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Schulentwicklung: Schule ohne Noten in Niederkassel

Schulentwicklung : Schule ohne Noten in Niederkassel

Die Elterninitiative Villa Kunterbunt plant in Niederkassel eine Freie Grund- und Gesamtschule. Dort wird es keine Hausaufgaben, Klassenarbeiten und Noten geben.

Die Villa Kunterbunt ist in Niederkassel eine Erfolgsgeschichte. Vor 27 Jahren zogen die ersten beiden Gruppen Im Auel in zwei Einfamilienhäuser ein. Heute sind die 70 Villa-Kinder an der Bahnhofstraße in einer modernen Kita beheimatet. Zwei weitere Gruppen werden an der Eifelstraße ab diesem Kita-Jahr untergebracht, bevor sie 2018/2019 in einen ebenfalls viergruppigen Neubau an der Sanddornstraße umziehen werden. Und noch einen Coup plant die Elterninitiative: Sie will schon 2018 eine Freie Schule eröffnen. Über die erfolgreiche Vergangenheit, das besondere pädagogische Konzept in der Villa Kunterbunt und die großen Pläne für die Zukunft sprach mit der Vorsitzenden der Elterninitiative, Julia Schlimgen, und mit der Geschäftsführerin der Stiftung für freie Bildung Bonn/Rhein-Sieg und der Freien Schule Niederkassel gemeinnützige GmbH, Andrea Redding.

Warum wurde vor 27 Jahren überhaupt eine Kita in Trägerschaft einer Elterninitiative gegründet?

Julia Schlimgen: Betreuungszeiten waren damals ein ganz großes Thema. Die waren vor 27 Jahren überhaupt nicht mit Arbeitszeiten kompatibel. Für unter Dreijährige gab es zudem so gut wie keine Angebote, und bei den unter Zweijährigen waren wir die einzige Option.

Worin unterscheidet sich das Villa-Konzept von dem anderer Kitas?

Schlimgen: Bei uns gibt es keinen abgegrenzten U3-Bereich. Alle Gruppen sind altersgemischt. Wir möchten den Kindern die Villa als ihr Zuhause vermitteln. Das Gefühl des Zusammenhalts und das gegenseitige Kümmern, auch der Großen um die Kleinen und umgekehrt, ist dabei sehr wichtig. 17 Kinder gehören zum Gruppenverband. Es wird in der Gruppe gemeinsam gegessen. Das Essen wird aus frischen regionalen Zutaten aus biologischem Anbau gemeinsam gekocht. Die Kinder planen die Mahlzeiten und unterstützen das Personal bei der Zubereitung. Auch wenn das für so manche Eltern schon mal eine besondere Herausforderung ist, wenn der Dreijährige dann zu Hause nach einem scharfen Messer zum Schnippeln verlangt.

Sie werden es nicht bei den beiden Kitas belassen, sondern wollen im kommenden Jahr eine private Grundschule gründen. Wie weit sind Ihre Planungen?

Andrea Redding: Wir sind in aussichtsreichen Gesprächen über eine Bestandsimmobilie für den Schulstart. Das wäre eine Übergangslösung, denn mittelfristig streben wir einen Schulneubau an. Im Oktober treten wir in das offizielle Genehmigungsverfahren bei der Bezirksregierung ein. Dazu müssen wir einen Vorvertrag für das Gebäude vorlegen, ebenso wie das pädagogische Konzept und den Wirtschaftsplan, und die Pädagogen müssen auch an Bord sein. An diesen Unterlagen arbeiten wir nun seit anderthalb Jahren. Auch die ersten Elterngespräche werden bereits geführt. Die gemeinnützige Stiftung und die Freie Schule Niederkassel gGmbH haben wir als Schulträgerstruktur gegründet. Aktuell befinden wir uns im Eintragungsverfahren.

Die Reaktionen aus Verwaltung und Politik auf die Schulgründung waren ja eher verhalten.

Redding: Ja, aber der Bürgermeister hat ja auch gesagt, dass er uns keine Steine in den Weg legen will. Die Stadt soll in diese Schule nichts investieren müssen, und ich freue mich auf den Tag, an dem wir nicht mehr als Konkurrenz zu anderen Schulen gesehen werden, sondern als das, was wir sind: eine gute Ergänzung.

Wie wird sich die Schule finanzieren?

Redding: Wir müssen einen Eigenanteil von 13 Prozent aufbringen. Dazu werden die Eltern nach Einkommen gestaffelt zwischen 100 und 300 Euro im Monat zahlen. Dazu kommt noch der Essensbeitrag.

Nennen Sie mir drei gravierende Unterschiede der Freien Schule zur Regelschule.

Redding: Es wird keine Klassen geben, sondern altersgemischte Lerngruppen, wie in unserer Kita. Der Unterricht findet nicht in der 45-Minuten-Taktung statt, sondern es wird interessengeleitet gelernt, im individuellen Tempo der jeweiligen Kinder. Der dritte Unterschied ist die Einbeziehung der Eltern. Sie sind zu jeder Zeit in der Schule willkommen. Als Konsequenz aus diesen drei Unterschieden wird es keine Hausaufgaben, keine Klassenarbeiten und keine Noten geben. Wir werden die Kinder in ihrem Wissensdrang nicht stören.

Die Grundschule beginnt mit zwei Klassen und eine Gesamtschule soll sich anschließen.

Redding: Die Gesamtschule ist für 2020 geplant, ebenfalls mit zwei Parallelklassen. Unsere Vision ist ein Schulcampus, quasi das Lernforum Villa Kunterbunt, in dem Menschen von 0 bis 20 Jahren leben und lernen. So wie unser Schulmotto: „leben.lernen.kunterbunt!“