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Gedenken an Medizinverbrechen: Rhein-Sieg-Kreis: Täter und Opfer beim Namen nennen

Gedenken an Medizinverbrechen : Rhein-Sieg-Kreis: Täter und Opfer beim Namen nennen

Der Rhein-Sieg-Kreis nimmt eine Vorreiterrolle in der Erforschung der Nazi-Medizinverbrechen ein. Über die Studie ist jetzt ein Buch erschienen. Vor allem die Briefe der Angehörigen haben den Autoren betroffen gemacht.

Würde. Würde ist das Wort, das bei der virtuellen Pressevorstellung der Studie zu Nazi-Medizinverbrechen im Rhein-Sieg-Kreis wohl am häufigsten fällt. Denn das große Wort Würde – oder zumindest die Rückgabe derselben – sei das Ziel der zweijährigen Studie gewesen. Man gebe den Opfern der NS-Medizinverbrechen im Rhein-Sieg-Kreis einen Namen und ein Gesicht, um ihnen so die Würde zurückzugeben, erläutert Landrat Sebastian Schuster. Michael Solf, Mitglied des Kreistages und Projektini­tiator, ergänzt ein weiteres Anliegen der Forschung: „Wir wollen auf anschauliche Weise nicht ritualisierte, sondern nachhaltige Erinnerungsarbeit leisten, die immun macht gegen die Verharmlosung der Nazi-Zeit.“

Anschaulich, weil es die Geschichte war, die sich auf dem Gebiet des heutigen Rhein-Sieg-Kreises abspielte. Weil es konkrete Namen und Orte gibt, die unmittelbar mit den Verbrechen verbunden sind und dafür verantwortlich waren. „Das war nicht weit weg. Das hat in den kleinsten Dörfern stattgefunden“, wie Kreis-Kulturdezernent Thomas Wagner sagt.

Teilweise schwierige Quellenlage

Die Verbrechen, die nach einem fraktionsübergreifenden Kreistagsbeschluss seit Herbst 2017 untersucht wurden, waren Zwangssterilisationen sowie „Euthanasie“. „Ein pervertiertes Wort“, stellt Dagmar Hänel, Leiterin des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte, fest. Übersetzt bedeutet das Wort „guter Tod“. Hinter dem Euphemismus verbarg sich jedoch rassenidiologisch eingebettetes und staatlich legitimiertes Töten von Menschen, deren Leben für nicht wertvoll genug erachtet wurde.

Was diese Morde angeht, sei die Quellenlage schwierig gewesen, erläutert der Historiker Ansgar S. Klein, der Autor der Studie. Von den in der sogenannten „Aktion T4“ in den Jahren 1940 und 1941 mehr als 70 000 umgebrachten Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen gibt es noch rund 30 000 Akten im Berliner Bundesarchiv. Von diesen beziehen sich lediglich elf auf Personen aus dem heutigen Rhein-Sieg-Kreis, der Rest wurde vernichtet. Deshalb war der Historiker auf die Gedenkstätten der Tötungsanstalten angewiesen, auch wenn dort nicht immer Geburts- oder Wohnorte verzeichnet waren.

Über 1000 Zwangssterilisierungen angeordnet

Die meisten Opfer aus den rheinischen sogenannten Heil- und Pflegeanstalten kamen in die Tötungsanstalt ins hessische Hadamar. „Dort wurden sie in einer eigens eingerichteten Gaskammer von Ärzten umgebracht“, sagt Klein.

Deutlich besser sei die Quellenlage bei den Zwangssterilisierungen gewesen. Hier sind die Akten vollständig erhalten. Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung wurden gegen ihren Willen unfruchtbar gemacht. Eine zentrale Einrichtung waren die Gesundheitsämter, die in dieser Form im Jahr 1935 von den Nationalsozialisten als „Instrument der Rassenideologie“ eingerichtet wurden, wie Klein erläutert. Von den etwa 3000 Anzeigen hat das Erbgesundheitsgericht in mehr als 1000 Fällen Zwangssterilisierungen angeordnet.

Amtsleiter kehrte nach dem Krieg auf Posten zurück

In einigen Fällen hatten Angehörige der Opfer noch versucht, sich in Briefen ans Gericht oder ans Gesundheitsamt zu wenden, um von der Zwangssterilisierung verschont zu bleiben. „Das waren hauptsächlich ganz einfache Leute. In diesen Briefen kommt eine Hilflosigkeit zum Ausdruck, die mich selbst sehr betroffen macht“, erläutert Klein.

Die Mehrheit der Ärzte am Gesundheitsamt war Mitglied der NSDAP. „Die NS-Ideologie war schon sehr weit fortgeschritten“, sagt Klein. Bruno Bange etwa, seit 1929 Amtsarzt im damaligen Siegkreis, wurde 1935 Leiter des neugegründeten Gesundheitsamtes. Als solcher war er maßgeblich an den Zwangssterilisationen beteiligt. Nur wenige Jahre nach Kriegsende, als Mitläufer eingestuft, wurde er zunächst stellvertretender Amtsarzt und kehrte später bis zur Rente auf seinen alten Posten zurück. „Da ist nichts passiert“, sagt der Historiker Klein.

Gedenkort für Opfer geplant

Im Gegenteil: Die Betroffenen, die zum Teil noch heute leben können, wurden erneut Opfer. Viele Verantwortliche wurden nicht belangt. Doch das Tabu, die Stigmatisierung und die Scham, die mit der Zwangssterilisierung einhergingen, lebten weiter. Es gab keine Wiedergutmachung, sie wurden erst spät als Opfer der Nazis anerkannt. „Es waren so viele Leute betroffen, da muss es in fast jeder Familie jemanden gegeben haben. Aber das ist vielen heute nicht mehr bewusst.“

Laut dem Vorsitzenden des Projektbeirates, Ralf Forsbach, ist der Rhein-Sieg-Kreis mit dem Forschungsprojekt der erste und einzige Landkreis, der sich in dieser Form mit der Geschichte der NS-Medizinverbrechen auseinandersetzt. „Das könnte eine Initialzündung für andere Kommunen und Landkreise sein.“

Dagmar Hänel hofft, dass die Studie von vielen gelesen wird „und beiträgt, ein Gegengewicht zur Entfernung von der Demokratie, die wir alltäglich sehen, zu setzen“. Mit der Publikation des Bandes ist das Forschungsprojekt zudem noch nicht vorbei. Projektleiter Helmut Rönz kündigte an, dass das Buch dezentral vorgestellt werden soll. Außerdem soll es einen Gedenkort für die Opfer geben.

Das Buch „Euthanasie“, Zwangssterilisationen, Humanexperimente. NS-Medizinverbrechen an Rhein und Sieg 1933–1945, von Ansgar S. Klein ist im Böhlau Verlag erschienen und kostet 35 Euro. Der Band ist Teil der Reihe „Stadt und Gesellschaft. Studien zur Rheinischen Landesgeschichte“.