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Lesung zu Gast auf dem Sofa: Der Arbeitnehmer ist immer auf Standby

Lesung zu Gast auf dem Sofa : Der Arbeitnehmer ist immer auf Standby

Das Büro – mit diesem Wort verbinden sich viele Assoziationen: klein, stickig, laut, Termine, Hetze, Störung des Arbeitsflusses. Ist diese ortsabhängige Arbeit überhaupt noch zeitgemäß?

Nein, sagt der Journalist und Autor Markus Albers. Er war zu Gast auf dem Sofa in der Bibliothek der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, um über sein neues Buch „Digitale Erschöpfung“ zu sprechen.

In seinem unterhaltsamen Vortrag sprach Albers ausführlich über die aktuelle Arbeitsplatzlage, die Probleme, die die ständige Erreichbarkeit mit sich bringt, und verschiedene Lösungsansätze. So zum Beispiel mit den neuen schicken Büros, die früher als Großraumbüro bezeichnet wurden und heute so tolle Namen tragen wie „Open Space“.

Markus Albers erzählte von einer Begebenheit aus seiner Anfangszeit bei der Vanity Fair in Berlin. Das trendige, offene Büro führte dazu, dass eine Kollegin sich Lärmschutzkopfhörer besorgt hatte, um in Ruhe arbeiten zu können. Kurz darauf musste Albers Kopfhörer für das ganze Team kaufen.

„Gerade einmal elf Minuten am Stück kann man sich im Schnitt im Büro konzentrieren“, sagte Albers. Dann kommen die ersten Ablenkungen. Effektives Arbeiten? Fehlanzeige. 62 Prozent der Deutschen wünschen sich flexible Arbeitsplätze. Und die neuen Technologien ermöglichen diese Form des Arbeitens. Daten können in Clouds hochgeladen und direkt mit anderen Kollegen besprochen und ausgetauscht werden. Whatsapp-Gruppen werden für einzelne Projektgruppen eingerichtet. Die Folge: ständige Erreichbarkeit für die Kollegen und den Chef.

84 Prozent der Arbeitnehmer sind für den Job immer auf Standby. Das führt dazu, dass 50 Prozent der Menschen Schlafstörungen haben, 13 Prozent davon jede Nacht. Die Krankenkassen melden einen volkswirtschaftlichen Schaden in Höhe von 225 Milliarden Euro. Doch warum fällt es uns so schwer, das Smartphone einfach auszuschalten? „Die zunehmende zeit- und ortsunabhängige Arbeitswelt führt dazu, dass es die klassische Anwesenheit nicht mehr gibt“, sagte Markus Albers.

„Aber das Misstrauen der Kollegen und Vorgesetzten bleibt: Arbeitet der wirklich? Um dem entgegenzuwirken, arbeitet man ewig und schickt dann gerne die letzte Mail nachts um halb zwölf ab“, so Albers. Außerdem habe das Handy auch sehr viel Suchtpotenzial. Für sein Buch hat Albers mit einem führenden Suchtpsychologen gesprochen. Wer eine Nachricht aufs Smartphone bekomme, erwarte etwas Positives, auch wenn es nicht so sei. Es sei schwer, nicht direkt zu reagieren.

Doch was hilft nun gegen die ständige Überlastung? Achtsamkeit. Sich selbst überwinden, das Handy oder Laptop auszuschalten und einfach mal nicht erreichbar zu sein.