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Wildnisgebiete im Rhein-Sieg-Kreis: Die Urwälder von morgen

Wildnisgebiete im Rhein-Sieg-Kreis : Die Urwälder von morgen

Entwicklung ohne Eingriffe von außen: In mehreren Wildnisgebieten wird der Wald im Rhein-Sieg-Kreis sich selbst überlassen. Im Mierscheider Wald bei Eitorf lässt sich der Urwald von morgen schon teilweise entdecken.

Weiter, immer tiefer geht es in den Wald hinein. Zunächst mit dem Auto, später zu Fuß vorbei an hohen Buchen und zarten nachwachsenden Pflänzchen, die den Boden zwischen den Baumriesen nahezu komplett bedecken. Und dann stehen wir mittendrin: im Wildentwicklungsgebiet Mierscheider Wald hinter Eitorf. Auf einer Fläche von rund vierzehn Fußballfeldern wird der Wald hier sich selbst überlassen.

„Die Buchen sind hier circa 140 Jahre alt, und es gibt auch einige Eichen“, sagt Oliver Dreger, Leiter des Forstreviers Rodder. „Teilweise haben wir auch Einzelexemplare bis zu 180 Jahre.“ Für Dreger ist die Fläche deshalb das „Idealbild“ eines Wildnisentwicklungsgebiets. Dort soll sich der Wald langfristig wieder zu einem Urwald entwickeln, um die Biodiversität und die Artenvielfalt zu steigern. Das bedeutet: Die Areale werden nicht mehr bewirtschaftet, sterben Bäume ab, bleiben sie als Totholz liegen. Sie sollen neben den großen Schutzgebieten wie dem Nationalpark Eifel so zur Sicherung des Naturerbes beitragen.

Das Gebiet im Mierscheider Wald ist laut Uwe Schölmerich, Leiter des Regionalforstamts Rhein-Sieg-Erft, eines von acht im Rhein-Sieg-Kreis. Die Areale verteilen sich etwa im Staatswald von Swisttal bis Windeck auf mehrere, manchmal nur wenige Hektar große Teilflächen. Im Rechtsrheinischen hat das Land beispielsweise Flächen auf dem Leuscheid, rund um Dattenfeld und Altwindeck, bei Ruppichteroth-Ifang sowie am Oelberg und an der Löwenburg bei Bad Honnef ausgewiesen; im Linksrheinischen liegen sie unter anderem rund um Heimerzheim und Buschhoven sowie bei Rheinbach-Todenfeld.

93 Hektar Waldfläche wird dem VVS-Wildnisgebiet angegliedert

Als erster privater Waldbesitzer hat der Verschönerungsverein für das Siebengebirge (VVS) 2010 ein Wildnisgebiet eingerichtet, das das Regionalforstamt mitbetreut. Es erstreckt sich über ein 523 Hektar großes Waldgebiet. Im vergangenen Jahr hat zudem die NRW-Stiftung erklärt, ihre 93 Hektar große Waldfläche am Petersberg dem VVS-Wildnisgebiet anzugliedern.

Insgesamt gibt es in Nordrhein-Westfalen im Staatswald etwa 100 Wildnisentwicklungsgebiete, die sich aus 300 Teilflächen zusammensetzen. Sie nehmen rund 8000 Hektar ein. Seit 2009 sind die landeseigenen Areale laut dem Landesbetrieb Wald und Holz ausgewiesen worden; weitere kommen nicht mehr hinzu. „Die Idee ist, ein Grundgerüst zu schaffen“, sagt Schölmerich. „Wir versuchen, für die Zukunft eine Art Urwaldnetzwerk zu etablieren.“

Das braucht vor allem eines: viel Zeit. Denn bis die Entwicklung abgeschlossen ist, werden noch viele Jahrzehnte vergehen. Um sie etwas zu verkürzen, haben die Förster zusammen mit dem Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz vor allem Flächen mit alten Baumbeständen an Buchen und Eichen ausgewählt. „Bei Buchen ab 120 Jahre aufwärts, sie werden ja locker 300 Jahre alt. Und bei Eichen ab 140 Jahren“, erklärt der Regionalforstamtsleiter. Außerdem sollten dort bereits möglichst wenige Baumarten wie Douglasien und Fichten stehen, die in der Region nicht heimisch sind. Die werden deshalb nach und nach rausgenommen – im Siebengebirge seien das in den vergangenen Jahren bereits mehrere Hektar gewesen. „In vielen Gebieten sind bereits keine mehr zu finden, im Siebengebirge wird es noch dauern.“ Aber – das sagt Schölmerich ganz deutlich – einen wirklich ursprünglichen Wald werde es wohl nicht mehr geben. „Die Wälder sind ja alle mal intensiv bewirtschaftet worden.“

Eichen bilden das erste Totholz

Im Mierscheider Wald lässt sich der Urwald von morgen an der ein oder anderen Stelle bereits entdecken. An einigen Bäumen sind Kronenreste heruntergebrochen, einige dicke Totholzstämme durchziehen den Forst. „Diese Eiche liegt seit einem Jahr“, sagt Oliver Dreger und zeigt auf einen umgekippten Stamm. Der äußere Holzring sei bereits abgefallen, sagt er. „Aber der Kern braucht 30 Jahre bis er zerfallen ist.“ Irgendwann seien im Wildnisgebiet dann keine Eichen mehr zu finden, ergänzt Schölmerich. „Die Buche kann einfach besser im Schatten leben. Eichen bilden das erste Totholz.“

Wie sich die Gebiete entwickeln, können auch Waldbesucher erleben – von Wanderwegen aus, denn viele der Areale liegen in Naturschutz- oder Flora-Fauna-Habitat-Gebieten. Schilder, die auf die besonderen Areale hinweisen, suchen sie allerdings vergebens. Es sei schon darüber nachgedacht worden, die Areale zu kennzeichnen, sagt Schölmerich. Umgesetzt wurde es bisher nicht. Laut dem VVS-Vorsitzenden Hans Peter Lindlar sind für sein Gebiet künftig Infotafeln geplant. Bislang bleibt deshalb nur die Option, sich vorher im Internet zu informieren, wo genau die Wildnisentwicklungsgebiete liegen, zum Beispiel unter wildnis.naturschutzinformationen.nrw.de. Gruppen können sich auch durch die Gebiete führen lassen. Das ist laut Schölmerich bei Interesse ebenfalls möglich.