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Städtepartnerschaft zwischen Sankt Augustin und Grantham

Zwangspause für Städtepartnerschaft : Keine Besuche zwischen Sankt Augustin und Grantham

Corona erschwert den Partnerschaftsvereinigungen der beiden Städte zurzeit die Kontaktpflege. Die gegenseitigen Besuchsreisen wurden abgesagt. Freunde telefonieren und bleiben per Videochat in Verbindung.

Erst der Brexit, jetzt Corona. Für Manfred Oster ist das Amt des Vorsitzenden der Städtepartnerschaftsvereinigung Sankt Augustin - Grantham eine Herausforderung, seit er es Anfang 2019 übernahm. Nach dem kontrovers unter den Mitgliedern diskutierten Ausstieg Großbritanniens aus der EU überschattet nun die durch das neuartige Coronavirus ausgelöste Krise die Arbeit und durchkreuzt die Partnerschaftspläne: Weder können die englischen Gäste im Juni nach Sankt Augustin kommen, noch die Rheinländer im September ins Partnerstädtchen Grantham reisen.

Erstmals seit 39 Jahren keine persönlichen Begegnungen

„Es ist das erste Mal in der 39-jährigen Geschichte der Partnerschaft, dass persönliche Besuche abgesagt werden müssen“, bedauert Oster. „Wir haben lange Zeit überlegt, wie wir uns verhalten sollen, ob wir unsere Gäste ausladen sollen oder nicht.“ Mit dem Lockdown und der Erkenntnis, dass die Gäste nach der Einreise eine zweiwöchige Quarantäne hinter sich bringen müssten, sei dann jedoch das Aus für den Besuch in Deutschland besiegelt gewesen.

Festival in Grantham um zwei jahre verschoben

Auch der Gegenbesuch wird bis auf Weiteres gestrichen. Und das „Gravity Fields Festival 2020“ zu Ehren des berühmtesten Sohnes der Stadt Grantham, Sir Isaac Newton, ist dort um zwei Jahre verschoben worden. Eine ungewohnte Situation für Oster, der seit Ende der 80er Jahre Mitglied im Städtepartnerschaftsverein ist. Seine Motivation damals, dem noch jungen Verein beizutreten, war vielschichtig.

Kinder lernen Englisch mit Muttersprachlern

„Ich hatte in einem altsprachlichen Gymnasium Abitur gemacht und deshalb schon zwei Jahre vor dem Abschluss kein Englisch mehr gehabt“, sagt Oster.

Das Angebot, dies nicht nur in Kursen an der Volkshochschule, sondern auch über die lebendigen Kontakte der Partnerschaftsvereinigung auszugleichen, passte. „Ich habe das damals als absoluten Glücksfall empfunden“, erinnert sich Oster. Jedes Jahr sei er mit der Familie nach Grantham gefahren, und so sei auch seinen fünf Kindern das Erlernen der Fremdsprache Englisch leicht gefallen.

Keine Reise nach Grantham: Manfred Oster hält in der Corona-Krise den Kontakt mit der Partnerstadt überwiegend per Telefon. Foto: Foto: privat

Persönliche Beziehungen statt Tourismus

„Davon hatte ich immer geträumt, denn wo oder wie sonst hat man die Gelegenheit, neben dem touristischen Besuch auch die Menschen kennenzulernen und persönliche Beziehungen zu pflegen“, schwärmt der heutige Vorsitzende der Partnerschaftsvereinigung.„Das Eintauchen in eine Familie ist eine absolute Rarität“, sagt er, und genau das möchte er auch jüngeren Menschen vermitteln.

Besuche bei Freunden

Seit mehr als 20 Jahren besuchen die Osters in Grantham Familie Phillips. Die Chemie zwischen den Familien stimmt. „Im Ruhestand wurde das alles noch entspannter, und wir halten engen Kontakt und freundschaftliche Bindungen“, beschreibt Oster die Beziehung.

Aktuell sei das zwar nur telefonisch möglich, aber er sei sicher, dass auch wieder andere Zeiten kommen und die so geschätzten Besuche wieder möglich sein werden. Als Barry und Veronica Phillips sich vor gut 20 Jahren dazu entschlossen, der Vereinigung beizutreten, ging es für sie zunächst darum, die Kultur eines anderen Landes kennenzulernen.

„Die anfänglich kulturell motivierten Besuche wurden jedoch mit der Zeit zu Besuchen von Freunden“, erzählt Barry Phillips im Telefongespräch mit dem GA. „Die Freundschaft zu Osters wurde sehr eng, inzwischen sind sie ein Teil unserer Familie geworden, die wir immer gerne in unserem Haus willkommen heißen.“ Und er ergänzt: „Je länger wir sie nicht sehen, desto mehr vermissen wir sie.“ Kontakt halten die Freunde zurzeit per E-Mail, Telefon und Videokonferenzen. „Das klappt vielleicht bis Juni“, meint Phillips.

Erfolglose Suche nach Zuwachs

Abgesehen von der akuten Corona-Krise hat die Städtepartnerschaftsvereinigung ein weiteres Problem: Es fehlt der Nachwuchs. „Das gemeinsame Erlernen einer Fremdsprache mit den Kindern, was mich damals faszinierte, ist offenbar heute keine Option mehr“, bedauert der 73-jährige Oster.In England sei die Situation noch deprimierender, und alle Versuche des Vorsitzenden dort, neue Mitglieder zu finden, seien gescheitert.

Während man in den 80er Jahren noch mit 60 Personen in zwei Bussen von Grantham nach Deutschland fuhr, kamen im vergangenen Jahr nur 13 Besucher nach Sankt Augustin.„Wenn es nicht zur Verjüngung kommt, wird die Städtepartnerschaft auslaufen, und das fast synchron auf beiden Seiten des Ärmelkanals“, befürchtet Oster.

Phillips (76) ist weniger pessimistisch, auch wenn er feststellt, dass die jungen Leute heute offenbar andere Interessen haben. Er ist sicher, dass die Freundschaft zwischen den Partnerstädten auch in zehn oder 15 Jahren Bestand haben wird. Möglicherweise seien es dann ihre Kinder und Enkel, die den Gedanken fortführten. Welche Rolle die Corona-Krise in dieser Entwicklung spielt, ist offen.Gesellschaftlich, so glaubt Oster, müsse es eine neue Solidarität mit neuen Zielen geben, ohne dass man auf Wohlstand verzichtet. „Vielleicht beginnt ja jetzt ein Prozess des Nachdenkens.“