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Sandra del Pilar im Siegburger Stadtmuseum: Das Innere nach außen gekehrt

Sandra del Pilar im Siegburger Stadtmuseum : Das Innere nach außen gekehrt

Über einen längeren Zeitraum hinweg hat Sandra del Pilar mit einer Gruppe straffällig gewordener Jugendlicher in der Justizvollzuganstalt (JVA) Siegburg gearbeitet. Im Anschluss hat del Pilar Szenen und Porträts, die nach (Selbst-) Inszenierungen der jungen Männer entstanden sind, großformatig auf Leinwand gebracht.

Die Künstlerin präsentiert unter dem Titel "Anderwelt" in der Wechselausstellung des Stadtmuseums eine Auswahl ihrer Bilder und der vorausgegangenen Skizzen, die sie bei den Treffen mit den Protagonisten ihrer Werke angefertigt hat. Auf den Ölbildern sind Gewalt und Machtspiele zu sehen, die die Gefangenen selbst erlebt haben. Den Gesichtern der Abgebildeten kann sich der Betrachter kaum entziehen, denn sie zeigen das Innerste der Porträtierten, den Seelenzustand, der von Existenzangst und Unsicherheit bis zu Resignation und Hoffnungslosigkeit reicht. Eben das, was sich "hinter der Fassade abspielt".

Del Pilar hat die Männer aber auch in Haltungen gemalt, die einerseits Stärke und Machtgehabe, andererseits auch Verletzlichkeit ausdrücken. Den weggeschlossenen Jugendlichen hat sie eine Gruppe Studenten gegenübergestellt. Obwohl die Studenten nicht auf ihre "physische" Freiheit verzichten müssen, verbinden sie mit ihrer Freiheit in Bezug auf soziale Zuordnung, Entscheidungsgewalt über ihr eigenes Handeln oder die Realisierbarkeit individueller Lebensentwürfe ebenfalls existenzielle Ängste. "Die institutionellen Referenzen in 'Anderwelt' sind Metaphern, die uns stimulieren darüber nachzudenken, wie wir mit der Idee der Freiheit sinnvoll umgehen können", schreibt Jochen Venus von der Universität Siegen im Ausstellungskatalog.

Die Malerin wählte für ihre beklemmend realistischen Arbeiten große Formate von zwei mal drei Metern, was dem Mindestmaß einer Zelle in deutschen Gefängnissen entspricht. Die jeweiligen Mitglieder der beiden Gruppen sind in den Bildern vereint und aufgrund gleicher Kleidung - zumeist Jogginganzüge - nicht voneinander zu unterscheiden.

Die Ausstellung stellt Sandra del Pilar unter die Thematik Freiheit und Schuld. Ihre Anknüpfungspunkte sind die Hexenprozesse des 17. Jahrhunderts in Siegburg und jugendliche Straftäter in der JVA. Auch die Hexen wurden durch die Obrigkeit in ihr Schicksal gedrängt, ihrer Freiheit beraubt und sogar getötet. Allerdings waren sie im Gegensatz zu den JVA-Insassen unschuldig.

"Anderwelt", Stadtmuseum Siegburg, 4. Mai bis 22. Juni, Eröffnung am Sonntag, 4. Mai, um 11.30 Uhr, Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag, 10 bis 17 Uhr, Sonntag, 10 bis 18 Uhr, Montag geschlossen. Die Ausstellung wird begleitet von einem umfangreichen Rahmenprogramm. Weitere Informationen an der Museumskasse und unter www.siegburg.de