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Mahnwache im Rhein-Sieg-Kreis: Ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen

Mahnwache im Rhein-Sieg-Kreis

Ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen

220 Schaufensterpuppen hat der Künstler Denis Meseg (2.v.r.) vor dem Kreishaus positioniert. Gemeinsam mit der Kreis-Gleichstellungsbeauftragten Brigitta Lindemann (v.l.), ihrer Stellvertreterin Katja Milde und Landrat Sebastian Schuster eröffnet er seine Mahnwache. FOTO: Rhein-Sieg-Kreis

Siegburg Zum Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen appellieren 220 Schaufensterpuppen vor dem Kreishaus in Siegburg zum Hinsehen. Die beiden Frauenhäuser in der Region erweitern mit neuen Domizilen ihr Platzangebot.

Sie sind definitiv nicht zu übersehen. 220 Schaufensterpuppen hat der Künstler Denis Meseg in orangefarbenes Flatterband gehüllt und vor dem Kreishaus in Siegburg positioniert – als Mahnwache für eine gewaltfreie Welt. Mit der Aktion wollten Landrat Sebastian Schuster und mit ihm die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der 19 Kreiskommunen, der Arbeitskreis der Gleichstellungsbeauftragten und der Runde Tisch gegen häusliche Gewalt im Rhein-Sieg-Kreis am Mittwoch, dem Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen, ein Zeichen setzen und sich mit den Opfern solidarisch zeigen.

„Häusliche Gewalt darf nicht länger ein Tabuthema sein“, forderte Schuster in einer Pressemitteilung. Daran gelte es immer wieder zu erinnern. Mit einer Plakataktion nähert sich auch der Sozialdienst katholischer Frauen Bonn und Rhein-Sieg-Kreis (SkF) an verschiedenen Stellen in der Region dem Thema. Im großen Format macht er etwa an der Alten Heerstraße in Sankt Augustin oder der Zeithstraße in Siegburg auf den bedrohlichen Anstieg von alltäglicher und „unsichtbarer“ Gewalt aufmerksam.

Jede dritte Frau ist von Gewalt betroffen

„Schau nicht weg“ steht auf jeder dritten der Schaufensterpuppen vor dem Kreishaus zu lesen. Mit gutem Grund, laut Kreis ist bundesweit jede dritte Frau in ihrem Leben einmal von Gewalt betroffen – meist im Verborgenen. Angst oder auch Scham verhindern oft, dass die Opfer häuslicher Gewalt selbst darüber sprechen.

Das beobachtet auch der SkF. Seit der Sommerpause verzeichne „gewaltlos.de“, seine überregionale Chatberatung für Mädchen und Frauen mit Gewalterfahrung, eine Vedoppelung der Besucherinnen. Das kostenlose und anonyme Onlineangebot erleichtere Frauen den Einstieg in das Hilfsystem. Das habe sich gerade in Zeiten von Corona, in denen die Gewalt eher zunehme, persönliche Beratungen aber erschwert seien, bewährt.

Ungebrochen große Nachfrage im Frauenhaus

Wie groß die Zahl der von Gewalt bedrohten Frauen und Kinder ist, erfahren Michiko Park und ihre Mitstreiterinnen vom Verein Frauen helfen Frauen Troisdorf beinahe täglich. Sie betreiben das autonome Frauenhaus in Troisdorf. Das bietet acht Frauen und zwölf Kindern Platz. „Wir haben momentan einen Stillstand“, sagt Park. Der Wohnungsmarkt gebe es derzeit nicht her, dass Frauen in eine eigene Wohnung ausziehen. Die Nachfrage sei aber ungebrochen hoch. „Deswegen mussten wir in diesem Jahr schon 155 Frauen und 238 Kindern sagen, dass wir sie nicht aufnehmen können“, so Park. Und das in einer Zeit, in der Frauen und Kinder vermehrt in Not gerieten.

Noch enger ist die Situation im Frauenhaus des Kreises in Sankt Augustin. „Die Belegung musste aufgrund des Hygienekonzeptes nach und nach heruntergefahren werden“, sagte Kreissprecherin Rita Lorenz auf Nachfrage.

In Troisdorf endet gerade eine zweiwöchige Quarantäne. „Wir haben zu Beginn des ersten Lockdowns einen Pandemieplan erstellt und zwei Corona-Beauftragte ernannt“, sagt Michiko Park. Bei einer der Reihentestungen, die es bis Ende Oktober alle zwei Wochen in der Einrichtung gab, sei eine Frau positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden. „Wir haben sie mit ihren beiden Kinder in eine Ferienwohnung ausquartiert“, sagt Park. Finanziert über eine Spende. Das Frauenhaus sei unter Quarantäne gestellt worden.

Forderung nach weiteren Reihentestungen

„Es gab keine weitere Infizierung“, so Park. Sie und ihre Kolleginnen hätten von der Geschäftsstelle aus gearbeitet, seien nur täglich einmal für eine Stunde mit FFP-2-Maske ins Haus gegangen. Alles andere sei über Video-Kontakte gelaufen. „Zum Glück haben wir momentan Frauen in einer stabilen Lage“, sagt Park. Dennoch sei es belastend gewesen, nur aus der Ferne arbeiten zu können.

„Es wäre ungemein wichtig, dass die Reihentestungen weiterlaufen“, so Park. Ohne diese, wäre die Infizierung nicht aufgefallen, da die betroffene Frau ohne Symptome gewesen sei. „Wir waren zum Glück gut auf die Situation vorbereitet“, sagt Park im Rückblick. Das Szenario sei mehrfach durchgespielt und mit dem Gesundheitsamt besprochen worden.

Mit Vorfreude blickt Park auf das kommende Jahr. Dann steht der Umzug in ein neues Domizil bevor. Wie berichtet, baut eine anonyme Unterstützerin ein Haus, in dem der Verein künftig sein Frauenhaus betreiben kann. Auf 900 statt der derzeit 200 Quadratmetern hat er dann Platz für zwölf Frauen und 18 Kinder.

Auch beim Kreis laufen die Vorbereitungen für den Umzug in ein neues Haus in Sankt Augustin. Wie berichtet, mietet der Kreis einen Neubau an. „Der Kreis ist derzeit in Verhandlungen mit der Stadt, es stehen noch bauliche Vorarbeiten an“, sagte Rita Lorenz. Mehr gebe es aktuell nicht zu berichten.

„Das neue Haus wächst in die Höhe“, sagt Michiko Park. Aktuell plane der Verein die Innenausstattung. Zudem werde ein Sicherheitskonzept erarbeitet. Künftig habe das Haus ein offenes Konzept, was eine enge Zusammenarbeit mit Polizei und Sicherheitsdienst voraussetze. Im Oktober 2021 soll Einweihung sein. „Wir freuen uns sehr, dann ein schönes Haus mit genug Platz für von Gewalt betroffene Frauen und Kinder zu haben.“