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Siegburger Museumsgespräch: Erinnerungen an das Kriegsende in Siegburg

Siegburger Museumsgespräch : Erinnerungen an das Kriegsende in Siegburg

Wie sie das Kriegsende vor 75 Jahren als Kinder und Jugendliche in Siegburg erlebt haben, erzählten Zeitzeugen beim Museumsgespräch in Siegburg. Ein Resümee: „Et hätt jootjejange.“

Im mittlerweile 277. Siegburger Museumsgespräch stand das Kriegsende vor 75 Jahren im Fokus, Zeitzeugen berichteten, wie sie diese Zeit als Kinder und Jugendliche erlebt haben. Stadtarchivar Jan Gerull hatte die Geschichten der Siegburger gesammelt und ließ sie noch einmal öffentlich ihre Erinnerungen schildern.

So berichtete Rudi Henseler, ab dem 1. April 1944 Lehrling bei der Firma Walterscheid am Mühlengraben, unter anderem von Botengängen und Botenfahrten mit dem Fahrrad auch während Bombenangriffen. Er resümierte seine Kriegszeit mit den Worten: „Et hätt jootjejange.“

Ein Geschoss in den Oberschenkel

Peter Del Din war sieben Jahre alt, als die Amerikaner einmarschierten. Auf der Dammstraße wurde er verwundet, ein deutsches Geschoss schlug in seinem Oberschenkel ein und trat am Rücken aus. Nach einer wahren Odyssee durch die umkämpfte Stadt erreichte er das Siegburger Krankenhaus, wo ihn die Ärzte zunächst aufgaben. Eine Woche später erholte er sich langsam von seinen schweren Verletzungen. Del Din zitierte den behandelnden Arzt mit den Worten: „Hier passieren jeden Tag Wunder.“

Tragisch auch der Bericht von Karl-Heinz Wiesgen, der am 20. April 1935, Führers Geburtstag, geboren wurde. Die Eltern wollten ihn gegen den Willen des Machtapparates nicht auf den Namen Adolf taufen. Die Vergeltung dafür: Kurz vor Kriegsende wurde der Vater zum Volkssturm eingezogen, landete in Gefangenschaft und wurde einige Monate später am Kreishaus von einem amerikanischen Lkw gekippt. „Als physisches und psychisches Wrack mit dem Teelöffel aufgepäppelt“, so Wiesgen. Nach seinen Worten kam der Vater nie wieder richtig auf die Beine und starb früh.

Für Helma Rosenbach, Schülerin des Siegburger Mädchengymnasiums, war schon drei Wochen früher der Krieg zuende als für ihre Mitschülerinnen, weil sie in Menden jenseits der Sieg aufwuchs. Von dort aus stürmten die Amerikaner Siegburg. Christel Scheben, Wolsdorferin, berichtete von den schweren Angriffen am 6. März 1945 auf Siegburg und vom Bombardement auf Wolsdorf drei Tage später. Auch Liesel Schäfer war den Bomben auf Wolsdorf ausgesetzt, wurde aus dem Bierkeller Gumpert gerettet, nachdem sie und viele andere dort verschüttet worden waren.

Propaganda in der Schule

Anneliese Hallers Bericht zeigte, wie Propaganda und Indoktrinierung der Jugend wirkten. Sie war Schülerin der Deutschen Hauptschule, eine Schule, die „noch deutscher“ als die übrigen Einrichtungen im Reich war. Verhindert beim Zeitzeugengespräch waren Margrit Knüttgen, die Gerull bereits über die Arbeit ihres Vater als Versorgungsoffizier im Lazarett Michaelsberg berichtet hatte, und Josef Mahlberg, der seine Beobachtungen von rassistischen Diskriminierungen innerhalb der amerikanischen Truppe schildern wollte.

Zum Abschluss ging Gerull noch auf den Wert der „Oral History“, der mündlich überlieferten Geschichte, ein: „In der Geschichtswissenschaft sind Zeitzeugenberichte umstritten. Während die einen auf ein erhöhtes Maß an Subjektivität oder auch Trivialität verweisen und sogar die Kraft der Erinnerung als solche infrage stellen, sehen die Befürworter diese Quellengattung als direkteste Form der Überlieferung an.“ Er selbst zählt sich zu den Befürwortern.