Abschied der "Allzweckwaffe" nach 30 Jahren Annerose Heinze hört als Kreisdirektorin auf

RHEIN-SIEG-KREIS · Am Aschermittwoch ist alles vorbei – in diesem Jahr auch für Annerose Heinze. Dann verabschiedet sich die Kreisdirektorin in den passiven Teil ihrer Altersteilzeit. Die Verwaltung macht ihr dazu ein besonderes Geschenk: Sie widmet ihr den Sessionsorden.

Die Aktenstapel lichten sich. Ein paar Vorgänge liegen noch auf dem Schreibtisch von Annerose Heinze, ordentlich sortiert. Es sind die letzten, die sie als Kreisdirektorin des Rhein-Sieg-Kreises und als stellvertretende Leiterin der Kreispolizeibehörde bearbeitet. Die 63-Jährige wechselt in den passiven Teil der Altersteilzeit. „Ich möchte die Dinge sauber abschließen und übergeben“, sagt sie. Schon seit Monaten ist die Kölnerin auf Abschiedstour und sagt Kollegen, Mitstreitern und Bürgermeistern im Kreis Adieu.

Am Aschermittwoch ist bekanntlich alles vorbei. Auch für Annerose Heinze. Dann ist ihr letzter Arbeitstag nach 30 Jahren im Siegburger Kreishaus. Wenn sie so zwischen den Umzugskisten in ihrem Büro sitzt und rheinisch-fröhlich über diese Zeit erzählt, sprüht sie vor Energie. Amtsmüdigkeit? Diesen Eindruck vermittelt sie nun wirklich nicht. „Manchmal denke ich, ich könnte noch hundert Jahre weitermachen“, sagt sie. „Aber irgendwann ist es mal gut.“

Annerose Heinze hat drei Jahrzehnte Kreisverwaltung hinter sich. Die meiste Zeit in leitender Funktion und in Schlüsselpositionen. Dabei gab es kaum ein Themenfeld, das sie nicht beackerte. Als Kreisdirektorin ist sie Vertreterin des Landrats, daneben hat sie den Rettungsdienst, den Katastrophenschutz, das Sozialamt, die Kommunalaufsicht, Wahlen und das Kommunale Integrationszen-trum in ihrem Verantwortungsbereich. Die Kreispolizeibehörde mit ihren 550 Mitarbeitern nicht zu vergessen. Aber auch das Straßenverkehrsamt und das Veterinärwesen fielen in ihr Ressort, um Schule, Jugend und Kultur kümmerte sie sich kommissarisch. Heinze bezeichnet sich als „Allzweckwaffe“. „Ich habe jede neue Aufgabe gern angenommen“, sagt sie. „Nur in die Kämmerei hätte man mich nicht stecken dürfen. Mathe mochte ich schon in der Schule nicht.“

Ihre Heimat ist die Domstadt

Geboren wurde Annerose Heinze 1954 in Köln. Die Domstadt hat sie bis heute nicht verlassen, ihre Heimat ist Lindenthal. Nach dem Jurastudium, einer freien Mitarbeit beim WDR und der Referendarzeit beim Oberlandesgericht Köln kam sie 1988 zum Rhein-Sieg-Kreis. „Eine Freundin war dort tätig und machte mich darauf aufmerksam.“ Sie fing als juristische Mitarbeiterin an und wurde 1990 persönliche Referentin von Oberkreisdirektor Walter Kiwitt. 1994 übernahm sie dessen Nachfolger, der spätere Landrat Frithjof Kühn. Parallel wurde sie Gleichstellungsbeauftragte des Kreises.

„Wenn man damals Fragen der Gleichstellung aufwarf, wurde man belächelt und beschimpft“, berichtet Annerose Heinze. Doch weil sie direkt beim Oberkreisdirektor angesiedelt war, bekam dieses Amt Gewicht. „Wir waren die ersten, die sexuellen Missbrauch und Belästigung am Arbeitsplatz thematisiert haben.“ Nach außen hin, mit Veranstaltungen und Workshops, aber auch intern. Plötzlich seien Mitarbeiterinnen gekommen und hätten von Problemen und Grenzüberschreitungen berichtet. „Es ist uns gelungen, ein Bewusstsein zu schaffen“, so Heinze. „Heute sind junge Frauen selbstbewusster, aber es ist immer noch ein Thema.“ Die #metoo-Debatte über sexualisierte Übergriffe verfolgt sie mit Interesse. Es liege viel Wahres darin.

1997 übernahm Heinze die Leitung des Kreissozialamtes. Es war die Zeit, in der die Arbeitslosenzahlen bundesweit auf einem Rekordhoch lagen. „Wir hatten damals 20 000 Bedarfsgemeinschaften, die auf Sozialhilfe angewiesen waren.“ Der Kreis startete – Stichwort „Hilfe zur Arbeit“ – einige Initiativen, um mit Partnerorganisationen Menschen in Lohn und Brot zu bringen. Nach ein paar Jahren seien es nur noch 16 000 Bedarfsgemeinschaften gewesen, so Heinze. Dann kamen 2005 die Hartz-Reformen, und der Kreis setzte seine Bemühungen mit der Arbeitsagentur unter dem Dach der Arbeitsgemeinschaft (Arge) fort.

Anschließend war die Juristin Planungsdezernentin, nicht sehr lange, da sich bald eine neue Chance ergab: Als 2007 Kreisdirektorin Monika Lohr in Ruhestand ging, bewarb sie sich als Nachfolgerin und wurde gewählt. 2015 bestätigte sie der Kreistag. Ruhig waren diese letzten Jahre im Amt nicht. Im Spätsommer 2015 war Heinze als Krisenmanagerin gefragt, als die Flüchtlingswelle rollte. Landrat Sebastian Schuster beauftragte sie mit der Koordination: „Wir mussten morgens bei der Bezirksregierung antreten. Da hieß es, dass wir binnen zwei Tagen Notunterkünfte einrichten müssen“, berichtet sie. „Es war das erste Mal, dass in der Geschichte des Kreises der Krisenstab tagte.“

Krisenmanagerin während der Flüchtlingswelle

Sie sah selbst die Busse mit den Geflüchteten ankommen – ausgehungert, erschöpft, mit zerschlissenen Tüten als Gepäck. „Das waren die Ärmsten der Armen.“ Wochen und Monate waren die Helfer im Dauereinsatz. Auch die Kreisdirektorin war vor Ort um anzupacken. „Mir war es immer wichtig, nicht nur vom Schreibtisch aus zu regieren.“ Für die Arbeit in der Verwaltung sei es unerlässlich, auch mal die Perspektive zu wechseln. So hat sie schon Jahre zuvor beim Jugendamt und bei der Polizei hospitiert, auch im Nachtdienst, wenn Beamte Einbrecher jagten oder zu Fällen häuslicher Gewalt gerufen wurden.

Gab es auch Niederlagen in 30 Jahren, Unerledigtes? „Dass der Nationalpark Siebengebirge nicht zustande gekommen ist, halte ich für eine verpasste Chance“, sagt sie mit Blick auf den Bürgerentscheid 2009. Das Projekt hatte sie noch als Planungsdezernentin vorbereitet.

Am 16. Februar wird Annerose Heinze verabschiedet. Aber schon zu Karneval hat ihr der Kreis ein Geschenk gemacht: Ihr Porträt ziert den Karnevalsorden des Kreises. Motto: „Immer dobei – immer jraduss“. Was nach der Zeit beim Kreis kommt – da will sie sich nicht festlegen. Wieder mehr Sport treiben, ganz sicher Freunde treffen, kochen, ihren Leidenschaften Reisen und Oper nachgehen. Offen und spontan will sie sein: „Ich habe keine Pläne gemacht.“

Da die Kreisdirektorin erst 2020 in den Ruhestand tritt, wird dieses Amt bis dahin nicht neu besetzt. Allgemeine Stellvertreterin von Landrat Schuster wird Kämmerin Svenja Udelhoven.

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