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Der Klang vergangener Jahrhunderte: Auf Tuchfühlung mit den Glocken von Sankt Servatius

Der Klang vergangener Jahrhunderte : Auf Tuchfühlung mit den Glocken von Sankt Servatius

Wenn sie aus ihrer Starre erwachen, ist ihr Ruf über die ganze Stadt zu hören: Die Glocken der Siegburger Servatiuskirche. Die Stadtarchivarin gewährt einen Einblick in das Geläut.

Ein „Klack“ durchbricht die Stille, gefolgt von einem leisen, aber beständigen Rattern. Und während der Blick noch verwirrt nach dessen Ursache sucht, folgt flugs die Erklärung, schwingend und klingend zugleich: Die zwei großen Glocken der Siegburger Servatiuskirche sind aus ihrer Starre erwacht und singen immer lauter. Ihr Ruf ist über die ganze Stadt zu hören – und für die ungewohnten Besucher im Glockenturm im wahrsten Wortsinne ohrenbetäubend.

Geplant war das hautnahe Glockenkonzert nicht, aber in jedem Fall ist es eindrucksvoll. „Hören Sie mal, wie lange die Körper noch nachklingen“, sagt Siegburgs Stadtarchivarin Andrea Korte-Böger, nachdem „Sankt Servatius“ und „Allerheiligen“ wieder erstarrt sind und die Hände die Ohren freigegeben haben. Langsam verklingen ihr „Des“ und ihr „F“ in der Kammer im Turm. In den Ohren surrt ihr Klang indes noch Stunden später. An hohen Festen wie Weihnachten oder auch in der Silvesternacht gesellt sich „Sankt Anna“, die Dritte im Bunde, zu ihnen.

Der Turm der Servatiuskirche hält seine klingenden Kinder gut versteckt. Von außen nicht ersichtlich, sind sie im Inneren durch gleich mehrere Holztüren vor den Blicken der Besucher verborgen. Normalerweise. An diesem Tag öffnet Andrea Korte-Böger die Türen. Über die Orgelempore geht es zunächst über enge Stufen, später dann über steile Leitern immer weiter hinauf. Allein der Weg ist ein Erlebnis, bei dem es allerlei zu entdecken gibt. Im Raum über der Orgel liegen etwa unvermittelt zwei alte Krippenfiguren zwischen ausrangierten Orgelpfeifen in einem Schrank. Spinnenweben und Staub sind die ständigen Begleiter.

In der nächsten Zwischenetage hängen in einer Ecke mehrere Pendel an langen Seilen von der Decke. „Das sind die Gewichte der alten Turmuhr“, weiß die Stadtarchivarin zu berichten. Die Uhr gibt es schon lange nicht mehr, ihre Pendel schon. Und was verbirgt der graue Kasten mitten im Raum? Hinter den Türen taucht ein altes Uhrwerk auf. „Neue Uhren- und Maschinenfabrik“ steht auf einem Schild. Ob es zur alten Kirchturmuhr gehörte, vermag Korte-Böger nicht zu sagen.

Weiter geht es die letzten 28 Sprossen der letzten Stiege empor – und schon offenbart sich ein imposanter Anblick. Der Besucher steht vor der Allerheiligen-Glocke. Rechts daneben die gewaltige Sankt Servatius-Glocke. Staub hat sich auf ihr niedergelassen, Zierborten und Inschrift sind kaum mehr auszumachen. Andrea Korte-Böger wischt über die Oberfläche der größten und tiefsten Glocke im Turm. Neben dem Namen, zu dessen Lob sie erklingt, erscheint eine Jahreszahl. „1647“, das Jahr, in dem die Glocken der 1169 errichteten Pfarrkirche neu gegossen wurden.

„1647 waren mit dem Dachstuhl des Kirchenschiffs und des Turms von Sankt Servatius auch die Glocken dem großen Stadtbrand zum Opfer gefallen“, erklärt die Fachfrau. Noch im selben Jahr seien sie neu gegossen worden – unweit der Kirche. Daran erinnern bis heute im Foyer des heutigen Stadtmuseums, an dessen Stelle einst der Bauhof des alten Rathauses lag, eine der Gussgruben. „Die Allerheiligen-Glocke ist 1656 noch einmal umgegossen worden“, sagt die Stadtarchivarin. „Weil sie nach dem ersten Guss „misstönend“ war“, auch das verrät ihre Inschrift. „Das ist die Totenglocke“, erklärt Korte-Böger und deutet auf die deutlich kleinere, vierte Glocke, die etwas oberhalb der dicken Holzbalken hängt. Sie stammt aus dem Jahr 1768. Seither läuten alle vier Glocken hoch über dem Siegburger Marktplatz. Mit einer Unterbrechung von fünf Jahre. 1942 mussten die Siegburger zwei ihrer Glocken kriegsbedingt abgeben. 1947 kehrten die große Servatius-Glocke und die kleinere Allerheiligen-Glocke an ihren angestammten Platz zurück. „In den 1980er Jahren wurden Aufhängung und Klöppel erneuert“, weiß die Stadtarchivarin zu berichten. Im nächsten Moment setzt sich ein Hammer in Bewegung, schlägt von außen gegen die Servatius-Glocke. „Sie schlägt jeden Tag ab 7 Uhr zu jeder Viertel- und vollen Stunde.“

Die Zeiten, in denen ein Glöckner sich am Seil hin und her schwang, sind längst vergangen. Technik ersetzt Muskelkraft. Mario Weber, einer der Küster der Großgemeinde Sankt Servatius, geht nur selten mit dem Geläut auf Tuchfühlung. Ein Knopfdruck genügt und die Glocken beginnen zu schwingen. Für jede der vier Glocken gibt es unten in der Sakristei einen Schalter. Ein Computer steuert das tägliche Angelus-Geläut sowie das Vollgeläut, das an den Wochenenden regelmäßig zur Messe ruft. „Gerade habe ich selbst den Knopf gedrückt“, verrät Weber. Für das unerwartete Geläut, das die Besucher hoch oben im Turm überrascht hat. „Das war für einen Kindergottesdienst“, erklärt der Küster. „Normalerweise läuft aber alles automatisch.“ Auch an Silvester. Anders als noch vor ein paar Jahren, als ein Kollege in Braschoß jede Silvesternacht mit seiner Frau um Mitternacht in der Sakristei mit einem Glas Sekt auf das neue Jahr angestoßen habe. So sind Sankt Servatius, Allerheiligen und Sankt Anna unter sich, wenn sie in der Silvesternacht den Siegburgern das neue Jahr verkünden.