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Auf Tuchfühlung: "Die Nationalspieler waren ganz normal"

Auf Tuchfühlung : "Die Nationalspieler waren ganz normal"

Für den Siegburger Karl-Heinz Wiesgen hat der 4. Juli eine ganz besondere Bedeutung: 1954 reiste der damals 19-Jährige mit sechs Freunden in die Schweiz zur Fußball-Weltmeisterschaft. Und dort spielte sich eben am 4. Juli das "Wunder von Bern" ab.

Das Wunder selbst haben Wiesgen und seine Freunde vom TTC Blau-Weiß Siegburg zwar nicht mitbekommen, aber zumindest einige Vorrundenspiele. "Wer hätte damals an einen Sieg der deutschen Elf gedacht", blickt Wiesgen zurück. "Wir hatten etwas Geld zusammen, es sollte für gut acht Tage reichen. Da wollten wir mal dahin, die Spiele schauen", berichtet der Sportveteran.

Karten für das erste Spiel der deutschen Mannschaft gegen Ungarn besaßen die sieben Freunde. Ihr Freund Michael Bäsgen - der Bäsgens Schmal - hatte einen Kontakt zum Deutschen Fußball-Bund (DFB). Und so kamen sie für acht Mark pro Stück an die gewünschten Karten. Und weil ein Freund plötzlich nicht dabei sein konnte, war eine Karte übrig. Sie verkauften sie für 120 Mark, "da war für uns gewissermaßen alles frei", schmunzelt Wiesgen. Nationalspieler vor 60 Jahren

Die jungen Tischtennisspieler hatten sich mit ihrem wenig vorhandenen Geld in Bern-Eichholz auf einem Campingplatz einquartiert, von dort unternahmen sie einige Ausflüge zu den Teamquartieren oder sahen sich etwa das Spiel Uruguay gegen die Tschechoslowakei (2:0) an. Und sie spielten zweimal erfolgreich Tischtennis gegen eine Mannschaft aus Bern. Nach wie vor beeindruckend findet Wiesgen, wie sich die Nationalspieler von damals kennengelernt haben: hautnah.

Am 18. Juni brachen die Siegburger nach Spiez am Thunersee auf, wo das Stammquartier der deutschen sowie der uruguayischen Mannschaft lag. Dort trafen sie dann auf die deutschen Kicker: Paul Mebus, Horst Eckel, Karl Mai, Toni Turek, die Brüder Ottmar und Fritz Walter und natürlich auch auf Bundestrainer Sepp Herberger. "Die waren alle ganz normal, kloppten Skat oder fuhren Boot auf dem See. Keine Bodyguards, keine Zäune.

Alles ganz locker, wir hätten sogar in die Zimmer gehen können", erinnert sich Wiesgen. Autogramme gab es selbstverständlich auch. "Die erzählten uns auch, dass im benachbarten Hotel das uruguayische Team wohnte und eine Tischtennisplatte hatte. Da sind wir hin und haben mit den Urus Tischtennis gespielt", sagt Wiesgen. Auch Herberger sei ein Typ zum Anfassen gewesen.

Und eine andere Legende lernten sie dort ebenfalls kennen: Sammy Drechsel, später als Sportreporter eine Größe, drehte für "Fox tönende Wochenschau" einen Bericht über die Nationalelf. Fernsehen war nur gering verbreitet, viele Informationen bekamen die Bürger im Kino, wo die Wochenschau als Vorspann lief.

Das deutsche Team kassierte dann im ersten Spiel gegen Ungarn eine herbe Niederlage. 3:8 hieß es nach dem Abpfiff, die Nationalelf musste viel Kritik ertragen. "Die wurden sogar ausgebuht", erinnert sich Wiesgen: "Aber der Herberger war ein Fuchs, der hatte einen Teil seiner Männer geschont und sollte damit letztlich recht behalten."

Für das Freitagsspiel der aktuellen Nationalmannschaft von Bundestrainer Joachim Löw gegen Frankreich ist Wiesgen ganz optimistisch: 3:1 werde Deutschland gewinnen, tippt er. Die Franzosen lägen uns besser als die Algerier, meint der Siegburger. Danach allerdings könnte es gegen Brasilien eng werden.