Serie Kennzeichen SU Aufklärung aus dem Koffer

Rhein-Sieg-Kreis · Bettina Breuer ist Sexual- und Sozialpädagogin bei der Aids-Hilfe Rhein-Sieg. In Schulen leistet die 59-Jährige wichtige Präventionsarbeit.

Die Zeiger der Wanduhr stehen auf 9.15 Uhr. Bettina Breuer stellt ihren Methodenkoffer auf den Tisch im Tagungsraum und öffnet ihn. Von der Größe her reicht er für einen Wochenurlaub. Doch in diesem Gepäckstück sind keine Kleidungsstücke, sondern unter anderem Plüschmodelle der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane, verschiedene Verhütungsmethoden sowie Übungsmaterialien für die richtige Benutzung von Kondomen – im Klartext: Styroporpenisse. Mitten im Raum stellt Breuer einen Stuhlkreis. Die Tür geht auf, und acht Mädchen im Alter von ungefähr 18 Jahren setzen sich. Ihre Jacken behalten die meisten an. Hinter einem dicken Schal und einer Kapuze können sie sich besser verstecken. Denn Breuer möchte über Themen aufklären, die für viele Teenager unangenehm sind: Sexualität, Verhütung und vor allem Aids.

Seit 25 Jahren ist Bettina Breuer Sexual- und Sozialpädagogin bei der Gesundheitsagentur und Aids-Hilfe Rhein-Sieg. Ein- bis zweimal pro Woche besucht die 59-Jährige Gruppen, um Präventionsarbeit zu leisten. „Am meisten Spaß macht die Arbeit mit Grundschülern. Da kommen noch ganz unverfälschte Fragen und ehrliche Reaktionen“, sagt die Mutter einer 17-jährigen Tochter. In den Händen hält sie eine Vagina aus Stoff. Ob die Gespräche mit einer reinen Jungen- oder Mädchengruppe einfacher sind, kann sie nicht sagen. „Jungs sind oft direkter. Vor allem Sechstklässler – die kennen vielleicht Wörter“, erzählt sie und lacht.

Manchmal wird ihre Arbeit auch zu Hause in der Familie thematisiert. „Meine Tochter findet mich peinlich. Meine Eltern mussten sich auch daran gewöhnen. Berufsbedingt fällt es mir leichter, manche Wörter direkt auszusprechen“, sagt die gebürtige Mönchengladbacherin. „Ich habe schon immer gerne mit Jugendlichen gearbeitet, wenn sie in die Pubertät kommen und schwierig werden“, erzählt die ausgebildete Erzieherin. Dabei hat sie nicht ausschließlich mit Heranwachsenden zu tun. Bis vor fünf Jahren war sie fast täglich in Schulen unterwegs. „Seitdem der Rhein-Sieg-Kreis diese Besuche nicht mehr bezuschusst, bin ich auch in der Multiplikatorenschulung aktiv“, sagt die Expertin. Dabei leitet sie Fortbildungen für Lehrkräfte oder pädagogisches Fachpersonal, damit diese ihre Schüler jetzt selbst aufklären können. „Der Kreis finanziert unsere Arbeit, das Land bezuschusst. Aber wir müssen mehr als 30 000 Euro Eigenmittel pro Jahr sammeln, da sind wir auf jede Spende angewiesen“, sagt Breuer.

Welt-Aids-Tag ist am 1. Dezember

Außerdem bietet das vierköpfige Team der Aids-Hilfe Rhein-Sieg – von dem nur eine Person eine Vollzeitstelle hat – eine Telefonberatung, die Begleitung von Betroffenen und wöchentlich anonyme HIV-Schnelltests an. Für Letzteres kommen die Klienten in die Gesundheitsagentur an der Hippolytusstraße in Troisdorf. Dort oben, in der ersten Etage hat Bettina Breuer ihr Büro mit angrenzendem Beratungszimmer. An der Tür hängt eine rote Aids-Schleife, an der Wand ein Poster mit dem Titel „Schutz aus Liebe“. Die Einrichtung ist gemütlich: auf dem Boden liegt ein grüner Teppich, darauf zwei Stühle. Auf dem kleinen Tisch stehen Blumen, in der Ecke eine große Lampe mit warmem Licht. „Hier führe ich die Beratungsgespräche, nachdem die Klienten den Fragebogen ausgefüllt und den HIV-Schnelltest gemacht haben“, erklärt Breuer.

Der Beratungsbedarf für Aids steige: „Am meisten betroffen sind junge homosexuelle Männer um die 20.“ Breuer vermutet zu geringen Schutz als Ursache. „Viele junge Männer haben bei ihrem Coming-out noch wenig Selbstsicherheit.“ Leichtsinn in der Phase des Ausprobierens spiele eine große Rolle. „In bestimmten Randgruppen geht der Kondomgebrauch wieder zurück.“ Die Themen in der Beratung haben sich in den vergangenen Jahren verändert. Früher seien es Alltagssorgen und Unterstützung bei Arztbesuchen gewesen. „Heute geht es um Fragen wie: Welches Altenheim nimmt HIV-Infizierte auf? Die meisten wissen gar nicht, dass sie keine Sonderbehandlung brauchen“, berichtet Breuer und schaut auf die Infobroschüren auf ihrem Tisch. Heutzutage sei die Medizin so weit, dass man als HIV-Infizierter gar nicht mehr ins Aids-Stadium kommen muss. „Diskriminierung bleibt aber ein Dauerthema“, sagt sie.

Genau um dieses Thema dreht sich die Kampagne zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember. Das Bundesministerium für Gesundheit und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erklären dazu, dass HIV aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinde, die Schwelle, Freunden und Familien von einer Infizierung zu erzählen, aber steigen würde. Grund dafür seien meist Mobbing und Diskriminierung. „Mich erschreckt es immer wieder, dass auch junge, aufgeklärte Menschen falsche Bilder im Kopf haben“, so Bettina Breuer. „Durch die neuen Medien sind viele junge Leute quasi schon übersexualisiert, aber gleichzeitig herrscht eine Sprachlosigkeit. Das Reden über Sexualität ist nicht angeboren.“

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