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Interview mit Roswitha Gottbehüt: "Es müssen mehr Arbeitsplätze geschaffen werden"

Interview mit Roswitha Gottbehüt : "Es müssen mehr Arbeitsplätze geschaffen werden"

Die Förderung des sozialen Dialogs auf europäischer Ebene sowie der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der Gesellschaft hat sich das Europäische Zentrum für Arbeitnehmerfragen (EZA) auf die Fahnen geschrieben. In diesem Jahr feiert das Netzwerk, das sich aus 70 Arbeitnehmerorganisationen aus 27 europäischen Ländern zusammensetzt, 30-jähriges Bestehen. Vom Büro in Königswinter aus werden nicht nur Bildungsveranstaltungen organisiert, auch hat das EZA in den vergangenen Jahren mehrere Forschungsprojekte durchgeführt.

Mit Generalsekretärin Roswitha Gottbehüt sprach Gabriela Quarg.

Das Anliegen der EZA-Gründer vor 30 Jahren war Arbeitnehmerbildung auf christlich-sozialer Basis. Welche Themen standen damals und im Vergleich dazu heute im Zentrum der Arbeit des EZA?
Roswitha Gottbehüt: Damals haben christlich-soziale Europaabgeordnete die Arbeitnehmerpolitik in Europa sehr geprägt, zum Beispiel bei der Gesetzgebung zur Mitbestimmung und Vermögensbeteiligung in Arbeitnehmerhand. Über solche Themen sollten alle Arbeitnehmervertreter in Europa informiert werden. Heute drängen Themen wie beispielsweise die Integration der Region Westbalkan aus Arbeitnehmersicht, Kriterien für einen guten sozialen Dialog, die hohe Jugendarbeitslosigkeit oder die Digitalisierung der Arbeitswelt.

Wen sprechen Sie mit Ihrem Angebot konkret an?
Gottbehüt: Unsere Zielgruppe sind Verantwortliche und Multiplikatoren von Arbeitnehmerorganisationen, vornehmlich solche mit christlich-sozialem Hintergrund.

Das EZA sieht sich besonders den sozial Benachteiligen verbunden. Wie möchten Sie dazu beitragen, dass die Kluft zwischen Arm und Reich nicht noch größer wird?
Gottbehüt: Wir stehen auf dem Standpunkt, dass Bildung zu einem besseren sozialen Zusammenhalt in Europa beitragen kann. Konkret gesagt geht es beispielsweise darum, Wege aus der Einkommensarmut aufzuzeigen oder Alternativen zur Kürzung von Löhnen und Sozialleistungen als Folgen der Verschuldungskrise aufzuweisen. Dabei greifen wir oft auf bereits bestehende positive Erfahrungen in verschiedenen europäischen Ländern zurück und tragen sie durch Bildungsarbeit und Vernetzung weiter.

Welches ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung, vor der die europäischen Länder im Hinblick auf ihre soziale und wirtschaftliche Entwicklung stehen?
Gottbehüt: Es müssen mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Dazu müssen Unternehmen investieren können und die Banken die Finanzierung liefern. In unseren Projekten versuchen wir, Handlungsempfehlungen für Arbeitnehmerorganisationen zu erarbeiten, wie nicht nur mehr, sondern auch bessere Arbeitsplätze geschaffen werden können. Mit Sorge beobachten wir in ganz Europa ein gesellschaftliches Klima, das es den Sozialpartnern schwer macht, ihre wichtige Aufgabe für den sozialen Frieden in Europa angemessen wahrzunehmen. Der Wert ihrer vielfältigen Anstrengungen zu einem dauerhaften Interessenausgleich muss wieder stärker gewürdigt werden.

Ist Königswinter nur Sitz der EZA-Geschäftsstelle oder auch Seminar- und Veranstaltungsort?
Gottbehüt: Von Königswinter aus koordinieren wir jedes Jahr mehr als 70 Bildungsmaßnahmen zum Thema "Europäischer sozialer Dialog", die in ganz Europa stattfinden. Veranstaltungen in Königswinter führen wir dann natürlich in Zusammenarbeit mit dem Arbeitnehmer-Zentrum Königswinter (AZK) durch, das eines unserer Gründungsmitglieder ist.

Zur Person

Roswitha Gottbehüt besuchte die Höhere Handelsschule und arbeitete zunächst im Referat politische Bildung im Bundesministerium des Innern. Seit 1990 ist sie beim EZA tätig, seit 2002 als Generalsekretärin.