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Foodsharing: Frauen aus Sankt Augustin retten Lebensmittel vor dem Müll

Foodsharing : Frauen aus Sankt Augustin retten Lebensmittel vor dem Müll

Über das Foodsharing-Netzwerk organisieren sich auch in Sankt Augustin mehrere Lebensmittelretterinnen. Sie bewahren aussortiertes Essen vor dem Müll und verteilen es in der Nachbarschaft. In der Pandemie sind sie besonders vorsichtig.

Drei große Artischocken, eine Schale Erdbeeren, sechs leicht ramponierte Blumensträuße und eine große Kiste Brötchen vom Vortag: Auf den in einer Reihe aufgestellten Tischen neben Tamara Behnkes Haus liegen ein paar Lebensmittelschätze. Ein halber Kofferraum voll war es diesmal, kiloweise Essen und Blumen hat die Sankt Augustinerin „gerettet“. Sie ist eine der Sankt Augustiner „Foodsaverinnen“, die sich ein eigenes lokales Netzwerk aufgebaut haben, damit weniger Lebensmittel weggeschmissen werden. Wenn die Waren in ihrem langen, hell beleuchteten Schuppen übersichtlich ausgebreitet sind, gibt sie in der Whatsapp-Gruppe das Go und die Abholenden aus der Nachbarschaft dürfen kommen.

Foodsaver sind Ehrenamtliche, die mal ein ganzes Auto voll, mal nur eine Tasche mit abgelaufenen oder nicht mehr ansehnlichen Waren bei Supermärkten, Marktständen oder Bäckereien abholen. Hinzu kommen eine ganze Menge Leute, die sich später ihren Teil vom Geretteten sichern.

Bereits vor sieben Jahren startete die Siegburgerin Martina Müller eine Foodsharing-Gruppe, die Keimzelle des Verteilersystems war in Hennef. Gemeinsam mit Angela Echtermann verbreitete sie den Gedanken der Nachhaltigkeit in der ganzen Umgebung. Der Bezirk Sankt Augustin ist erst seit etwa zwei Jahren dabei – und erhält in der Pandemie nur langsam Zuwachs. „Wir mussten die Einarbeitung neuer Foodsaver zeitweise fast auf Null runterschrauben, um Kontakte zu reduzieren“, berichtet Foodsharing-Botschafterin Müller.

Umweltschutz und Ersparnis

Wie auch am Mittwochabend in Niederpleis. Wenige Sekunden, nachdem die Saverinnen in der Gruppe Bescheid gegeben haben, kommen die ersten Abholenden im Nieselregen um die Ecke geeilt. Sie sind mit Taschen ausgerüstet, schauen sich die Auswahl an, einer nach dem anderen. Es gibt Joghurt mit Mindesthaltbarkeitsdatum vom Vortag, das sicher noch mindestens eine Woche gut ist. Sogar veganer Fleischersatz ist dieses Mal dabei. „Die Bananen nennen die Kinder ‚Tigerbananen‘, wegen der dunklen Streifen“, erzählt Tamara Behnke. In Sankt Augustin hat sie auch zwei Kooperationen mit Kindertagesstätten auf die Beine gestellt: Die Waldkita Niederpleiser Frischlinge und das evangelische Familienzentrum Menschenkinder bekommen gerettete Lebensmittel, manchmal holt Behnke bei ihnen auch übriggebliebenes Mittagessen ab.

Für das Ehrenamt gilt 3G. Alle, die an diesem Abend in Behnkes Hinterhof eintrudeln, tragen Masken, halten sich sorgfältig an die Abstände und warten, bis sie dran sind. Die Backwaren gibt die Sankt Augustinerin aus hygienischen Gründen selbst heraus und trägt dabei Handschuhe. Solche Verteilaktionen finden in den verschiedenen Bezirken alle paar Tage statt. „Die Ersparnis ist dabei ein positiver Nebeneffekt“, erklärt Martina Müller. „Kostenlos Einkaufen ist jedoch nicht der Sinn der Sache.“ Vielmehr gehe es darum, der Umwelt etwas Gutes zu tun, indem Müll vermieden wird und noch durchaus Genießbares auch genossen wird. Das Schlaraffenlandgefühl beim Abholen kommt jedoch gratis mit dazu. Auch in Coronazeiten habe sich die Qualität und die Menge der Waren nicht verändert, schildert Müller.

Vertrauen in andere Menschen

„Man lebt als Foodsaver anders“, so die Siegburgerin. „Man weiß ja nie, was und wie viel man kriegt. So lernt man viel Obst und Gemüse kennen, das man sonst vielleicht nicht gekauft hätte.“ Auch neue Rezepte probieren die Retterinnen gerne aus. Tamara Behnke empfiehlt jedoch, Salatsuppe besser bleiben zu lassen. „Dafür haben wir auch mehrere Tier-Abholer“: Über Salat- und Gemüsereste, die nicht mehr so gut aussehen, oder die schlicht übrig sind, freuten sich immer noch Hasen und Hühner. Am Ende ist immer alles komplett verteilt. „Es kommen ganz unterschiedliche Leute“, beobachtet Martina Müller. Sie freue sich darüber, neue Menschen kennenzulernen und sich mit ihnen auszutauschen. „Das läuft alles total harmonisch ab.“

Das Verteilersystem setze ein großes Vertrauen untereinander voraus. In vielen Städten, unter anderem in Köln, gibt es auch öffentliche „Fairteiler“ – das kann ein Lastenfahrrad oder ein Schrank sein – die von Privatpersonen bestückt werden können. Viele dieser Standorte wurden jedoch in der Pandemie geschlossen. In Siegburg sei diese Art des Foodsharings nicht gestattet, erklärt Müller. Es habe mal einen Fairteiler in Hennef gegeben, auf einem privaten Grundstück; doch auch hier habe sich das Ordnungsamt eingeschaltet. „Man weiß natürlich nie, was die Leute machen, und ob es dann wirklich sauber und hygienisch ist“, so die Siegburgerin.

Mittlerweile erledigt Tamara Behnke die Abholung bei den Kooperationspartnern häufig mit dem Fahrradanhänger. Auch mit dem Auto legt sie keine weiten Wege zurück, ebenso wie ihre meist zu Fuß ankommenden Abholenden. Sie und ihre Ehrenamtskolleginnen haben durch die Auseinandersetzung mit dem Konsum heute eine ganz andere Einstellung zu Lebensmitteln und zur Natur. Aus ihrer Sicht ist damit ein kleiner Schritt zur Rettung der Welt getan.