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40 Jahre Sankt Augustin: Die Geschichte Sankt Augustins begann zwischen Kloster und Kneipe

40 Jahre Sankt Augustin : Die Geschichte Sankt Augustins begann zwischen Kloster und Kneipe

Wo liegt der Ursprung Sankt Augustins? Eine Spurensuche. Bis der Name Sankt Augustin in der Gegend auftauchte und sich etablierte, vergingen einige Jahrhunderte.

Sankt Augustin ist als eigenständige Kommune ein Produkt der kommunalen Neuordnung, und noch 40 Jahre nach der Stadtwerdung 1977 haftet ihr etwas Künstliches an. Das mag am rasanten Bauboom liegen, aber auch an der Tatsache, dass das Zentrum binnen weniger Jahre aus dem Boden gestampft worden ist. Gleichwohl sind die einzelnen zur Stadt gehörenden Ortschaften viel älter: Mülldorf und Menden beispielsweise wurden schon im Jahre 1070 als Mulindorf und Menedon urkundlich erwähnt, im Zusammenhang mit der gerade gegründeten Abtei in Siegburg. Bis der Name Sankt Augustin in der Gegend auftauchte und sich etablierte, sollten jedoch noch einige Jahrhunderte vergehen. Dieses Kapitel sollte mit einer neuen Ordensniederlassung beginnen – und einer Gaststätte.

Stop-and-go, stop-and-go: Wer zur Hauptverkehrszeit an der Kreuzung B 56/Arnold-Janssen-Straße steht, muss sich in Geduld üben. Vor allem dann, wenn sich die Schranken der Stadtbahn 66 schließen. Just an dieser Kreuzung stand sie, die Wiege des Ortes Sankt Augustin. Ende des 19. Jahrhunderts gab es dort nichts als weite Felder, durchzogen von einer Landstraße von Bonn nach Siegburg, die von der Straße von Niederpleis nach Menden gekreuzt wurde. Im Jahr 1893 ließ sich dort die Familie Henroset nieder und gründete eine Gaststätte.

Sie war eine Bausünde, jedenfalls aus baupolizeilicher Sicht. Aufgrund von Mängeln musste sie schon nach wenigen Jahren abgerissen und neu aufgebaut werden. Aber Gastwirt Xaver Henroset blieb an der strategisch günstigen Kreuzung. Zu ihm kamen Ausflügler, aber auch Soldaten vom Exerzierplatz auf der nahen Hangelarer Heide. „Zur neuen Heide“ nannte Henroset sein Lokal, das seinerzeit als Vergnügungspark galt. So waren der Gaststätte ein Kinderspielplatz und eine Hühnerfarm angegliedert, weshalb das Lokal im Volksmund auch „Höhnerpark“ hieß – eine heute nicht mehr gebräuchliche Bezeichnung.

Von „St. Paul“zu „St. Augustinus“

Henrosets Betrieb florierte, und ab 1911 rollte vor seiner Tür die Straßenbahn zwischen Siegburg und Bonn. Diese wiederum war für den Orden der Steyler Missionare ein gutes Argument, sich in der Nähe niederzulassen. Sie planten ein Erholungshaus für Missionare, die krank aus den Tropen zurückkehrten; zugleich sollte es aber auch Wohnheim für studierendes Patres sein. Mit der Bahn war es schließlich nicht weit bis zur Bonner Uni. Als Bezeichnung stand zunächst „Haus St. Paul“ beziehungsweise „Collegium Paulinum“ im Raum, wie einer Chronik der Steyler zu entnehmen ist. Als das Missionshaus am 3. Dezember 1913 in Betrieb ging, trug es schließlich den Namen St. Augustinus und wurde auch Augustinushaus genannt. Ordensgründer Arnold Janssen war ein Verehrer des Heiligen Augustinus.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden in der Nachbarschaft, rund um die Gaststätte Henroset, Wohnhäuser, die bald zu einer kleinen Siedlung anwuchsen. „Sie lag halb in der Gemeinde Hangelar, halb in Siegburg-Mülldorf“, berichtet Stadtarchivar Michael Korn. Und doch fühlten sich die Bewohner weder der einen noch der anderen Seite richtig zugehörig. Die Sankt Augustinerin Maria Brock schrieb in der Buchreihe „Beiträge zur Stadtgeschichte“, dass die Siedlungsbewohner in den 20er Jahren eine eigenen Ortsnamen suchten. „Neue Heide“ und „Henroset“ (!) seien im Gespräch gewesen.

„Die Mehrheit entschied sich für 'St. Augustin', den Namen des Klosters, weil man der Auffassung war, dass das Kloster wesentlichen Anteil an der Entwicklung des Ortes hatte“, berichtet Maria Brock. „Entschiedener Befürworter dieses Namens war mein Vater Peter Lückeroth. Er – Postbeamter – sorgte dafür, dass bald eine Poststelle nach St. Augustin kam.“ Am 28. August 1930 wurde die Bahnhaltestelle Hangelar-Menden in „St. Augustin“ umbenannt, genau an dem Tag, als die große Klosterkirche der Steyler geweiht wurde.

Politisch noch nicht eigenständig

Damit war St. Augustin politisch aber noch lange nicht eigenständig. Die Bewohner gründeten eine Interessengemeinschaft, die als Sprachrohr gegenüber den Gemeinden Hangelar und Siegburg-Mülldorf fungierte. Obwohl es Ortsschilder gab, sollte es noch bis zur Kommunalreform 1969 dauern, bis „St. Augustin“ ein offizieller Ortsteil wurde – gelegen mitten in der neuen Großgemeinde Sankt Augustin, die sich aus weiten Teilen des alten Amtes Menden rekrutierte.

So wurde das Kloster nicht nur für den Ort, sondern für die heutige Stadt Namensgeber. Diese setzte alles daran, dass das „Sankt“ im offiziellen Namen ausgeschrieben wird, um den aufkommenden Spottnamen „Staugustin“ zu tilgen. Dieser verbreitete sich in den 70er Jahren angesichts der Verkehrsverhältnisse.

Und Xaver Henroset? Er starb bereits 1948, und seine einstige Gaststätte fiel in den 60er Jahren dem Straßenausbau zum Opfer. Wer heute über den Mülldorfer Friedhof geht, stößt am Eingang an der Bonner Straße auf einen roten Grabstein mit der stolzen Inschrift „Henroset – Gründer des Ortes St. Augustin 1893“. Stadtarchivar Korn: „Das ist so nicht ganz korrekt, aber auch nicht ganz falsch. Schließlich hat er das erste Haus der späteren Siedlung gebaut.“