Nach künstlicher Befruchtung Neue Lachsbabys am Siegelsknippen geschlüpft

Siegburg · Im Herbst des vergangenen Jahres wurde einigen Lachsrückkehrern der Rogen entnommen und befruchtet. Nun sind am Siegelsknippen die ersten Larven geschlüpft. Sie haben eine lange Reise vor sich.

 Wenn die erst wenige Wochen alten Lachsbabys ein Gramm wiegen, sind sie bereit, ins freie Gewässer gesetzt zu werden.

Wenn die erst wenige Wochen alten Lachsbabys ein Gramm wiegen, sind sie bereit, ins freie Gewässer gesetzt zu werden.

Foto: Scarlet Schmitz

Sie sind geschlüpft: Die Siegburger Lachsbabys. In Deutschlands größtem Wildlachszentrum, das am Siegelsknippen auf dem Gelände des Wahnbachtalsperrenverbands liegt, hatten Umweltschützer im Herbst Lachseier befruchtet. Nach rund 110 bis 130 Tagen haben nun die ersten Larven das Licht der Welt erblickt. Zunächst blieben die Mini-Fische auf ihren Schlupfmatten in sogenannten Unterstromkästen, die die Bedingungen eines natürlichen Kiesbetts nachbilden. „Die Befruchtung der Lachse findet außerhalb des Körpers statt”, erklärt Fischwirtschaftsmeister Fabian Gräfe vom Rheinischen Fischereiverband. In der Natur legten die Weibchen ihre reifen Eier, die man auch Rogen nennt, in sauerstoffumspülten Kiesbetten ab, wo sie der männliche Lachs mit seiner Milch befruchte. Doch: „Die Erfolgsquote in der Natur liegt bei nur rund einem Prozent“, so Gräfe. „Hier können wir eine Schlupfrate von bis zu 90 Prozent generieren.“

Im Wildlachszentrum geschah die Befruchtung im vergangenen Winter also unter künstlichen Bedingungen: In einer Schüssel wurden Milch und Rogen miteinander vermischt. Anschließend gaben die Fischwirte etwas Wasser hinzu, damit die Eier quellen konnten. Die gerade geschlüpften kleinen Lachse, auch Brütlinge genannt, sind noch lichtscheu, wenig mobil und ernähren sich von ihrem Dottersack. Sobald dieser aufgezehrt ist, ziehen die rund zwei Zentimeter langen Fische um: Von der beschaulichen Kinderstube mit Schlupfmatte geht es hinein ins große Fischbecken, das bis zu 45.000 Junglachse fassen kann.

In Flüssen ausgesetzt

Gräfe kontrolliert den wuselnden Nachwuchs täglich. Er schaut, ob der Darm der Babys bereits mit Fischfutter gefüllt ist, einmal pro Woche werden die Lachse gewogen. „Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass ein Anfütterungsgewicht von einem Gramm pro Lachs der beste Zeitpunkt ist, um die Fische ins freie Gewässer zu besetzen”, erzählt der Fischwirtschaftsmeister. Von „besetzen“ spricht man bei der Unterbringung der Fische in bestimmten Flüssen und Seen. Mit einem Gramm Körpergewicht haben sie sich laut Gräfe noch nicht an die Anfütterung gewöhnt und können sich noch darauf umstellen, in der freien Natur selbst nach Nahrung zu suchen. Aktuell wiegen die Fischbabys rund 0,4 Gramm.

Die Besetzung ins freie Gewässer findet im Frühjahr von Ende April bis Ende Juni statt. Dann fahren Gräfe und seine Kollegen mit den Junglachsen quer durch die Region, um den Lachsbestand der Gewässer zu unterstützen. Um ein geeignetes Habitat zu finden, sind die Fischwirte auf die Unterstützung hiesiger Angelvereine und die Kartografierung der Flüsse angewiesen. „Die kleinen Lachse brauchen flache Gewässer mit viel Sauerstoff und Kies”, meint Gräfe. Besetzt würden dann unter anderem die Sieg, die Agger, die Bröl, die Wupper oder auch die Nister in Rheinland-Pfalz.

Bedrohung durch Kormorane

Bis zu eineinhalb Stunden pro Fahrt sind Fabian Gräfe und seine Kollegen dafür an manchen Tagen unterwegs. „Ich brenne für den Lebensraum Wasser und Fisch und freue mich, dass ich ein Projekt habe, mit dem ich der Natur auch etwas zurückgeben kann”, äußert der Fischwirtschaftsmeister seine Begeisterung. Umso trauriger mache es ihn, dass man immer häufiger Lachs-Überreste unter Nestern von Kormoranen finde. „Der Kormoran findet hier ein regelrechtes Büffet vor”, meint Gräfe.

Die Ur-Gewässer, so, wie sie vor mehreren hundert Jahren waren, gebe es heute nicht mehr. Stattdessen habe der Mensch „Wasserautobahnen” geschaffen, die es dem Kormoran, der bei uns keine natürlichen Feinde habe, einfach machten, die Fische zu fangen. „Ich wünschte mir, dass man da irgendwie ein Gleichgewicht finden könnte“, ärgert sich Gräfe: „Der Kormoran ist eine nicht gefährdete Art. Doch der Lachs ist bedroht, und wir versuchen hier, seine Population wieder zu stärken.“

Zu wenige Lachse kehren zurück

Die natürlichen Feinde sind nicht die einzigen Gefahren, denen die jungen Lachse im Laufe ihres Lebens ausgesetzt sind. Nach der Besetzung ins freie Gewässer geht es los mit dem Erwachsenwerden und dem Ernst des Lachslebens. Nach etwa ein bis zwei Jahren wandern die 12 bis 18 Zentimeter langen Fische aus dem Süßwasser ab in Richtung Nordatlantik, teilweise bis nach Grönland. Dabei legen sie Wege von etwa 3000 Kilometern zurück und müssen viele Hürden überwinden: Seeschleusen zum Beispiel, die nicht permanent geöffnet sind und den Fischen in regelmäßigen Abständen den Weg versperren. Oder sie kommen an Kraftwerken vorbei und sind der Gefahr ausgesetzt, in die Turbinen zu geraten.

Sobald die Laichreife einsetzt, schwimmen die Lachse vom Atlantik wieder zurück zur ihrer Kinderstube im Süßwasser. Bis auf wenige Meter genau erreichen die Tiere ihr Herkunftsgewässer. Man geht davon aus, dass sich die Lachse dabei am Geruch orientieren. Leider ist die Rückkehrrate mit einem Prozent in der Region immer noch sehr gering. Für eine selbsterhaltende Population müssten drei Prozent erreicht werden.

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