Sankt Mariä Heimsuchung Die Pfarrkirche in Mülldorf wird 75 Jahre alt

SANKT AUGUSTIN · Den 75. Geburtstag der Pfarrkirche Sankt Mariä Heimsuchung an der Gottfried-Salz-Straße feiert am Sonntag die Mülldorfer Pfarrgemeinde. Das schlichte Gebäude war die letzte Kirche, die 1938 unter den Nationalsozialisten gebaut wurde - und das zunächst ohne Baugenehmigung, wie der stellvertretende Kirchenvorstandsvorsitzende Heinz Freckwinkel berichtet. Die gab es erst, als der Bau schon voll im Gange war.

 Pfarrer Gottfried Salz (links) bei der Grundsteinlegung der Mülldorfer Pfarrkirche, die nun 75 Jahre alt wird.

Pfarrer Gottfried Salz (links) bei der Grundsteinlegung der Mülldorfer Pfarrkirche, die nun 75 Jahre alt wird.

Foto: GA

Freckwinkel, 77, erlebte den resoluten Pfarrer Gottfried Salz als Religionslehrer. Salz stammte aus Windeck und war vom damaligen Erzbischof 1936 von Essen nach Mülldorf zu seinem eigenen Schutz versetzt worden, berichtet Freckwinkel. Bereits mehrfach habe er sich bis dahin mit den Nazis angelegt, sei 13 Mal vernommen worden und einmal in Haft gewesen.

Sein Auftrag in Mülldorf war es, eine Kirche zu bauen. Die dortige Gemeinde, seit 1920 eigenständig, hatte bis dahin nur eine Kapelle. Sie stand auf dem heutigen Kapellenplatz an der Bonner Straße. Für den Neubau benötigte der Pfarrer genau acht Monate. Im November 1938 war das Gotteshaus fertig.

"Der Pfarrer gehörte neben dem Bürgermeister zu den angesehensten Leuten im Dorf", erinnert sich Freckwinkel. Neben dem Bau der Kirche ist es dem Pfarrer auch zu verdanken, dass zum einen das Kloster der Steyler Missionare ebenso wie die neue Pfarrkirche beim Einmarsch der US-Soldaten nicht völlig zerstört wurden.

So sollten die deutschen Pioniere dem Feind nur verbrannte Erde zurücklassen und das Kloster sprengen. Nachdem Salz das hörte, soll er auf sein Fahrrad gesprungen sein, um an den Kommandanten zu appellieren, den Plan nicht in die Tat umzusetzen. Wie er es schaffte, dass der junge Offizier ihm diesbezüglich als Katholik sein Ehrenwort gab, darüber könne man nur spekulieren, so Freckwinkel.

Als sich die Amerikaner dann über die Bonner Straße näherten, sei der Pfarrer mit einer weißen Fahne auf die Straße geeilt. Dort habe er den letzten deutschen Panzer gesehen und auch dessen Besatzung von der Unsinnigkeit des Vorhabens, sich den Amerikanern entgegenzustellen, abgebracht. Nachdem sie abdrehten, soll Salz auch die amerikanischen Truppen beschwichtigt haben - mit dem Appell "Ihr braucht nicht zu schießen, in Mülldorf gibt es keine Soldaten mehr." Daraufhin habe ihm ein amerikanischer GI mitgeteilt: "Ich Captain, du Bürgermeister."

Im ersten Nachkriegsjahr feierte Pfarrer Salz silbernes Priesterjubiläum. Auch das Geläut des Glockenturms, das im Krieg eingeschmolzen worden war, wurde mit Unterstützung aus anderen Pfarreien und der Pfarrgemeindemitglieder ersetzt. 1950 ging Salz nach Essen zurück, wo er drei Jahre später verstarb.

Jeder der insgesamt sieben Pfarrer, die ihm folgten, hinterließ sichtbare Spuren - so zum Beispiel Josef Decker, der die Pfarrei von 1956 bis 1968 betreute und den Kindergarten, das Pfarrheim sowie das Küsterhaus errichten ließ. Über Jahrzehnte hat später Josef Schlemmer die Gemeinde maßgeblich geprägt. Er war von 1976 bis 2002 Pfarrer in Mülldorf und ließ den Innenraum der Kirche, der bis dahin aus Kriegsmaterialien bestand, renovieren. Der Altar wurde umgebaut und die Tauf- und Totenkapelle wurden errichtet. Türe und Bänke wurden aufgearbeitet. Heute ist Monsignore Schlemmer noch als Subsidiar tätig.

Mülldorf sei immer eine arme Pfarrei ohne größere Erbmassen gewesen und habe dies alles dank des Kirchenbauvereins und des Kirchenfonds finanzieren können, bilanziert Freckwinkel.

Das heutige Gemeindeleben

Das Leben in der Mülldorfer Pfarrgemeinde Sankt Mariä Heimsuchung zeugt von den vielen Aktivitäten seiner Mitglieder. Vom Kirchcafé sonntags nach der Messe, den monatlichen Familiengottesdiensten bis hin zu der großen Schar von rund 50 Messdienern, bildet die Gemeinde die unterschiedlichen Facetten ihrer Mitglieder ab.

Dazu zählen das alljährliche Jugendlager oder das Pfarrfest, das auch von Nicht-Katholiken gerne besucht wird. Einiges habe sich wieder neu entwickelt wie der monatliche Seniorennachmittag, vieles verfestige sich, wie die Frauengemeinschaft oder der Kirchenchor, freut sich die Vorsitzende des Gemeindeausschusses, Barbara Falkenstein-Wittig.

"Das sind die rheinischen Katholiken, sie schimpfen viel über die Kirche, aber wenn es drauf ankommt, stehen sie zusammen", erklärt Kirchenvorstand Heinz Freckwinkel. Kämpfen muss die Pfarrgemeinde aktuell immer noch mit den Folgen der Zusammenlegung aller Pfarreien in der Stadt im Jahr 2011. "Das war für mich eine schlimme Zeit, weil vor Ort nichts mehr war", so Freckwinkel.

Das Pfarrhaus des heutigen Pfarrers Peter H. Emontzpohl liegt in Niederpleis, das Pfarrhaus in Mülldorf hat nur noch wenige Stunden in der Woche geöffnet. Die Zuständigkeiten seien noch nicht in allen Bereichen endgültig geregelt, so zum Beispiel bei der Platzvergabe in der Mülldorfer Kita Sternschnuppe. Die Warteliste sei immer lang, erklärt Falkenstein-Wittig. Im März hat sich in Mülldorf ein Gemeindeausschuss gebildet, der vor Ort mit der entsprechenden Nähe zu den Mitgliedern tätig ist.

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