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Rhein-Sieg-Kreis: Alles steht wegen Coronavirus auf dem Prüfstand

Coronavirus in der Region : Alles steht im Rhein-Sieg-Kreis auf dem Prüfstand

Die Krisenstäbe im Rhein-Sieg-Kreis organisieren die Kinderbetreuung für Notfälle. Alles steht wegen des Coronavirus auf dem Prüfstand. Ein Überblick.

Seit Freitag, dem 13., muss alles neu gedacht werden. Nachdem NRW-Ministerpräsident Armin Laschet weitreichende Schließungen unter anderem von Schulen und Kindergärten erlassen hat, ist die Botschaft „allgemeiner Krisenmodus durch Corona“ bei den Menschen angekommen.

Seitdem ist auch im Rhein-Sieg-Kreis spürbar, dass alle ihr Leben neu sortieren. Nachdem anfangs noch unklar war, wie der Landeserlass für die Schulen zu verstehen ist, lichtete sich am Wochenende der Nebel. Die Schulpflicht ist ab Montag aufgehoben. Kinder bis zur 6. Klasse betreuen die Schulen Montag und Dienstag noch. Und ab Mittwoch gibt es nur noch eine Notbetreuung für Kinder, deren Eltern in einem krisenrelevanten Beruf unabkömmlich sind. Für die Kitas gilt letzteres schon ab Montag: Notbetreuung nur für Kinder von Krisenpersonal.

Supermärkte:

Aber der Reihe nach: Schon am Freitagnachmittag stieg der Ansturm auf Nudeln und Klopapier in den Supermärkten rapide. Auf den Parkplätzen gab es Gerangel um die letzten freien Flächen. Auch am Samstagmorgen standen zur Ladenöffnung in aller Frühe mehr Kunden als sonst vor der Tür und deckten sich mit lang haltbaren Lebensmitteln und Hygieneartikeln ein, so weit noch vorhanden.

Hotline:

Unterdessen war bei der Corona-Hotline des Rhein-Sieg-Kreises unter (02241) 13 33 33 kaum ein Durchkommen. Die drei Mitarbeiter waren schlicht überfordert. Wenn die Bandansage überhaupt ansprang und nicht durchgehendes Freizeichen ertönte, dann kam die automatische Botschaft, zu einem späteren Zeitpunkt anzurufen. Mancher wählte den Notruf der Feuer- und Rettungsleitstelle. Dort konnten die Mitarbeiter aber nur auf die Hotline zurückverweisen oder auf den Anruf beim eigenen Hausarzt. Die Leitstelle arbeitete am Wochenende noch mit der Standardbesetzung und verzeichnete keine Überlastung.

Abstrichzentren:

Der Krisenstab des Rhein-Sieg-Kreises tagte am Wochenende und bereitete sich vor allem auf den Aufbau der beiden weiteren Abstrichzentren vor. So soll im Laufe der Woche eine solche Einrichtung mit Containern in Hennef aufgebaut werden. Das Besondere daran: Es ist an eine Drive-in-Anlage angedacht, bei der das medizinische Personal einen Abstrich bei heruntergekurbelter Autoscheibe nehmen kann. In Rheinbach ist dagegen ein stationäres Abstrichzentrum geplant. Es handelt sich dabei um das Tribünengebäude im Freizeitpark. Der Betrieb soll ab Mittwoch starten. Wichtig ist aber, dass man dort nicht einfach hingehen darf. Vielmehr muss der Patient ausdrücklich vom Hausarzt oder Gesundheitsamt dorthin geschickt werden.

Krisenstäbe:

Die Krisenstäbe der Rhein-Sieg-Kommunen hatten am Wochenende viel zu tun. In Rheinbach etwa hat Bürgermeister Stefan Raetz aus Hygienegründen zwei Krisengruppen gebildet, die zu unterschiedlichen Zeiten tagen. Sie treffen sich nacheinander in einem Konferenzraum, der zwischendurch desinfiziert wird. Sie klärten unter anderem, dass das Rathaus ab sofort grundsätzlich geschlossen ist und Bürgerkontakt nur auf Vereinbarung stattfindet. Auszahlungen an Flüchtlinge werden ab sofort in einem Außenzelt am Rathaus realisiert. „Wir sind eine der letzten Städte ohne Coronafall und würden es gerne bleiben“, so Raetz.

Für die Krisenstäbe war zu regeln, wie in Schulen und Kitas eine Notbetreuung geregelt werden kann. Außerdem wurde eine Verfügung formuliert, wonach ab Dienstag das Montemare-Schwimmbad, alle Kneipen, Restaurants, Saunaclubs und Bordelle in Rheinbach schließen müssen. VHS und Musikschule sind schon zu. Jetzt geht es um die Frage, ob spätere Großveranstaltungen wie Maikirmes und verkaufsoffene Sonntage abgesagt werden müssen. „Wir sind in einer absoluten Krise, das haben viele noch nicht begriffen“, beklagt Raetz, der auch Sprecher aller Bürgermeister des Kreises ist. Auch das Siegburger Octopus-Schwimmbad schließt ab Montag.

Aus dem Königswinterer Rathaus vermeldete Beigeordnete Heike Jüngling: „ Wir haben am Samstag sechs Stunden zusammengesessen, einen Lagebericht gehört, die Aufgaben formuliert und nach Priorität sortiert. In erster Linie ging es um die Kinderbetreuung, es kamen aber Spezialthemen auf den Tisch wie: Wie ist es mit angesetzten Hochzeiten? Wo es nicht anders gehe, würden die Termine in größere Räume verlegt. Noch dringlicher sei die Frage, wie infizierte Personen in Quarantäne von der Stadt versorgt werden könnten.

Die Gemeinde Swisttal schließt Rathaus, Nebenstellen und gemeindliche Einrichtungen wie Sporthallen und Schwimmbäder und setzt Ausschusssitzungen aus.

Seniorenheime:

Das Land NRW hat vorgegeben, dass Seniorenheime den Außenkontakt pro Bewohner auf eine Person und eine Stunde pro Tag zurückfahren sollen. So verfahren die Seniorenzentren in Siegburg. Die beiden Curanum-Seniorenresidenzen in Hennef etwa haben generell geschlossen und lassen nur noch im Notfall Besuch für ihre Bewohner zu. „Etwa, wenn jemand seelisch darunter leidet, dass er keinen Besuch mehr bekommt“, sagt Einrichtungsleiter Hans-Josef Noppeney. Wenn jemand im Sterben liegt, gelten natürlich auch andere Maßstäbe. Wer seinen Verwandten etwas bringen will, gibt es an der Rezeption ab. Die Gruppenräume bleiben geschlossen, die Raucher müssen jetzt vor die Türe gehen. Der Frisörladen pausiert erst einmal. „Die meisten haben Verständnis für unsere Vorsichtsmaßnahmen“, so Noppeney.

Schulen:

Für die Abiturienten ergab sich mit der Unterrichtsabsage ab Montag ganz plötzlich die Situation, dass ihre zwölfjährige Schulzeit sang- und klanglos und ohne die Möglichkeit der Vorbereitung zu Ende ging. „Unwürdig“, meinte so mancher Schüler. Unterdessen stand die Frage im Raum, ob die Abiturklausurtermine Bestand haben. Antwort am Sonntag: ja. Notfalls könne man auf die Nachschreibtermine ausweichen. Beim Berufskolleg Siegburg gab es Verwirrung, weil das Kolleg auf seiner Homepage von ausgesetzter Schulpflicht ab Montag und der Träger Rhein-Sieg-Kreis ebenfalls von kompletter Schließung spricht, einzelne Lehrer aber für Dienstag einen freiwilligen Klausurtermin angesetzt haben.

Ansonsten hatten die Schulleitungen am Wochenende zu organisieren, wie die Lehrer ab dieser Woche ihren Schülern Lernaufgaben zukommen lassen. Die müssen natürlich erst einmal formuliert und dann über einen digitalen Weg transportiert werden. Manche machen das per E-Mail, andere Schulen haben bereits Apps und Plattformen eingeführt, über die die Kommunikation laufen kann.

Das Siebengebirgsgymnasium ist in der Spezialsituation, dass es einen positiv getesteten Schüler hat, sodass der Unterricht schon seit Donnerstag gestrichen ist. Deshalb entfällt dort auch die Übergangsregelung für Montag und Dienstag. Erst ab Mittwoch soll eine Notbetreuung für Fünft- und Sechstklässler eingerichtet werden, berichtet Rektorin Gabriele Jacob.

Kirchen:

Das Erzbistum Köln teilte mit, dass die Messen bis Karfreitag flächendeckend ausgesetzt sind. Rosenkranzgebete und Messen aus dem Kölner Dom werden stattdessen verstärkt über Livestream im Internet unter domradio.de übertragen. Die evangelische Kirche hat zunächst die Gottesdienste weitergeführt, aber dafür gesorgt, dass die Besucher mit einem ausreichenden Abstand zueinander sitzen.

Social Media:

In der digitalen Welt liefen die Kanäle seit Freitag ebenfalls heiß. Zum einen machte die – falsche – Nachricht die Runde, das Schmerzmittel Ibuprofen begünstige einen schweren Coronaverlauf. Nachdem das über Whatsapp und Facebook verbreitet wurde, kam prompt das Dementi, immer begleitet von Schmähkommentaren. Einen positiveren Ansatz hatten die Initiativen von Junggesellen- und Bürgervereinen in der Region, Netzwerke zu bilden, um ältere Bürger mit Lebensmitteln zu versorgen, damit die nicht unnötig in die Öffentlichkeit müssen.