau bleiben.

Als ihre Eltern 1942 deportiert und ermordet worden waren, war Anita 16 Jahre alt. Ihre Schwester Renate und sie kamen in ein Waisenhaus und mussten in einer Papierfabrik arbeiten. Dort versuchten sie mit Hilfe eigenhändig gefälschter Pässe nach Frankreich zu entkommen, wurden aber schon am Bahnhof von Breslau verhaftet und wegen Urkundenfälschung zu Zuchthausstrafen verurteilt. „Ich werde nie aus dem Staunen herauskommen, woran sich ein Mensch alles gewöhnen kann“, erzählte die 90-Jährige während ihres Vortrags. Sogar eingeschlossen, in einer stinkenden, unbequemen Zelle, entwickelte sich eine Art Routine. „Obwohl ich anfangs dachte, dass ich es unmöglich aushalten könnte, habe ich es in der Tat sehr gut ausgehalten. Später im KZ habe ich oft an meine Gefängniszeit zurückgedacht, so wie man an einen angenehmen Ferienaufenthalt zurückdenkt“, berichtete die 90-Jährige.

Im Dezember 1943 wurde Anita Lasker nach Auschwitz deportiert. Als verurteilte Kriminelle wurde sie mit einem Gefangenentransport in das Lager gebracht und entging so der bei Sammeltransporten mit Juden üblichen Massenselektion, bei der die meisten der Ankommenden sofort in die Gaskammern geschickt und ermordet wurden. Noch heute erinnert sie sich an „bellende Hunde, entsetzliches Geschrei und ungeheuerlichen Gestank“. Unmittelbar nach ihrer Ankunft erwähnte die 18-jährige Anita, dass sie Cello spiele. „Das hat mir im Grunde das Leben gerettet“, sagte Anita Lasker-Wallfisch. Da die Lagerkapelle dringend ein Cello brauchte, spielte sie als Cellistin im Häftlingsorchester mit.

Später wurde auch Anitas ältere Schwester Renate nach Auschwitz deportiert. Im November 1944 wurden beide dann ins Konzentrationslager Bergen-Belsen transportiert. Dort wurden die Zustände täglich schlechter. „Die Leichenhaufen wurden höher und höher“, erzählte sie. Am 15. April 1945 befreiten britische Truppen das Lager. „Ich war damals 19 Jahre alt, aber ich fühlte mich wie 90.“ Nach ihrer Befreiung und einem knappen Jahr in Brüssel wanderten die Schwestern nach Großbritannien aus. England ist zur neuen Heimat der Cellistin geworden, die später als Berufsmusikerin durch die Welt reiste. Das Cello zieht sich bis heute wie ein rotes Band durch die Familie. Ihr Sohn Raphael ist ein bekannter Cellist und auch ihre Enkel sind Musiker.

„Haben wir etwas gelernt? Ziemlich wenig, wie es scheint“, gab die Zeitzeugin zu bedenken. Anita Lasker-Wallfisch betonte, wie wichtig es für sie ist, als Zeitzeugin in der heutigen Zeit an den Holocaust zu erinnern. Antisemitismus sei eine Gefahr, die noch immer nicht ausgestorben sei: „Niemand ist mit einem Etikett wie Übermensch oder Untermensch auf die Welt gekommen. Die Etiketten haben wir erfunden.“