1. Region
  2. Sieg & Rhein
  3. Niederkassel

Starkregen in Niederkassel: Stadt bereitet sich auf künftiges Hochwasser vor

Starkregen in Niederkassel : Stadt bereitet sich auf künftiges Hochwasser vor

Die Schäden waren zwar nicht so katastrophal wie in der Voreifel und an der Ahr, aber auch in Niederkassel standen am 14. Juli Keller unter Wasser. Die Stadt zieht eine Bilanz der Schäden – und sagt, wie sie sich auf künftiges Hochwasser vorbereitet.

Tief „Bernd“ hat auch in Niederkassel seine Spuren hinterlassen. Nicht zu vergleichen mit den verheerenden Folgen des Starkregens in manch anderen Teilen Nordrhein-Westfalens und Rheinland-Pfalz. Jedoch heftig genug, um an städtischen Gebäuden und Privathaushalten sowie Unternehmen und Landwirten einen Schaden von insgesamt rund 270.000 Euro zu verursachen. An etwa 120 Einsatzstellen waren mehr als 70 Einsatzkräfte der Feuerwehr Niederkassel tätig, hauptsächlich um Keller und Straßen leerzupumpen.

Rund 80 Anträge auf Soforthilfe gingen seither bei der Verwaltung ein. Etwa 195.000 Euro wurden bewilligt und zumeist bereits ausgezahlt. Dabei mussten die Antragsteller versichern, dass der eigene Schaden nach der Zahlung etwaiger Versicherungsleistungen mindestens 5000 Euro beträgt.

Die Wasserschäden in städtischen Gebäuden waren bis auf zwei Bauten stets durch Wassereinbruch im Dachbereich verursacht. Die Dachabläufe sind in den allermeisten Fällen nicht für derartig enorme Wassermengen ausgerichtet, sodass schnell ein Rückstau auf den Dachflächen entsteht. Sind die Dächer alt, sind sie nur noch vermeintlich dicht und offenbaren in derartigen Situationen schnell ihre Schwachstellen. In der Turnhalle Berliner Straße und der Gesamtschule Lülsdorf entstanden die Schäden durch den Rückstau in Abwasserleitungen.

Die meisten Anträge kamen aus Lülsdorf

Schwerpunkt bei den privaten Anträgen war Lülsdorf, mit weitem Abstand gefolgt von Rheidt. Hier waren zumeist Keller oder tief gelegene Wohnungen überflutet. Mit der Auszahlung der Gelder und der Reparatur der Schäden war die Arbeit nicht erledigt. Betroffene Bürger konnten Sperrmüll-Sonderabfuhren anmelden, die über die Stadt nach Straßenzügen gebündelt wurden.

Problematisch hätte es in den Niederkasseler Kiesgruben werden können, hatte man doch den schweren Erdrutsch der Kiesgrube in Erftstadt-Blessem vor Augen. Dort war eine große Menge an Oberflächenwasser aus den Wassermassen der Erft entstanden, das zu einer Ausspülung des losen Sand-Kies-Materials geführt hatte, wodurch schließlich der Erdrutsch entstand. Dazu die Verwaltung: „In Niederkassel wird nur die Kiesgrube Niederkasseler See aktiv betrieben. Deren Hänge waren bereits begutachtet und zum Teil mit bindigem Material verstärkt worden.“ Das Amt für Umwelt- und Naturschutz des Rhein-Sieg-Kreises hat diese Einschätzung bestätigt. Im Rhein-Sieg-Kreis gebe es keine andere Kiesgrube, die die gleichen Voraussetzungen habe wie die in Erftstadt-Blessem. Dazu Bürgermeister Stefan Vehreschild: „In Niederkassel gibt es kein Flüsschen oder Gewässer,das sich auf die Art wie im Juli die Erft vergrößern kann. Der Rhein sagt drei Tage vorher Bescheid, wenn er in Koblenz ist.“

In Erftstadt-Blessem wie auch in vielen anderen stark betroffenen Gemeinden des Rhein-Sieg-Kreises, wie etwa Rheinbach oder Swisttal, waren in den Tagen nach Katastrophe viele Niederkasseler Feuerwehrleute wie auch Mitarbeiter des städtischen Bauhofes helfend tätig.

Jeder muss sich selbst schützen

Zukunftsweisend macht die Verwaltung auf Pflichten der öffentlichen Hand und Privatpersonen aufmerksam: „Der Überflutungsschutz ist eine kommunale Gemeinschaftsaufgabe sowie eine „Jedermannspflicht“. Dies ergibt sich aus dem Wasserhaushaltsgesetz (WHG). Jeder hat sein Objekt bzw. Grundstück nach § 56 WHG im Rahmen des Möglichen vor Überflutungen in Folge von Starkregenereignissen selbst zu schützen.“ Starkregenereignisse werden nach der statistischen Wiederkehrzeit in die Kategorien eins bis zwölf eingeteilt. Für Starkregenereignisse wie die im Juli können kommunale Entwässerungssysteme weder technisch noch wirtschaftlich ausgelegt werden, ab einem Starkregen der Kategorie drei ist der Grundstückseigentümer für den Schutz verantwortlich. Jedoch sagt die Verwaltung auch: „Einen absoluten Schutz kann es nicht geben. Alle Schutzmaßnahmen, sowohl privater als auch öffentlicher Natur, können unter Berücksichtigung des technisch und wirtschaftlich Möglichen nur einen begrenzten Schutz bieten. Aber selbst dieser kann dazu beitragen, dass der Schaden eines noch selteneren Ereignisses minimiert wird und genau dies muss im Vordergrund stehen. Da der absolute Schutz nicht möglich ist, steht die Schadensminimierung an erster Stelle.“

Für den Fall eins noch stärkeren Hochwasserereignisses, etwa eines Deichbruchs, hat die Stadt Niederkassel Hochwasserevakuierungspläne. Mit ihrer Hilfe sollen die Menschen in Lülsdorf und Rheidt aus einem gefährdeten vorübergehend in ein sicheres Gebiet gebracht werden. „Es gibt viele andere Katastrophen, die uns erreichen können. Kompletter Stromausfall, Erdbeben. Für alles gibt es Notfallpläne. Und wir testen und üben derartige Szenarien, wie etwa Stromausfall im Rathaus“ beruhigt Vehreschild. „Aber wir müssen alles auf den Prüfstand stellen: beispielsweise die Evakuierung von Kindergärten oder Seniorenheimen“, sagt er auch.

Um in Zukunft noch besser auf mögliche Katastrophen mit Schutzmaßnahmen reagieren zu können, plant die Verwaltung eine Klausurtagung. Dabei soll es um die Nachbereitung des 14. Juli gehen, um die Entwicklung weiterer Maßnahmen und um die Neuausrichtung des Stabs für außergewöhnliche Ereignisse. Außerdem soll dort der Grundstein für eine Bürgerversammlung gelegt werden, auf der Verwaltung noch in diesem Jahr zum Thema Starkregen informieren will. „Die Überflutungskarten der Stadt sind nicht genügend bekannt“, sagt SPD-Fraktionschef Frieder Reusch dazu. „Sie müssen aktualisiert werden, damit sie für alle Fälle immer auf dem neuesten Stand sind und sie müssen der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden.“