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Evakuierte in Siegburger Hotel: Die Angst vor einem Dammbruch wird bleiben

Evakuierte in Siegburger Hotel : Die Angst vor einem Dammbruch wird bleiben

80 Menschen, die aufgrund der Gefahr durch die Steinbachtalsperre evakuiert werden mussten, haben vorübergehend eine Bleibe im Siegburger Kranz Parkhotel gefunden. Fünf Rheinbacher berichten von den dramatischen Ereignissen am Mittwochabend.

„Ich bin froh, heute wieder zurückkehren und helfen zu können“, sagte am Montagvormittag Silvia Groneberg-Brandt, die mit ihrem Mann Martin Brandt und rund 80 weiteren Flutkatastrophenopfern seit Freitag beziehungsweise Samstag letzter Woche vorübergehend im Siegburger Kranz Parkhotel untergekommen sind. Noch am Mittwochabend musste ihr Haus evakuiert werden, genauso wie das von Barbara Schaefer und Claudia Barber sowie deren Sohn Lukas, die unter einem Dach in Rheinbach, Oberdrees, wohnen. Zwar haben die sintflutartigen Regenfälle am Abend des 14. Juli ihre Häuser nicht komplett zerstört oder gar mitgerissen, aber der Damm der Steinbachtalsperre an der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz drohte zu bersten. Entwarnung von der Bezirksregierung Köln und dem Rhein-Sieg-Kreis gab es dann am Montagmorgen.

Das Wasser stieg innerhalb von Minuten

„Der Strom war abgestellt und wir mussten am Mittwoch sofort unsere Wohnungen verlassen“, erinnert sich Claudia Barber. Es war gegen 22:30 Uhr, als sie von einer Nachbarin informiert worden war. Bis dahin habe sie „Wasser gescheppt“, denn der Keller sei innerhalb kürzester Zeit vollgelaufen. Wie schnell alles ging, beschreibt auch Martin Brandt: „Der Starkregen begann gegen 17 Uhr, um 17:21 Uhr habe ich ein Handyfoto gemacht, da konnte der Kanal auf unserer Straße das Wasser noch aufnehmen. Um 17:26 Uhr drückte es bereits wieder aus der Kanalisation zurück.“ Wenig später stand sein Keller unter Wasser und draußen stand die braune Brühe bis etwa 50 Zentimeter unter der Fensterbank im Erdgeschoss, erste führerlose Fahrzeuge trieben an seinem Haus vorbei. Ebenfalls mit dem Handy dokumentiert.

Er und seine Frau wurden erst nachts um 01:30 Uhr von der Feuerwehr zum Verlassen des Gebäudes aufgefordert. „Wir hatten uns da schon ins Bett gelegt, denn was hätten wir auch machen können“, so Groneberg-Brandt. „Zumal wir den Eindruck hatten, das Wasser steigt nicht mehr“, ergänzte ihr Ehemann. Zum Glück konnten sie vorher noch einige Sachen aus dem Erdgeschoss retten und ins erste Obergeschoss verbringen. Anfangs hatten beide auch noch versucht, die Eingänge mit Säcken voller Blumenerde zu schützen. „Vergeblich, die wurden gleich weggespült“, berichtete Martin Brandt.

Zustand der Talsperre bereitet weiterhin Sorgen

Claudia und Lukas Barber sowie Barbara Schaefer und das Ehepaar Brandt kamen in der Stadthalle von Rheinbach unter, wo sie nach eigenen Angaben „super versorgt“ worden seien. Sie hätten im Gegensatz zu vielen anderen Betroffenen noch riesiges Glück gehabt, waren sich die fünf Rheinbacher einig. Andere seien obdachlos und besäßen nichts mehr, erklärte Silvia Groneberg-Brandt. Das Geräusch des vorbeifließenden Wassers würde sie nach ihren Worten nie vergessen, das sei, als ob sie an einem Fluss lebten. Und Sirenen können die fünf Rheinbacher auch nicht mehr hören. Doch das Ehepaar Brandt blickt zuversichtlich in die Zukunft, hofft die Schäden im Haus beheben zu können. Auf jeden Fall sei das gesamte Mauerwerk feucht und die Böden hätten sich angehoben. Und noch etwas wird bleiben: „Die Angst, ob die Talsperre sicher ist, den Gedanken haben wir jetzt immer im Hinterkopf“, so die Eheleute.

Nach einer kurzen Absprache am letzten Freitag waren sich die Geschäftsführer des Kranz Parkhotels, Bernd und Rüdiger Kranz, einig, helfen zu wollen. Spontan boten sie kostenfrei 100 Zimmer inklusive Frühstück für maximal 220 Personen an, die ihre Häuser verlassen mussten. Über den Katastrophenschutz des Kreises meldeten sie ihr Angebot an, abends trafen die ersten Betroffenen des Unwetters ein. „Sichtlich durch den Wind und völlig erschöpft“, schildert Bernd Kranz. Erst Samstag kamen mehr Geschädigte. Mit dem eigenen Fahrzeug oder mit Bussen. „Viele wollten ihr Zuhause nicht sofort verlassen aus Furcht, es könne noch Schlimmeres passieren“, wie Kranz von ihnen erfahren hatte.

Große Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt

Für die beiden Hoteliers bedeute die Hilfe einen enormen Aufwand, vor allem personell. „Wenn zu den im Schnitt 30 bis 40 belegten Zimmern 100 dazu kommen, müssen die ja auch alle hergerichtet werden“, erklärt Kranz, der wiederum die Hilfsbereitschaft von Zulieferern und anderen Hoteliers und Gastronomen lobt. „So wurde uns alles für das Frühstück gesponsert, vom Brot über Obst und Aufschnitt bis zum Kaffee“, zeigt er sich dankbar. Für Mittag- und Abendessen muss ebenfalls gesorgt werden. „Verschiedene Gastronomiebetriebe in Siegburg übernehmen die Verpflegung abwechselnd und ebenfalls kostenfrei“, freut er sich über die gute Zusammenarbeit.

 Teils Führerlose Fahrzeuge wurden am Mittwochabend von den Wassermassen in Oberdrees durch die Straßen getrieben.
Teils Führerlose Fahrzeuge wurden am Mittwochabend von den Wassermassen in Oberdrees durch die Straßen getrieben. Foto: Axel Vogel

Auch über die Unterstützung durch Jamilah Lehnen, die mit der Spedition Achnitz seit letzten Freitag eine Sammelaktion initiiert hat. „Am Samstagmorgen haben wir die Menschen beim Frühstück nach ihrem Bedarf gefragt, schon zwei Stunden später wurde geliefert. Hauptsächlich Kleidung und Hygieneartikel“, stellt Kranz anerkennend fest. Von so viel Hilfsbereitschaft zeigte sich auch Claudia Barber überwältigt: „Das war, als hätte hier eine Boutique geöffnet.“

Wie lange sein Hotel noch Menschen in Not beherbergt, kann Kranz nicht sagen. Das könne ein paar Tage oder Wochen weitergehen. „Wenn noch Hilfesuchende kommen, weisen wir die nicht ab“, stellt er klar. Im Moment stehe man auch mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) im Gespräch, um weitere Hotels für eine Aufnahme von vorübergehend Obdachlosen zu gewinnen.