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Interview mit Heinrich Geerling und Jörg Hempel: Pläne für eine neue Nutzung des alten Pleistalwerks

Interview mit Heinrich Geerling und Jörg Hempel : Pläne für eine neue Nutzung des alten Pleistalwerks

Verfallene Mauern, ein Öltank, Stallungen und Unterkünfte auf einem überwucherten Areal mit See und umfangreicher Flora und Fauna: Auf den 66.000 Quadratmetern des alten Pleistalwerkes zwischen Sankt Augustin-Niederpleis und Birlinghoven ist seit mehr als 40 Jahren nichts mehr geschehen.

Nur die Natur hat sich ihr Terrain wiedergeholt. Heinrich Geerling spricht mit Blick auf die Ruine von "Industrieromantik". Für Jörg Hempel finden sich hier viele Biotope unterschiedlichster Art. Er und Geerling haben einen gemeinsamen Plan entwickelt.

Unter dem Dach des Vereins "Umweltbildungszentrum - Das Pleistalwerk" (UBZ) wollen sie dort ein Zentrum für Natur und Umwelt realisieren, wie es auch im Stadtentwicklungskonzept der Stadt Sankt Augustin vorgesehen ist. Mit Heinrich Geerling, dem Enkel des Firmengründers, und dem UBZ-Vorsitzenden Jörg Hempel sprach Martina Welt über die Pläne.

Herr Geerling, wie sehr sind Sie emotional mit diesem Gelände verbunden?
Heinrich Geerling: Nun, mein Großvater hat das Werk 1924 aus der Konkursmasse aufgekauft und das Pleistalwerk gegründet auf der Grundlage einer alten ruinösen Fabrik. Mein Vater hat dieses seit 1950 weitergeführt und ich bin bis zu meinem 13. Lebensjahr hier aufgewachsen. Danach kam ich in die Internatsschule auch zu den Steyler Missionaren und bin erst 25 Jahre später wieder hierher zurückgekehrt. Es gibt die Bindung, aber sie ist nicht Maßstab meines Handelns.

Wie kam es zum Ende der Steinzeugproduktion im Pleistalwerk?
Geerling: Das waren die Ölkrise, Anfang der 70er Jahre und das PVC-Rohr, das dann zur großen Konkurrenz wurde. Auch die Produktionsanlage war veraltet und an dem Standort gab es keinen Ton mehr. Es gab viele Gründe, um den Betrieb einzustellen.

Das gesamte Areal wurde an die GbR Rehaklinik Sankt Augustin veräußert, warum scheiterte auch dieses Projekt?
Geerling: Ja, 1993 wurde der Kaufvertrag unterzeichnet. Es gibt bis heute einen rechtskräftigen Bebauungsplan, der die Nutzung des Geländes für eine Klinik mit dem Schwerpunkt der neurologischen Rehabilitation vorsieht. Idee der zwölfköpfigen Kölner Gruppe war es, sich auf neurologische Reha zu spezialisieren. Durch die lange Genehmigungsphase ist das Projekt in die Situation gekommen, dass andere Krankenhäuser die Versorgungsverträge mit den Krankenversicherungen bereits abgeschlossen hatten. 2010 wurde die Fläche zwangsversteigert, einer aus der Gruppe, Rolf Brüning, hat diese dann wieder ersteigert. Damals wurde der Wert der 66 000 Quadratmeter nur auf 1,1 Millionen Euro festgesetzt.

Herr Hempel, wie sind Sie zum UBZ gekommen?
Jörg Hempel: Ich habe über Mitglieder, die das Projekt vor zwei Jahren gegründet haben, davon gehört, bin dann zu einer Sitzung mal mitgekommen und habe gesehen, dass es ein sehr interessantes Projekt ist, das jede Menge Möglichkeiten bietet. Da ich Diplom-Geograf bin, erfüllt sich ein kleiner Traum, endlich mal wieder geografisch zu arbeiten.

Was wäre im Umweltbildungszentrum kurzfristig machbar?
Hempel: Kurzfristig hoffen wir, auf dem Gelände Raum für unsere Aktivitäten zu gewinnen. Wir haben die beiden Scheunen mit dem angrenzenden Beweidungsgrundstück. Das wäre die erste Möglichkeit, uns hier zu präsentieren. Wir würden die Ställe gerne wieder so herstellen wie sie früher genutzt wurden - zur Versorgung der Arbeiter. Es ist auch unser Anliegen, die noch sichtbare Tonindustrie dazustellen. Deshalb planen wir auch, ein kleines Museum möglichst kurzfristig unter Einbindung der Bevölkerung zu installieren.

Welche Pläne haben Sie mit den verfallenen Gebäuden?
Geerling: Das Grundstück hat aufgrund der Industrieromantik einen sehr großen Charme. Wir könnten zum Beispiel den Bestand teilweise sichern und offene Ausstellungen und Vorführungen machen. Dazu brauchen wir kein Dach und keine Heizung. Die Idee des pädagogischen Anspruchs, die Umweltbildung, muss in neuen Gebäuden stattfinden.

Wie sieht es hier in zehn oder 20 Jahren aus, wenn Ihre Pläne umgesetzt sind?
Hempel: Dann ist ein Industriemuseum entstanden, mit einem Hotel oder einer Jugendherberge. Es gibt Freizeitangebote, eine offene Bühne und das UBZ wird für die Schulen eine Anlaufstation für naturwissenschaftliches Arbeiten sein. Wir werden hier zudem Infostation für das Siebengebirge sein.
Geerling: Möglichst viel der alten Fabrik, der Tankanlage und der alten Tonbunker sollten, soweit kulturhistorisch sinnvoll und wirtschaftlich vertretbar, herausgearbeitet und mit den neuen modernen Gebäuden zu einer Symbiose von Natur und Technik werden. Atmosphärisch sollte das Grundstück aufgewertet werden, ohne es kaputt zu sanieren, und eine moderne Bildungseinrichtung sollte vor Ort sein. Eine Entwicklungsgemeinschaft mit dem Eigentümer ist aus unserer Sicht auch denkbar.

Zu den Personen

Jörg Hempel (51), geboren in Essen, hat in Bonn Geografie studiert. Mit einem Kommilitonen gründete er eine EDV-Firma, die unter anderem die Spitzenverbände der deutschen Landwirtschaft in Bonn betreute. Vor einigen Jahren hat sich Hempel der Fotografie verschrieben, was er in Zukunft auch im Umweltbildungszentrum anbieten will. Hempel war zudem gerichtlich vereidigter Sachverständiger für Bodenkunde. Er ist geschieden und wohnt seit einem halben Jahr in Büchel, bei Ruppichterroth. Vorher lebte er in Bonn.

Heinrich Geerling (54), ist in Bonn geboren und wohnte mit seinen vier Geschwistern bis zu seinem 13. Lebensjahr in der Villa am Pleistalwerk. Er studierte in Kaiserslautern Architektur, war dort als Wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig und bekam ein zweijähriges Forschungsstipendium in Japan. 1994 zog er wieder in die väterliche Villa, in der sich heute sein Büro befindet. Der Architekt arbeitet zudem beim Aufbau von sogenannten Geoportalen der Geodateninfrastruktur Deutschland mit. Geerling ist ledig und wohnt in Sankt Augustin.