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Stadtporträt Niederkassel: An der Riviera des Rhein-Sieg-Kreises

Stadtporträt Niederkassel : An der Riviera des Rhein-Sieg-Kreises

Wie die Perlen auf einer Schnur, so reihen sich die Niederkasseler Orte am rechten Rheinufer zwischen Bonn und Köln auf. Einst war das Gebiet noch von der Region abgeschnitten. Inzwischen jedoch ist Niederkassel eine begehrte Wohngegend.

Kommt die Rheinspange oder kommt sie nicht? Diese Frage wird schon seit längerem diskutiert – in Niederkassel ebenso wie auf der anderen Rheinseite. Sie macht deutlich, dass aus dem einstigen Balkan des Rhein-Sieg-Kreises – so genannt wegen der mangelnden Erreichbarkeit aus Richtung Süden – heute eine gut angebundene Stadt zwischen Köln und Bonn geworden ist.

Das Balkan-Image stimmt spätestens seit der Einweihung der Siegbrücke nicht mehr, Sie bescherte 1976 als Verlängerung der L 269 vor allem den Mondorfern, aber auch den übrigen Niederkasselern eine direkte Verbindung nach Bonn. Die Folgen, die damals daraus gezogen wurden, erwiesen sich allerdings schnell als Fehler: Ein Jahr später wurde der Fährverkehr zwischen Mondorf und Graurheindorf eingestellt, in der Überzeugung, dass nun vor allem die Bonner Nordbrücke genutzt würde, um den Rhein zu überqueren.

Das war jedoch ein Fehler, und die Bundeswehr musste ran und installierte mit 19 Pontons eine Ersatz-Fähre, um 1993 Engpässe während der Sanierungsarbeiten an der Kennedybrücke zu überwinden. Die Stadt lernte daraus, und im März 1994 nahm nach 17 Jahren eine Autofähre ihren Betrieb wieder auf. Bis heute besteht die Fährverbindung zwischen Mondorf und Graurheindorf und wird rege genutzt.

Niederkassel ist seit 1981 Stadt. Damals überschritt die ehemalige Gemeinde die dafür notwendige Einwohnerzahl von 25 000. Heute, 40 Jahre später, hat Niederkassel 40 645 Einwohner – mit steigender Tendenz. Niederkassel wird weiter wachsen, schon die Lage direkt am Rhein zwischen Köln und Bonn macht es zu einer begehrten Wohngegend. Eine schnelle Expansion versuchen die Stadtväter jedoch derzeit zu verhindern. Die Infrastruktur sei bei spätestens 44 000 Einwohnern ausgelastet, heißt es derzeit. Wenn es mehr würden, wäre ein Ausbau der Infrastruktur nötig.

Aber Niederkassel gibt es nicht erst seit der Gebietsreform 1969, bei der Lülsdorf, Ranzel, Stockem, Uckendorf, Rheidt und Mondorf eingemeindet wurden. Hinweise darauf, dass hier schon in der Jungsteinzeit Menschen gelebt haben, wurden 2003 und 2004 bei Ausgrabungen in Uckendorf gefunden, schriftlich erwähnt wird Niederkassel zum ersten Mal 722. Ungeklärt ist allerdings bis heute, woher der Name stammt. „Wenn der Ort auf ein Kastell zurückzuführen ist, dann nicht auf eine römische Befestigungsanlage, sondern wahrscheinlicher auf eine befestigte Siedlung der Franken“, heißt es dazu auf der Website der Stadt.

Die Stadtteile von Niederkassel tun sich schwer, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln

Böse Zungen behaupten, dass die einzelnen Orte Niederkassels nichts weiter eint als der Rhein und die Zugehörigkeit zur selben Stadt. Und tatsächlich tun sich die sieben Stadtteile bis heute schwer, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Was interessiert es den Mondorfer schon, was sich in Lülsdorf tut. Im Norden schaut man nach Köln, im Süden nach Bonn. 

Mondorfer Hafen mit Eiländchen, Rheidter Werth mit Naturschutzgebiet und das Lülsdorfer Rheinufer mit seiner Industriekulisse – es gibt tatsächlich Unterschiede. Den Norden prägt eher das Arbeiterflair aus der Chemieindustrie, die heute von Evonik dominiert wird. Im Süden erinnern Straßennamen wie Auf dem Acker, Fischerstraße oder Korngasse an Rheinromantik, aber auch an ein schweres Leben mit und gegen die Natur.

Um ihr zu trotzen, bauten die Anwohner Deiche, errichteten Rückhaltebecken und gaben Uferbereiche der Natur zurück. Und schließlich nutzten die Mondorfer die Lage auf der Sonnenseite des Rheins, wenn man so will an der Riviera, auch für ein bisschen Luxus: Im Mondorfer Hafen liegen heute viele Sportboote und Yachten aus der Umgebung. Das Hafenbecken selbst gibt es erst seit 1970, bis dahin wurde der alte Siegarm als Anlegeplatz genutzt. Die Lage nutzte nach dem Zweiten Weltkrieg auch Johann Lux, der in Mondorf die gleichnamige Werft baute. Das erste Boot, das hier gebaut wurde, liegt heute am Bergheimer Siegufer als Denkmal auf dem Trockenen: Die Siegfähre wurde hier fährtauglich gemacht.

So hat jeder Ort seine Eigenheiten. In Lülsdorf gehört dazu neben der weithin bekannten Industrie die Burg, die zwar bereits im 13. Jahrhundert als Sitz der Herren von Lülsdorf erwähnt wird, von deren Ursprung nach einer wechselvollen Kriegsgeschichte nichts mehr übrig ist. Sie wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrmals zerstört und wieder neu aufgebaut. Der heutige Bau stammt von 1949.

Eins haben die Niederkasseler – gleich aus welchem Ort – aber auf jeden Fall gemeinsam: Sie feiern gern. In jedem Ortsteil gibt es einen eigenen Karnevalszug, eine Kirmes oder sogar zwei. Dabei bleiben inzwischen die Alteingesessenen auch nicht mehr unter sich: Die vielen Neubürger in der Stadt, die schon weit in der Überzahl sind, integrieren und engagieren sich gemeinsam mit ihnen.

Bestes Beispiel: Der auswärtige Bürgermeister Stephan Vehreschild. Er kommt aus Kleve am Niederrhein, und dennoch lässt er sich jedes Jahr von den jecken Wievern seiner Verwaltung verkleiden und kommandieren – natürlich an Weiberfastnacht neben dem Rathaus. Auch sportlich lässt sich die Stadt nicht lumpen. Allein in der Fußball-Bezirksliga tummeln sich derzeit drei Clubs aus der Rheinstadt. Zwei von ihnen teilen sich das neue Stadion an der Südstraße.

Verkehrsprojekte wie die Rheinspange stoßen auf Gegenwehr

Den einstigen Balkan erwartet für die Zukunft großes: Rheinquerung, Autobahnanbindung, Stadtbahn und neue Güterbahntrasse sind die Schlagworte, die überregional ausstrahlen und die Niederkasseler mal in Freudentaumel, mal in tiefe Depression stürzen. Unumstritten ist von allen geplanten Projekten einzig die Stadtbahntrasse.

Bislang ist Niederkassel die einzige Kommune im Rhein-Sieg-Kreis ohne Schienenanbindung. Die Stadtbahntrasse soll die Stadt nun möglicherweise schon mittelfristig mit den Nachbarstädten Köln und Bonn vernetzen. Auch dieses wünschenswerte Projekt hat Gegner, und das sind die direkten Anwohner, die sich eher darauf eingestellt hatten, dass dort auch in Zukunft maximal vier Mal am Tag die Evonik-Industriebahn im Schritttempo vorbeikommt, wo früher der „Rhabarberschlitten“ – so genannt nach den Waren, die er ursprünglich transportierte – bis in die Kreisstadt fuhr.

Diese Industriebahn steht auch für die Entwicklung im Norden der Stadt. 1912 gründeten die Deutschen Wildermann-Werke ihren Standort in Lülsdorf. Das war ein Motor für die Entwicklung dieses Stadtteils. Heute gibt es dort den Evonik-Standort, der ebenfalls vor einer Metamorphose steht. Stichworte sind das dreiteilige Containerterminal und die Vermarktung der Flächen an Chemie- und Logistikfirmen, um den Lülsdorfer Standort zu erhalten. An diesen Plänen scheiden sich die Geister in Niederkassel ebenfalls, denn dafür muss Infrastruktur geschaffen werden.

Dazu zählt die neue Rheinquerung, die möglicherweise zwischen Lülsdorf und Langel, vielleicht aber auch weiter südlich Autobahnen verbinden soll. Bürgerinitiativen haben sich dazu schon mit Bekanntwerden der Pläne gebildet. Sie sind  auch in den Trassen-Findungsprozess eingebunden. Die Stimmen, die sich komplett gegen die neue Rheinquerung aussprechen, wurden im Laufe der vergangenen Jahre aber immer lauter.