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Geschichte eines Quetschebüggels: Ein Instrument mit rheinischer Seele

Geschichte eines Quetschebüggels : Ein Instrument mit rheinischer Seele

Nur 20 Jahre hat die Siegburger Cantulia-Fabrik das rote Akkordeon produziert. In seinem Buch sucht GA-Redakteur Jörg Manhold nach dem Geheimnis des alten Instruments.

Es beginnt mit einem Zufallsfund. Ein Akkordeon fällt in die Hände von Herrman, der sofort von dem Instrument fasziniert ist. Er beginnt zu recherchieren – und zu üben. Das rote Akkordeon zieht sich fortan als roter Faden durch die Geschichte, die eine Liebeserklärung an ein verkanntes Instrument ist, an ungewöhnliche Menschen und an ihre rheinische Heimat. Autor Jörg Manhold verknüpft in „#quetsch. Das Geheimnis des alten Akkordeons“ kleine Episoden, die er mit journalistischer Neugier und musikwissenschaftlichem Sachverstand ausgegraben hat.

Das rote Firmenemblem in Form eines C auf der C-Taste des Akkordeons führt zurück in die Siegburger Industriegeschichte. Die Firma Cantulia von Walter Neuerburg stellt dort von 1937 bis 1957 hochwertige Instrumente her. Sie waren sofort an ihrem rot lackierten, polierten Gehäuse zu erkennen. 1953 arbeiteten hier noch 250 Menschen, nur weniger Jahre später wurde das Unternehmen an Marktführer Hohner verkauft. Die Fabrikgebäude sind noch erhalten, sie gehören heute zum Farbenhersteller Siegwerk. Aber was hat zum Aus für Cantulia geführt? „Sie waren sehr erfolgreich und sehr gut und irgendwann plötzlich weg“, sagt Manhold, der intensive Nachforschungen betrieben und mit Zeitzeugen wie Reinold Meffert, bis zur Schließung Geselle bei Cantulia, gesprochen hat.

Das Rätsel des gutes Klangs hingegen war schneller gelöst: Cantulia bezog die hölzernen Stimmstöcke aus der Werkstatt Scandalli aus Castelfidardo, der italienischen Hochburg des Akkordeonbaus. Trotzdem bekommt der Quetschebüggel aus dem Haus Cantulia einen typisch rheinischen Spitznamen: Als „et Jüppchen“ startet er im Buch eine Reise um die Welt. Jüppchen trifft Polkakönig Will Glahé und seine „Rosamunde“. Es ist mit Straßenmusiker Schäng Schneller in den Dörfern des östlichen Rhein-Sieg-Kreises unterwegs und erinnert an die kabarettistische Vergangenheit der Ordensfrau Isa Vermehren. „Ich habe die wichtigsten Ereignisse der Akkordeongeschichte im Allgemeinen mit den wichtigsten Akkordeonspielern und der wichtigsten Akkordeonfabrik aus der Region dokumentiert“, sagt der Autor.

Letztlich ist „#quetsch“ ein Buch gewordenes Bühnenprogramm. GA-Redakteur Jörg Manhold ist mit dem Akkordeon immer wieder aufgetreten und hat zwischen Polka und Tango Geschichten rund um das Instrument erzählt. Seit einem Jahr ruhen die Konzerte, man muss sich den Klang ohne aggressives Tremolo, den Herr Manhold und Herrman Hold gleichermaßen lieben, beim Lesen vorstellen.

Akkordeon ist eigentlich ein Orchester

„Ich versuche immer, etwas zu spielen, was nicht so klischeemäßig Akkordeon ist, zum Beispiel Klezmer und Jazz“, sagt der Musiker. Das Akkordeon sei eigentlich ein Orchester. „Du kannst alles darauf spielen, nicht nur bayrische Volksmusik.“ Für Manhold war es nach Gitarre, Saxofon und Klavier das vierte Instrument, das er gelernt hat. Im Selbststudium im heimischen Keller hat er es bis zur Bühnenreife geschafft. Ursprünglich wollte er damit Kinderlieder begleiten, „aber die Kinder fanden den Klang überhaupt nicht schön“. Der Vater dafür umso mehr. Sein Erzählband ist pure Werbung für das Akkordeon, wer es liest, wird selbst zum Cantulianer. „Ich sehe eine Pa­rallele zur Mundart. Das Akkordeon wird unterschätzt, es gilt als primitiv. Das ist nicht angemessen“, sagt Manhold, der im General-Anzeiger die Mundart-Kolumne „Rheinische Redensarten“ schreibt und dazu bereits zwei Bücher veröffentlicht hat.

 Buchautor Jörg Manhold mit seiner roten Cantulia-Quetsch bei einem Auftritt in Bonn.
Buchautor Jörg Manhold mit seiner roten Cantulia-Quetsch bei einem Auftritt in Bonn. Foto: Rainer Schmidt
 Das Gebäude der ehemaligen Siegburger Cantulia-Farbik gehört heute zum Siegwerk.
Das Gebäude der ehemaligen Siegburger Cantulia-Farbik gehört heute zum Siegwerk. Foto: HOLGER ARNDT GENERAL-ANZEIG
 Dorothee Akstinat half, das Cantuliamännchen wiederzufinden. Es stand jahrzehntelang im Hennefer Kurpark.
Dorothee Akstinat half, das Cantuliamännchen wiederzufinden. Es stand jahrzehntelang im Hennefer Kurpark. Foto: HOLGER ARNDT GENERAL-ANZEIG

Das typisch Rheinische am Jüppchen hat er sofort erkannt. „Je nachdem, wie man es spielt, klingt es nach Nordsee oder nach Alpen. Aber in der Mitte, das Atmen des Balgs, hat eine rheinische Seele“, findet Manhold. Die Geschichte endet, wie sie begonnen hat: mit einem Zufall, aber dazu mehr in „Das Geheimnis des alten Akkordeons“.

Das Buch: Jörg Manhold, #quetsch. Das Geheimnis des alten Akkordeons, Edition Lempertz, ISBN 978-3-96058-375-2, 96 Seiten, 9,99 Euro.