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Diskussion um Mitgliedschaft: Das macht die Metropolregion Rheinland für den Rhein-Sieg-Kreis

Diskussion um Mitgliedschaft : Das macht die Metropolregion Rheinland für den Rhein-Sieg-Kreis

Kritiker aus dem Kreis wollen aus der Metropolregion Rheinland aussteigen. Das Führungsduo sagt, warum das falsch wäre.

Die sofortige Beendigung der Mitgliedschaft des Rhein-Sieg-Kreises im Verein Metropolregion Rheinland hatten das Bündnis aus der Gruppe Freie Wähler (FUW)-Piraten und der Fraktion Die Linke in der letzten Sitzung des Kreistags beantragt. Das wurde zwar mehrheitlich abgelehnt, aber auch aus anderen Fraktionen wurde Verständnis für die Unzufriedenheit der Antragsteller geäußert.

Man will nun die Evaluation abwarten, um dann endgültig zu entscheiden, ob der Kreis weiterhin in dem Verbund bleiben soll. Die Initiatoren sind der Ansicht, die 22 000 Euro, die der Kreis jährlich beisteuert, seien nicht gerechtfertigt und brächten der Region überhaupt nichts.

Tatsächlich? „Der Verein musste zunächst grundlegende Strukturen aufbauen, bevor er in die strategische und operative Arbeit gehen konnte“, erklären Kirsten Jahn und Ulla Thönnissen, die im Frühjahr 2019 die Geschäftsführung übernommen haben.

Die Metropolregion Rheinland (MRR) wurde im Jahr 2017 mit dem Ziel gegründet, die Kräfte der 35 Mitglieder zu bündeln, um das Rheinland im nationalen, internationalen, vor allem europäischen Wettbewerb besser zu positionieren. Zur MRR gehören elf kreisfreie Städte, zwölf Landkreise, die Städteregion Aachen, sieben Industrie- und Handelskammern, drei Handwerkskammern und der Landschaftsverband Rheinland.

Wenn man sich die Darstellung und den Vergleich der MRR mit anderen Metropolregionen in Deutschland ansieht, müsste sie eigentlich ein Selbstläufer sein. Nummer eins bei der Zahl der Erwerbstätigen (4,7 Millionen), Nummer eins bei den Hochschulstandorten (64), Nummer eins bei Exzellenzclustern (10), Nummer eins bei der Anzahl von Hochschulpersonal (rund 81 500) und Nummer eins bei der Anzahl der Professoren (4758). Ebenso Nummer eins bei der Beschaffung von Drittmitteln (rund 868 Millionen Euro) vor Berlin-Brandenburg mit 703 Millionen Euro und München mit rund 646 Millionen Euro.

Die Metropolregion Rheinland hat ihre Büros in Köln-Deutz. Geschäftsführerinnen sind Kirsten Jahn (links) und Ulla Thönnissen. Foto: Dylan Cem Akalin

Rheinland als Denkfabrik

Außerdem zieht das Rheinland mit seinen Hochschulen mehr als 350 000 Studierende aus dem In- und Ausland an. Weitere Zahlen, die das Rheinland als Denkfabrik hervorheben: mehr als 50 000 Absolventen und Promotionen in einem Jahr, 190 Forschungseinrichtungen. Davor ist nur noch Berlin-Brandenburg mit 225 Einrichtungen. Auch bei den Hightech-Gründungen liegt das Rheinland ziemlich weit vorne.

„Wenn das Rheinland wüsste, was das Rheinland weiß…“, sagt Thönnissen. Und das gelte eben auch für das Image der Region deutschlandweit und international. Es sei wichtig, dass die Region mit einer starken Stimme spreche – egal ob es um die Forderungen bei der Finanzierung von Infrastrukturmaßnahmen wie etwa in Straße, Schienen oder den Nahverkehr gehe oder das Standortmarketing.

„Wenn es um Neuansiedlungen von Unternehmen, internationalen Organisationen oder Forschungseinrichtungen geht, dann steht immer die Frage im Vordergrund: Wa­rum lohnt es sich, ins Rheinland zu investieren?“ Für die globalen Player in der Wirtschaft zähle bei der Entscheidung um einen Standort längst nicht nur der kommunale Gesichtspunkt: „Da zählt die Region, da zählen die großen Netzwerke, Strukturen und die Lebensqualität“, sagt Jahn und nennt das Beispiel der Zurich Versicherungen, die ihre Standorte in Köln und Bonn in der Domstadt konzentriert haben. „Da geht es regional gesehen darum, solch ein Unternehmen in der Region zu halten. Auch Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis profitieren davon.“

Rheinspange und Rheinuferbahn

Wie sehr die Region miteinander verflochten sei, zeigten doch zwei prominente Projekte in der Region: die geplante Rheinspange zwischen Köln und Bonn und die rechtsrheinische Rheinuferbahn zwischen Beuel und Köln: „Solche Projekte sind nur gemeinsam möglich“, sagt Jahn, die bis 2019 Fraktionsvorsitzende der Grünen im Kölner Stadtrat war.

Im Forschung- und Wissenschaftsbereich bestehen solche Netzwerke über kommunalen Grenzen hinweg schon längst. Beispiele: Bonn-Aachen International Center for Information Technology (b-it), das Forschungszentrum Jülich ist einer der wichtigsten Kooperationspartner der Landwirtschaftlichen Fakultät der Uni Bonn, die Hochschule Bonn/Rhein-Sieg (HBRS) kooperiert unter anderem mit der Universität Duisburg-Essen und der RWTH Aachen.

Das alles klingt gut, aber, so wie andere Regionen in Deutschland auch, hat das Rheinland damit zu kämpfen, seine hoch qualifizierten Experten in der Region zu halten. Internationale Unternehmen und Hochschulen sowie Forschungseinrichtungen im Ausland werben immer mehr Absolventen ab. Diesem so genannten Brain-Drain soll entgegengewirkt werden. Die Metropolregion Rheinland werbe bei großen Unternehmen, konkrete Ansiedlungen von Forschungs- und Entwicklungsabteilungen im Rheinland zu etablieren. Dies bedeute mehr attraktive Arbeitsplätze für die hoch qualifizierten Absolventen der Wissenschaftseinrichtungen und damit eine längerfristige Bindung an die Region, so die Geschäftsführerinnen.

Gezielter Wissenstransfer

Eine wichtige Rolle spiele auch der gezielte Wissenstransfer. Vernetzungspotenziale sollen genutzt werden, um auch kleinen und mittelständischen Unternehmen einen besseren Zugang zu Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen zu ermöglichen. Mit seinen zahlreichen klugen Köpfen sei das Rheinland eine Region mit enormer Innovationskraft. Das wolle man mit der Kampagne „Wir erfinden Deutschland neu“ bekannter machen.

Nicht nur das, die Metropolregion Rheinland hat gerade eine neue Bildungsoffensive initiiert, um dem dramatischen Lehrkräftemangel in den so genannten Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) langfristig entgegenzuwirken. Das Programm zur frühzeitigen Rekrutierung von zukünftigen Lehrkräften nennt sich Mint-Lehrer-Nachwuchsförderung, kurz MiLeNa. Dabei sollen Schülerinnen und Schüler ab der Jahrgangsstufe zehn durch umfassende Maßnahmen bei ihrer späteren Berufswahl begleitet werden. Dabei arbeitet man mit fünf Hochschulen im Rheinland zusammen.

Ein zweites konkretes Projekt, das das siebenköpfige Team in seinem Büro in Köln-Deutz angeschoben hat, ist Futurotop. „Das ist ein Projekt zur flächendeckenden Schaffung eines digitalen Modells für bürgernahe Entscheidungen, eine Art Datentisch für Bürgerbeteiligungen, die wir im Rahmen des Digital GreenTech-Aufrufs des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) eingereicht haben“, erklärt Thönnissen, frühere CDU-Landtagsabgeordnete.

Nützliche Hilfe bei Bürgerbeteiligungen

Mit Hilfe dieser Plattform lassen sich digitale Zwillinge der Realität visualisieren, womit Projekte der Stadtplanung, sei es zum Thema Verkehrsführung, Entwicklung des Einzelhandels, der Gesundheitsversorgung oder Stadtteilentwicklung, anschaulich dargestellt werden können. „Vieles in solchen Entscheidungsprozessen ist zu abstrakt, sodass viele Bürger irgendwann aufgeben, dem Prozess zu folgen. Mit diesem Datentisch ist das alles anschaulich darstellbar“, so Thönnissen. An dem Entwicklungsprojekt sind die RWTH Aachen und ein privatwirtschaftliches Unternehmen, die PEM Aachen GmbH, beteiligt. „Das ist ein über eine Million Euro schweres Projekt, von dem alle Kommunen profitieren können“, ist Thönnissen überzeugt.