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Gedenktag am 27. Januar: Zeitzeugin berichtet in Hennef über den erlebten Holocaust

Gedenktag am 27. Januar : Zeitzeugin berichtet in Hennef über den erlebten Holocaust

Eine 79-jährige Zeitzeugin schildert Schülern der Gesamtschule Meiersheide, wie sie als Kind den Holocaust überlebte. Die Kölnerin kam zum vierten Mal nach Hennef, um zum Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz von ihren Erlebnissen zu berichten.

Sehr still wurde es gestern in der Mehrzweckhalle der Gesamtschule Meiersheide, als Tamar Dreifuss (79) beginnt, ihre Geschichte zu erzählen. Es sind die Erlebnisse einer Frau, die es geschafft hat, als Kind auf wundersame Weise den Holocaust zu überleben. Auf Einladung der Schule war Tamar Dreifuss bereits zum vierten Mal in Folge nach Hennef gekommen, um zum Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, der sich am Samstag, 27. Januar, zum 73. Mal jährt, vor 180 Hennefer Gesamtschülern von ihren Erlebnissen zu berichten. Als Grundlage ihres Vortrages diente ihr Kinderbuch „Die wundersame Rettung der kleinen Tamar 1944: Ein jüdisches Mädchen überlebt den Holocaust in Osteuropa“.

Dreifuss führte die Schüler der fünften Jahrgangsstufe behutsam in die Zeit des Nationalsozialismus und des mörderischen Antisemitismus hinein, und zwar ohne sie zu überfordern. Die pensionierte Pädagogin wurde 1938 in der litauischen Stadt Wilna geboren und erlebte die Gräuel des Holocausts am eigenen Leib.

Sie musste als kleines Mädchen ihre Familie verlassen und wurde bei einer Tante versteckt. Ihre Mutter und andere Verwandte fanden Zuflucht in einem Nonnenkloster. Als die Nazis das Kloster auflösten, landete die Familie im Ghetto von Wilna. „Auch ich musste das Kloster verlassen und in das Ghetto“, erzählte Dreifuss. Ihre Großeltern fielen Massenerschießungen zum Opfer, ihr Vater starb im Konzentrationslager. Tamar und ihre Mutter wurden in Viehwaggons in ein sogenanntes Übergangslager nach Estland deportiert. Mehrere Fluchtversuche von Mutter und Tochter misslangen.

Nach der Reise im Lager angekommen, mussten die Häftlinge duschen. Ihre Mutter habe sich danach auf einen Wäscheberg gestürzt und sich ein schickes Kostüm und ihrer Tochter ein Kleid angezogen. „Den gelben Judenstern hat sie von der Kleidung entfernt“, erinnert sich Dreifuss. Dann sei ihre Mutter mit ihr an der Hand aus dem Lager gegangen. „Aufrecht und stolz war meine Mutter. Sie sah nicht wie eine Gefangene aus. Vermutlich konnten wir deshalb passieren“, sagt Dreifuss. Mit ihren Russischkenntnissen habe sich die Mutter mit ihr bis zum Kriegsende auf Bauerngütern durchgeschlagen. Bei einem Bauern versteckten sie sich in einer Hütte des Gutshundes Tigris vor den Häschern der litauischen Partisanen und teilten sich mit dem Wachhund das Essen. „Meine Mutter durfte ihn füttern und schloss Freundschaft mit dem Tier, das eigentlich ein gefährlicher Wachhund war. Dieser Hund hat uns das Leben gerettet“, sagte Dreifuss.

Gebannt hörten die Schüler zu, während Dreifuss zu den passenden Buch-Illustrationen ihre Kindheit Revue passieren ließ. „Von 80 000 Juden aus meiner Heimatstadt Wilna sind nur wenige am Leben geblieben“, sagte Dreifuss, die heute in Köln lebt. „Ich bin eine von ihnen, weil meine Mutter uns beide gerettet hat. Meine Kindheitserlebnisse sind traurig, aber Hauptsache, das Ende ist gut. Und das Ende ist gut, denn ich bin ja da“, sagte Dreifuss.

Es sei eine schlimme Zeit damals gewesen und sie hoffe, dass so etwas nie wieder geschehe. „Deshalb ist es wichtig, dass Euch Zeitzeugen davon berichten, denn viele gibt es nicht mehr von uns. Irgendwann werdet Ihr das heute Gehörte weiter erzählen“, fügte Dreifuss hinzu.