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Weihnachts-Musikvideo aus Siegburg: Jazziger Sound auf 40 Spuren

Weihnachts-Musikvideo aus Siegburg : Jazziger Sound auf 40 Spuren

Das Weihnachts-Musikvideo aus Siegburg mit „Baroque in Blue“ und der „Swingphonie“ ist ab heute auf Youtube zu sehen.

Kein einziges Mal haben sie sich als Gruppe getroffen, gesungen, gejazzt, Lampenfieber gehabt oder Applaus genossen. Alles, was einen Live-Auftritt ausmacht, musste unter der Corona-Situation ausbleiben. Fast alles. Denn das Wesentliche, die Musik und die Lust am Musizieren, haben sie sich bewahren können. Ab heute kann man die Band „Baroque in Blue“ und den Siegburger Chor „Swingphonie“ auf Youtube anklicken, genießen und liken.

Das Ergebnis eines gut halbjährigen Projektes im Corona-Lockdown ist nun öffentlich, und die Akteure dürfen mit Stolz auf das blicken, was sie in minutiöser Studio-Arbeit geleistet haben. „Wir alle haben seit Corona nicht mehr wirklich zusammen gespielt“, sagt Hans Peter Herkenhöhner, der als Musikschulleiter und Musiker in seiner Band „Baroque in Blue“ täglich mit den Auswirkungen der Kontaktbeschränkungen auf den Veranstaltungsbetrieb konfrontiert ist. Corona hat alle Auftrittspläne zunichte gemacht. Im Veranstaltungskalender der Kreisstadt besitzt das jährliche Weihnachts-Konzert mit „Baroque in Blue“ Kultstatus und war bereits seit zwei Jahren ausverkauft. Im Sommer noch verlegte Herkenhöhner die Auftritte vom Stadtmuseum in die Rhein-Sieg-Halle, um den damals geltenden Abstandsregeln gerecht zu werden. Doch daran ist aktuell nicht zu denken.

Verlust der Gemeinsamkeit

„Der größte Verlust liegt in der Gemeinsamkeit“, sagt Herkenhöhner, der den Kopf nicht in den Sand steckte und ein Wunschprojekt umsetzte, das im stressigen Auftrittskalender bis dahin keinen Platz gefunden hatte. Im Tonstudio der Musikwerkstatt produzierte er fünf Musikvideos. „Bach Onto This“ – eine rockige Bearbeitung von Bachs Toccata und Fuge d-Moll- und der Pachelbel-Kanon sind dabei, ebenso wie „Lazy“ von Deep Purple. Seine jazzige Bearbeitung des Mendelssohn-Klassikers „Hark! The Herald Angels sing“ ist ab heute auf Youtube abrufbar und stellte für den Musiker ein zusätzliches Abenteuer dar: Die fünf Profi-Musiker der Band – allesamt auch Lehrer an der Engelbert-Humperdinck-Musikschule – musizieren hier auf 40 Einzelton-Spuren gemeinsam mit einem Laienchor. Bereit für das Abenteuer war die „Swingphonie“ Siegburg, die sich vor fünf Jahre aus der Germania Siegburg unter der Leitung von Stefan Wurm gründete. Noch im Sommer, bei 37 Grad im Schatten, entstanden die Instrumentalaufnahmen des Weihnachtsliedes.

Im Herbst musste sich dann jeder Chorsänger als Solist ans Mikro stellen. Es galt, nicht nur exakt und sauber zu singen, sondern sich auch noch beim Singen filmen zu lassen. „Da fühlte sich mancher ins kalte Wasser geworfen, und man spürte diesen besonderen Nervenkitzel“, sagt Rabea Steffen, die als Sopranistin und erfahrene Sängerin eines erfolgreichen Barbershop-Quartettes eher eine Ausnahme unter ihren Mitsängern bildet. „Für uns alle war es aber diese besondere Form von Gemeinsamkeit und die eine neue Form der Herausforderung, die uns allen große Freude gemacht hat.“

Jedes Instrument und jede Stimme wurde von Musikschulleiter Herkenhöhner einzeln aufgenommen und die einzelnen Chorsänger von Stefan Wurm dirigiert. Herkenhöhner fügte alles anschließend im Tonstudio zusammen, und Tontechniker Johann Hohenleitner sorgte schließlich für den komprimierten, „radiotauglichen“ Mix der Einzelsignale. Das Klangergebnis ist ein außergewöhnlich satter und voller Ensembleklang, den Herkenhöhner als „einfach nur fetten Sound“ bezeichnet. Jeder hat sich hier einzeln ins Tonstudio begeben, musste sich alleine vor dem Mikrophon beweisen und höchst sensibel auf Intonation, saubere Dynamik und genaues Timing achten. „Das hat mit der Swingphonie ganz hervorragend geklappt“, erklärt Herkenhöhner, der bedauerte, dass Corona-bedingt nicht noch mehr Sänger beteiligt werden konnten.

Ein Weg für spielsüchtige Musiker

„Uns allen ging es so, dass wir als spielsüchtige Musiker einen Weg durch diese schwierige Zeit finden mussten“, sagt der Pianist. „Nach den vielen Einzel-Aufnahmen gibt uns erst das Video das Gefühl von Gemeinsamkeit. Am Ende konnten wir neun Stimmen und zehn Hände zu einem Song zusammengießen“, sagt Herkenhöhner, der am Flügel und an der Hammond-B3-Orgel mit seinen unglaublichen Jazz-Soli und einem grandiosen Neu-Arrangement des Weihnachtsklassikers auftrumpft.

Auch seine Mitstreiter am Bass (Wendel Biskup), Schlagzeug (Uli Poth), Gitarre (Martin Benderscheid) und an der Querflöte (Karen Fälker-Herkenhöhner) bestechen mit ihren Solo-Einlagen voller Spielfreude und Können. Sie alle sind sich einig, dass das Video-Projekt eine neue Form von Gemeinsamkeit gegeben hat und „wir damit allen Mut machen wollen, nicht aufzugeben.“