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Wie aus einer Erzählung von Adalbert Stifter: Fachwerkwanderweg in Ruppichteroth verbindet Landschaften und Wissenswertes

Wie aus einer Erzählung von Adalbert Stifter : Fachwerkwanderweg in Ruppichteroth verbindet Landschaften und Wissenswertes

Der Fachwerkweg in Ruppichteroth führt auf zwölf Kilometern durch pittoreske Landschaften und Orte. Und vermittelt dabei Wissenswertes über eine besondere Bauweise.

Schlag 12 Uhr läuten die Glocken der romanischen Sankt-Severin-Kirche. Davor war auf dem Burgplatz in Ruppichteroth nur das leise Gurgeln des Brunnens zu hören. Er ist Ausgangspunkt des Fachwerkwegs, eine Strecke von etwa zwölf Kilometern Länge. Für rund zweieinhalb Stunden folge ich der weißen 22 auf rotem Grund, mit der der Wanderweg gekennzeichnet ist. Wir kommen an Orten vorbei, an denen es so still ist, dass man die Bienen und Fliegen surren hört statt fernes Rauschen von Schnellstraßen. Und noch etwas ist völlig ungewohnt. Jeder, aber auch jeder, dem man begegnet, grüßt freundlich. Mit manchem kommt man schnell ins Gespräch. So wie Ernst, der mir schon fast am Ende der kleinen Tour erzählt, dass die Rebe mit den üppigen Trauben, die ich an seiner Hauswand bewundere, von Anfang der 1970er Jahre stammt. Seine Eltern hätten sie damals aus dem Schwarzwald mitgebracht.

Zunächst müssen wir runter bis zur Landstraße und sie überqueren, am Penny-Markt und Willach Pharmacy Solutions GmbH führt der Weg hinauf zum Wald. Sanft streicht der Wind durch Akazien, Eichen, Buchen und Tannen. Der Weg führt schließlich am Waldrand vorbei bis zu einem asphaltierten Wirtschaftsweg hinab nach Velken, wo ich auf ein kunstvolles Schieferornament von Dachdeckermeister Torben Höffgen stoße.

Was für eine charmante Runde, die an pittoresken Vorgärten wie aus einer Erzählung von Adalbert Stifter vorbeiführt, an ordentlich gepflasterten Einfahrten, knorrigen alten Apfel- und Birnbäumen, über bewachsene Wege, auf denen uns das Klopfen eines fernen Spechts begleitet, oder Pfade voll weicher Tannennadeln, die einen betörenden Duft verbreiten, entlang an hohen Maisfeldern und Sonnenblumen und über hügelige Weidelandschaften. Kaum zu glauben, dass es in solcher Nähe so viel Idylle gibt.

Einblick in die Geschichte des Fachwerks

Und nebenbei lernt man auch noch so einiges über die Geschichte dieser Fachwerkbauweise, die bis ins 19. Jahrhundert im Bergischen Land dominiert hat. Bei einigen dieser kleinen Häuschen kann man sich kaum vorstellen, dass früher die Menschen mit ihrem Vieh unter einem Dach gelebt haben. „Wohnstallhäuser“ nannte man sie. Man unterschied zwischen Hallenhäusern und Querdielenhäusern. Das Hallenhaus hat eine Tradition, die 500 Jahre zurückgeht. Aus einer Zeit, als die Bauern die Tiere nicht mehr ganzjährig draußen lassen wollten. Im 17. Jahrhundert begann ein Wechsel – von der reinen Selbstversorgung zur Spezialisierung.

Im Oberbergischen bedeutete das, Vieh auf weiten Weiden zu halten. Separate Scheunen wurden errichtet, damit das feuergefährliche Heu nicht im Haus lagern musste. Beim Querdielenhaus wurden die einzelnen Funktionen wie Wohnen, Stall und Lagerraum strikt getrennt. Es ist eine wirklich schöne Idee, einen Wanderweg entlang dieser schmucken Häuser zu führen und Erläuterungen dazu zu geben. Es ist eben so, wie es auf einer Tafel heißt: „Fachwerkhäuser prägen Orts- und Landschaftsbild im Bergischen Land. Ihre Anlage und Bauweise sagt viel über das Leben und Arbeiten früherer Generationen aus.“

Infotafel für die einzelnen Balken

Auf einer Infotafel auf dem Weg ist sehr schön dargestellt, wie die einzelnen Balken einer Fachwerkkonstruktion heißen. Da gibt es die Sparren am Dach, den Hahnenbalken als obersten Querbalken, den Dachbalken, den Brustriegel, über dem das Fenster angebracht wurde, die Gegenstrebe und die Fußstrebe und vieles mehr. Das alles war wohl bedacht, um dem Haus seine Stabilität zu geben. Ab dem 16. Jahrhundert ging es aber auch um die Optik. Da wurden Streben so angeordnet, dass sie ein Muster innerhalb der Fachwerkwand bildeten.

Besonders alte Häuser erkennt man daran, dass sie senkrechte Holzpfosten hatten, die vom Fundament durch alle Geschosse bis unters Dach führten. Das nennt man Ständerbauten. Ab dem 15. Jahrhundert verbreitete sich dann die sogenannte Geschossbauweise. Dabei ließ sich jedes einzelne Geschoss für sich konstruieren. Die einzelnen Etagen wurden praktisch wie Kisten aufeinandergestapelt und miteinander verbunden. Dafür brauchte man auch kürzere Balken und Pfosten. Vor allem in Städten, wo Grundstücke teuer waren und die Steuern sich nach der Grundfläche richteten, findet man solche Fachwerkhäuser, deren obere Geschosse breiter als das Erdgeschoss sind. Man trifft auf der Route auch auf ein paar Neubauten, wie ein hübsches Haus in Oeleroth, das indes ein Krüppelwalmdach hat, was im Bergischen eher selten anzutreffen ist.

Denkmalschutz ist ein Thema

Die Informationen, die man auf dieser schönen Runde bekommt, beschränken sich indes nicht nur auf romantische Historienerklärung. Auch der Hinweis, dass ein Leben in einem denkmalgeschützten Gebäude nicht nur schöne Seiten hat, fehlt nicht. Wer ein denkmalgeschütztes Haus sein eigen nennt, muss mit vielen Reglementierungen rechnen. In der Gestaltung seines Hauses ist der Denkmalbesitzer nicht frei. Ob es um die Farbe der Fassade geht, die Art der Fenster oder ob er eine Garage anbauen darf – das alles muss er mit der Denkmalbehörde abstimmen. Einige besondere Gebäude hat das Land übrigens ins LVR- Freilichtmuseum Lindlar versetzen lassen.

Fast sind wir schon am Ziel angelangt. Am Ende geht es noch an einer wenig befahrenen Straße entlang, bevor ich in einen Weg abbiege, der gesäumt ist von hohen Maispflanzen und Sonnenblumen auf der einen, von Sojafeldern auf der anderen Seite. Dann geht es hinter dem Kommunikationsunternehmen AXESS Networks Solutions Germany GmbH mit seinen riesigen Satellitenanlagen entlang.

Gleich dahinter befindet sich ein großes Sägewerk. Dort erfahre ich auf einer der letzten Tafeln der Runde einiges über das alte Handwerk des Zimmermanns. Ein Zimmerergeselle, der auf die Walz geht, nimmt nur mit, was er tragen kann. Und er darf sich seinem Heimatort während der Wanderschaft nicht mehr als 50 Kilometer nähern. Seit Ende des 18. Jahrhunderts besteht seine zünftige Kluft aus einem schwarzen Hut mit breiter Krempe, einer schwarzen Weste mit acht weißen, zweireihig angebrachten Knöpfen, einem weißen kragenlosen Oberhemd, einer schwarzen Hose sowie einem schwarzen Jackett. Übrigens, der Begriff „Schlitzohr“ kommt tatsächlich aus der Zeit, als man einem Wandergesellen bei besonders unehrenhaftem Verhalten den Ohrring abriss. Dieses äußere Zeichen zeigte jedem, dass der Mann aus der Zunft ausgeschlossen worden war.

Wieder zurück am Startpunkt bietet sich das Wirtshaus St. Severin zur Einkehr an. Das ist seit Freitag wieder eröffnet. Damit hat am Burgplatz auch die Biergartensaison begonnen.