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Chöre und die Choronakrise: Chorprobe im privaten Garten

Chöre und die Choronakrise : Chorprobe im privaten Garten

Nach vier Monaten Funkstille war ihnen klar: Verzicht ist keine Lösung. Daher finden die Chöre im Rechtsrheinischen nun kreative Lösungen, um auch in Corona-Zeiten ihre Stücke üben zu können.

Eine Charité-Studie zum Singen in Corona-Zeiten hat Anfang Juli die Aerosolbildung beim professionellen Singen überprüft und wissenschaftlich nachgewiesen, dass beim Singen die Infektionsgefahr erhöht ist. Der Grund: Beim Gesang wird die Stimme zum Instrument und bildet mehr Aerosole, als es beim Sprechen und normalen Atmen der Fall ist. Allen künstlerischen Institutionen riet die Studie daher zu alternativen Wegen wie dem Singen im Freien und zu „vernünftigen Risikomanagementstrukturen“, auch individuelle Hygienekonzepte seien gefordert, um Auftritte oder auch Chorproben wieder möglich zu machen. Entscheidend sei dabei die Anzahl und der Abstand der Sänger, die Größe des Probenraums und auch der Luftwechsel im jeweiligen Raum.

„Das war schon sehr traurig“, sagt Siegfried Lütz vom Männerchor Birlinghoven, der nicht nur das Singen, sondern auch das Wiedersehen „mit den Jungs“ vermisste. Die Birlinghovener Sänger kooperieren seit einiger Zeit mit dem Männergesangverein (MGV) „Lebenslust“ Niederpleis und gestalten große Projekte wie das Weihnachtskonzert bei den Steyler Missionaren unter der Leitung von Chorleiter Valery Kahlyaev gemeinsam. Ob das Konzert stattfinden kann, ist noch immer unklar.

Chormusik in der Krise

Die Berichte über Ansteckungen nach dem Besuch eines Chor-Auftritts haben allen Chören weh getan. Anfang März etwa infizierten sich 60 von 80 Sängern bei ihrer Probe im Berliner Dom. Und so steckte mit der Beschränkung der sozialen Kontakte und dem drohenden Lockdown im März nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Chormusik von jetzt auf gleich in der Krise.

Markus Linten, erster Vorsitzender des MGV Geistingen erinnert sich noch gut an das letzte öffentliche Auftreten seines Chores beim Prinzenempfang im Februar. „Da war die Welt noch in Ordnung“, sagt der Sänger, doch nach vier Monaten „Funkstille“ war allen klar, dass „Verzicht“ keine Lösung ist. „Chorgesang ist mehr als nur Singen“, sagt Linten. „Die sozialen Kontakte fehlen.“

Probe unter freiem Himmel

So fanden die Geistinger Sänger ihren persönlichen Weg aus der Krise. Der MGV Geistingen verkündigte vor wenigen Wochen stolz: „Wir proben jetzt open air im Geistinger Kurpark.“ Mitten im Kurpark kann man nun jeden Montagabend eine öffentliche Chorprobe erleben. „Immer noch do“: Chorleiter Pavel Brochin, der seine Sänger am E-Piano mitten im Park begleitet, hat mit dem Lied von Kasalla das passende Stück auf dem Probenplan. Darüber zeigten nicht nur Spaziergänger, sondern auch einige Bewohner der nahegelegenen Seniorenresidenz von ihrem Platz am weit geöffneten Fenster aus ihre Freude.

Siegfried Lütz kann ähnliches über den MGV Birlinghoven und die „Lebenslust“ Niederpleis berichten. Seit einiger Zeit gibt es Probenmöglichkeiten im Haus Lauterbach in Birlinghoven und die Freude über das Wiedersehen und gemeinsame Musizieren – wenn auch auf Abstand und in kleinen Gruppen hintereinander. Immerhin, für Konzerte im Haus Lauterbach habe man die Corona-Pause genutzt, um einen zweiten Fluchtweg fertigzustellen. Da haben sich die Sänger handwerklich eingebracht und kräftig mitgeholfen.

Spezial-Proben im kleinen Kreis

Große Freude hat nun auch der Schubertbund Siegburg über die wieder begonnenen Proben und das Wiedersehen langjähriger Freunde. Hier wird ebenfalls mit Hygienespender im Eingang und klaren Abstandsregeln im Kirchenraum geprobt. Nur jeweils zehn Sänger treffen sich als kleine Gesangsgruppe – die Gruppen proben nicht zusammen, sondern hintereinander. Chorleiter Hans-Theo Schneider leistet den zeitlichen Mehraufwand gerne und nutzt die Chance zum gezielten Stimm-Coaching. Jede einzelne Stimme wird nun gefordert und bereits nach drei solcher „Spezial-Proben“ bestätigt sich der Aufwand hörbar im Klangergebnis beim Vortrag von Lee Denglers „Pacem“ und Beethovens „Hymne an die Nacht.“

Dennoch muss es wohl vorerst beim Proben bleiben. Das beliebte Adventskonzert der Schubertianer in der Anno-Kirche wird es in diesem Jahr nicht geben, aber ein Adventssingen in kleinerem Kreis sei vorstellbar. „Die Probensituation und auch die Zukunftsplanung sind für uns Chöre eine völlig neue Herausforderung“, sagt Schubertbund-Vorsitzender Wolfgang Weinrauch. „Aber wir sehen es auch positiv, denn uns allen machen diese neuen Proben sehr viel Freude. Sie sind uns seit Corona viel wertvoller geworden.“ Es lohnt sich also auch mit Blick auf das 75-jährige Bestehen des Schubertbundes im kommenden Jahr, sich „gut in Form“ zu halten.

Gesang für die Seele

Gut in Form ist auch der Siegburger Chor „Klangart“. „Wir wollten auf keinen Fall auf uns und unsere Proben verzichten“, sagt Sängerin Maria Burgemeister. „Deshalb kam schnell die Idee auf, durch die Gärten zu ziehen.“ So gab es etwa eine Open-air-Probe mit allen Sangesfreunden in Burgemeisters Garten – bis Ende September steht bereits fest, dass immer ein Garten zur Verfügung sein wird. Jeder bringt seinen eigenen Klappstuhl mit und dann kann die Probe losgehen. Chorleiter Ruslan Aliyev weiß um die Bedeutung von Gesang für die Seele: „Es ist auch ein psychisches Problem, wenn man sich nicht mehr sehen darf, um gemeinsam zu singen und zu musizieren.“ Die Akustik eines Gartens könne natürlich nicht mit der einer Kirche mithalten, aber Aliew sieht auch einen Vorteil: „Das solistische Singen wird gefördert, denn jeder Einzelne muss bei großen Abständen zum Nachbarn auf seine Stimme achten.“ Mit Konzentration und guter Stimmbildung könne man auch „rühren ohne Berührung“. Gleiches gilt für das leibliche Wohl, auf das bei den Klangart-Proben ebenfalls geachtet wird. Ein kleines Buffet und ein Glas Prosecco steht im Anschluss parat. Ein Genuss auf Abstand, den die Sänger genießen.