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Anklage: Geschwister aus Siegburg sollen ihren Nachbarn eingesperrt haben​

Bonner Staatsanwaltschaft klagt an : Siegburger halten Nachbarn wochenlang gefangen und misshandeln ihn

Ein 29-jähriger Mann und seine Schwester sollen in Siegburg ihren auf einen Rollstuhl angewiesenen Nachbarn eingesperrt, misshandelt und ausgeraubt haben. Die Bonner Staatsanwaltschaft hat die Geschwister jetzt unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt.

Einen Monat lang war ein Siegburger von der Bildfläche komplett verschwunden – und keinem war die Abwesenheit des 54-jährigen Mannes aufgefallen. Was keiner ahnte: Der Rollstuhlfahrer war nach Angaben des Bonner Landgerichts im Februar 2021 vier Wochen lang bei einer benachbarten Familie, die in derselben Straße wohnte, gefangen gehalten worden. Ein 29-Jähriger und seine Schwester hatten ihn ein Jahr zuvor zufällig im Supermarkt kennengelernt. Als die Geschwister erfuhren, dass der Nachbar geerbt hatte, wurden sie zunehmend aufdringlich und forderten immer mehr Geld. Als der 54-Jährige schließlich nach einem stationären Krankenhausaufenthalt bei der Familie seinen dort deponierten Hausschlüssel abholen wollte, wurde er ihr Gefangener. In deren Wohnung soll er bis zu seiner Befreiung gefesselt, misshandelt und ausgeraubt worden sein.

Insgesamt gibt es in diesem Fall fünf Angeklagte, wie Gerichtssprecherin Patricia Meyer auf Anfrage mitteilt. Demnach hat die Bonner Staatsanwaltschaft den 29-Jährigen und seine 32-jährige Schwester unter anderem wegen schwerer Freiheitsberaubung angeklagt; den 34-jährigen Ehemann der Schwester, der in der Tatortwohnung lebte, wegen Beihilfe. Insgesamt sind 52 Taten angeklagt, darunter auch gefährliche Körperverletzung, schwerer Raub, Computerbetrug und Diebstahl. Zwei weiteren Mitangeklagten (42 und 44 Jahre alt) wird auch unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen.

Misshandlungen und Erniedrigungen

Von Schlägen, Kopfnüssen und gezielten Tritten gegen die Wunde eines frisch operierten Unterschenkels berichtet die Anklage, aber auch von Demütigungen, dass etwa ein rasierter Schädel bemalt und mit Farbe besprüht worden sei. Außerdem soll eine Deo-Spraydose vor dem Gesicht des Opfers mit einem Feuerzeug angezündet worden sein. Der Initiator des Szenarios – der 29-Jährige – soll die Misshandlungen und Erniedrigungen laut Anklage nicht nur wegen der Geldforderungen inszeniert haben, sondern auch, weil es ihm Spaß gemacht habe.

Der 29-Jährige hatte wie alle anderen Angeklagten keinen Job und lebte von Hartz IV. Für das Konto des scheinbar so vermögenden Nachbarn besorgte er sich mit dem Namen des Opfers eine neue PIN. Dann hob er bei 42 Transaktionen insgesamt 25.000 Euro ab. Davon bezahlte er in elf Fällen einen Versandhandel. Bei den Versuchen, durch Online-Banking an insgesamt weitere 34.149 Euro zu kommen, scheiterte er am System. Die Überweisungen jedenfalls wurden nicht ausgeführt.

Prozess beginnt voraussichtlich im Sommer

Die vielen Kontobewegungen wurden letztlich die Rettung des 54-Jährigen, wie Sebastian Buß, Sprecher der Bonner Staatsanwaltschaft, auf Nachfrage erklärt: Einem Bankmitarbeiter seien die Unregelmäßigkeiten aufgefallen, und da er den Kontoinhaber nicht erreichen konnte, schaltete er – besorgt und misstrauisch – die Polizei ein.

Als die Beamten den Vermissten am 3. März nicht zu Hause antrafen, klingelten sie bei den Nachbarn – und fanden den Gesuchten in der Küche, an seinen Rollstuhl gefesselt, voller Hämatome und schwer verletzt. Der 29-Jährige wurde festgenommen. Bis zu seiner Haftverschonung im Juli 2021 saß er in Untersuchungshaft. Zu den Vorwürfen haben alle bislang geschwiegen. Der Prozess vor der 1. Großen Strafkammer des Bonner Landgerichts soll im Sommer starten.