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Strategie gegen Stammtischparolen: So war der „Tag des Flüchtlings“ in Sankt Augustin

Strategie gegen Stammtischparolen : So war der „Tag des Flüchtlings“ in Sankt Augustin

Zum „Tag des Flüchtlings“ erklärten Kölner Argumentationstrainer, wie man rassistischen Kommentaren Paroli bietet. Menschen mit Migrationshintergrund erzählten von eigenen negativen Erfahrungen.

Sie, die Menschen mit Migrationshintergrund, nähmen uns unsere Jobs weg, würden nur den Sozialstaat ausnutzen, wären alle ungebildet und ungepflegt – so unerträglich diese rassistischen Stereotypen und Diffamierungen klingen, so alltäglich sind sie in unserer Gesellschaft und so hartnäckig wuchern sie in den Köpfen, ehe sie irgendwann als Parolen ausgesprochen werden. Ob als beiläufiger Kommentar unter Freunden oder in der Familie oder als verbaler Angriff auf Mitmenschen.

Den Parolen Paroli bieten

Parolen erniedrigen andere Menschen, verallgemeinern Sachverhalte, sind oft populistisch und rassistisch motiviert, sollen mitunter Ängste bedienen oder schüren und machen andere als „Beschuldigte für gesellschaftliche Probleme verantwortlich, die schon viel länger in Deutschland bestehen“, wie Schauspieler und Sprecher Jürgen Albrecht und seine Kollegin Caroline Jakubowski, beide aus Köln, analysiert haben und gleichzeitig Mut machten. Denn die beiden versichern: Man kann lernen, Parolen Paroli zu bieten.

Wie das gelingen kann, zeigte das Schauspielduo am Freitagabend in einem Workshop im Großen Ratssaal in Sankt Augustin auf Einladung der Integrationsagentur des Diakonischen Werkes des evangelischen Kirchenkreises An Sieg und Rhein, des Caritasverbandes Rhein-Sieg und des Integrationsrates der Stadt Sankt Augustin. „Parolen werden gezielt formuliert, um andere Menschen zu verletzen“, erklärte Maria Neuschaefer-Rube von der Integrationsagentur des Diakonischen Werkes: „Und sie machen Betroffene wie auch Personen, die mithören, oft sprachlos. Durch diese Sprachlosigkeit fühlt man sich hilflos.“

Ohnmacht durch Hetze

Eine Beschreibung, welcher die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops zustimmten, die meisten von ihnen mit Wurzeln im Ausland, in persönlichen und zugleich erschütternden Berichten. Sie berichteten von der Ohnmacht, auf rassistische und die Menschenwürde angreifende Kommentare im Nahverkehr reagieren zu können, oder von Hasskommentaren im Netz, von Beleidigungen im Vorbeigehen auf der Straße, von Gefühlen der Hilflosigkeit, von Enttäuschung und auch der Wut im Bauch.

So bewegend die Berichte der Teilnehmenden, so offen war auch der Umgang der Betroffenen mit dem Thema im Workshop. Ein Verdienst der beiden Argumentationstrainer Jürgen Albrecht und Caroline Jakubowski, die sich für den Workshop des Konzepts des Duisburger Bildungsforschers Klaus-Peter Hufer bedienten. Anhand einer gespielten Alltagsszene erarbeiteten die Argumentationstrainer gemeinsam mit den Teilnehmenden, wie und warum Parolen wirken. „Wenn wir das wissen und verstehen, wissen wir, was beim nächsten Mal passiert. Und das ermöglicht uns eine Handlungsfähigkeit, damit wir noch in der Situation reagieren können“, fasste es Jürgen Albrecht zusammen.

Menschen zur Rede stellen

„Eine Königsdisziplin ist das Nachfragen, also ein sehr konkretes Nachfragen, um sich erklären zu lassen, was mit der Parole genau gemeint ist. Das verschafft einem etwas Zeit, um weitere Fragen zu formulieren“, so der Argumentationstrainer, „und man sollte nicht aggressiv reagieren, sondern versuchen, mit Fragen dem Gegenüber zu zeigen, dass Interesse an dem Thema da ist.“

Wichtig sei es aber auch, Brücken zu bauen, Verbündete für die Argumentation zu suchen, im Gespräch nicht auf andere Themen oder Parolen abzuweichen und Verallgemeinerungen aufzulösen, so Caroline Jakubowski: „Man darf aber nicht den Anspruch haben, dass eine Person, die seit Jahren eine feste Meinung zu dem Thema hat, mit einem Gespräch umgestimmt wird. Aber wenn es ein gutes Gespräch wird, wird die Person vielleicht zu Hause über die eigene Meinung nachdenken. Das ist ein Anfang.“