Schockanrufe bei alten Damen 29-Jähriger aus Sankt Augustin freigesprochen

Sankt Augustin/Siegburg · In der Untersuchungshaft hatte ein Bandenmitglied gegen den Angeklagten ausgesagt. Staatsanwaltschaft und Schöffengericht hatten jedoch Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Häftlings.

 Die Bande, die den Angeklagten belastet hatte, betrog zwei Seniorinnen um Geld und Wertgegenstände.

Die Bande, die den Angeklagten belastet hatte, betrog zwei Seniorinnen um Geld und Wertgegenstände.

Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Eine dünne Beweisdecke und die zweifelhafte Aussage eines gesondert Verfolgten in Untersuchungshaft reichten weder der Vertreterin der Staatsanwaltschaft noch dem Schöffengericht am Siegburger Amtsgericht unter Vorsitz von Richter Herbert Prümper, um einen Angeklagten aus Sankt Augustin zu verurteilen. Der Prozess gegen ihn endete daher mit einem Freispruch.

Der 29-Jährige sollte laut Anklage Mitglied einer Bande gewesen sein, die sich nachweislich zusammengeschlossen hatte, um nach dem Prinzip der „Schockanrufe durch falsche Polizeibeamte“ hohe Bargeldsummen und Sachwerte von gutgläubigen Opfern zu erlangen. Er war wegen gewerbsmäßigen Bandendiebstahls in zwei Fällen angeklagt. Angerufen wurden im März und April 2022 zwei ältere Damen in Duisburg und Heiligenhaus, die 86 und 83 Jahre alt waren. Der Schockanrufer, der „Keiler“ genannt wurde, teilte den Damen am Telefon mit, ihre Töchter seien in schwere Verkehrsunfälle mit Todesfolge verwickelt es und es sei nun eine Kaution zur Haftvermeidung zu stellen.

Angeklagter bestreitet Beteiligung

Der Tatbeitrag des Angeklagten soll gewesen sein, das so erlangte Bargeld, eine Münzsammlung und Goldbarren im Gesamtwert von rund 75.000 Euro, welches die „Abholer“ bei den Geschädigten in Empfang genommen hatten, an seinen Bruder, den „Keiler“, als „Logistiker“ weitergeleitet zu haben. Der Angeklagte bestritt jegliche Mittäterschaft. Belastet wurde er durch einen der „Abholer“, der in Untersuchungshaft eine Aussage gemacht hat.

Staatsanwaltschaft und Gericht hielten es allerdings für möglich, dass dieser den Angeklagten belastet und eine Aussage nur gemacht hatte, um aus der Haft entlassen zu werden. Auch die Auswertung einer Telekommunikationsüberwachung von mehreren Tatbeteiligten konnte eine Mittäterschaft des 29-Jährigen nicht eindeutig nachweisen. Ein überführter Tatbeteiligter hatte einem anderen per Handy gemeldet, „Jeton“, so der Spitzname des Angeklagten, „ist unterwegs“ und „er ist angekommen.“ Nach Ansicht des Gerichts könne das heißen, er sei auf dem Weg zum Tatort und dort angekommen, es könne aber auch allgemein gemeint gewesen sein. Da dies nicht zu klären war, wurde der Mann freigesprochen.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort