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Rhein-Sieg-Kreis: Walter Kiwit - ehemaliger Oberkreisdirektor wird 90

Er hat mehr als 24 Jahre im Rhein-Sieg-Kreis gewirkt : Der ehemalige Oberkreisdirektor Walter Kiwit wird 90

Er galt als harter Verhandler, förderte Frauen und setzte durch, dass im Rhein-Sieg-Kreis heute eine Reihe von Hochschulen angesiedelt sind. Am Dienstag wird der ehemalige Oberkreisdirektor Walter Kiwit 90.

90 Jahre alt wird Walter Kiwit an diesem Dienstag. Dass er grad nicht so gut zu Fuß ist, ist einem Sturz in seinem geliebten Garten geschuldet. Ansonsten ist der ehemalige Oberkreisdirektor (OKD) fit – und weiß immer noch, wie man mit Journalisten umgeht. „Das möchte ich aber nicht in der Zeitung lesen“, sagt er mit strengem Ton, als es um den Transformationsprozess Bonns und der Region von der Hauptstadt zum Dienstleistungsstandort geht. Was er zur damaligen Einstellung der Bonner in den fetten Jahren des Regierungssitzes zu sagen hat, soll unter uns bleiben.

Nur so viel: Wenn es nach dem damaligen Bonner Oberkreisdirektor Dieter Diekmann gegangen wäre, dann gäbe es heute weder die renommierte Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Sankt Augustin und Rheinbach noch die Hochschule der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (HGU) in Hennef oder die Fachhochschulen in Bad Honnef und Remagen. Walter Kiwit muss es wissen. Er war als letzter Oberkreisdirektor maßgeblich an den Verhandlungen zu den Ausgleichszahlungen nach dem Berlin-Bonn-Gesetz beteiligt. Mit 63 Jahren räumte er 1994 das Feld für einen Nachfolger und ging vorzeitig in den Ruhestand – „ganz bewusst“, wie er sagte, weil er es für wichtig gehalten habe, dass in dieser schwierigen Zeit eine Kontinuität gewahrt blieb, und die konnte nur ein Jüngerer sicherstellen. Bekanntlich wurde damals die frühere sogenannte Doppelspitze mit einem Oberkreisdirektor als Hauptverwaltungsbeamter und einem ehrenamtlichen Landrat, der nur repräsentative Aufgaben wahrnahm, in NRW abgeschafft. Seitdem wird der Landrat direkt von der Bevölkerung gewählt.

1977 wurde er Kreisdirektor

Walter Kiwit wurde 1931 in Wanne-Eickel geboren, studierte in Münster und Freiburg Jura, promovierte 1964 und trat 1970 als Verwaltungsdirektor in den Dienst des Kreises, nachdem er zuvor beim Kölner Regierungspräsidenten für den Katastrophenschutz zuständig war. 1977 wurde er Kreisdirektor und damit Stellvertreter von Paul Kieras, dem er 1983 als Oberkreisdirektor nachfolgte. 1994 ging Kiwit in den Ruhestand. Mehr als 24 Jahre lang hat er also im Kreis als Dezernent, Kreisdirektor und schließlich als Verwaltungschef gewirkt.

Wie beurteilt er den heutigen Zustand der Region? „Ich bin glücklich, dass dieser Wandel nach dem Berlin-Bonn-Beschluss so geglückt ist und stolz darüber, dass der Kreis und die gesamte Region es geschafft haben, weiter auf der Sonnenseite zu sein.“ Kiwit erzählt rege von den damaligen Verhandlungen, davon, wie eng man damals zusammengestanden habe, wie Bonn, der Rhein-Sieg-Kreis und der Kreis Ahrweiler trotz großer Unterschiede stets „mit einer starken Stimme“ mit dem Bund verhandelt haben. Dass Unternehmen wie die Telekom mit den vielen nach sich gezogenen IT-Unternehmen heute für das Florieren des Dienstleistungsstandorts sorgen, sei nicht selbstverständlich gewesen, sagt Kiwit, dem im Übrigen alte Weggefährten bescheinigten, ein harter Verhandlungspartner gewesen zu sein. Aber da kommt wohl der Westfale in ihm durch. Er selbst bezeichnete sich früher gerne als „westfälischen Rheinländer“ und feierte als solcher übrigens auch gerne Karneval. Er führte im Kreishaus den Kinderprinzenempfang ein.

Er ernannte die erste Gleichstellungsbeauftragte in NRW

„Kiwit hat mit einer Vielzahl wegweisender Initiativen den Grundstein für die gute Entwicklung des Rhein-Sieg-Kreises gelegt, von der unsere Bürgerinnen und Bürger heute immer noch profitieren“, hatte Kiwits Nachfolger, der langjährige Landrat Frithjof Kühn, einmal gesagt. Wie wahr: 1985 benannte er mit der späteren Kreisdirektorin Monika Lohr die landesweit erste Gleichstellungsbeauftragte. Unter Kiwit entstand ein das erste Frauenhaus in kreiseigener Trägerschaft sowie 1988 erstmals ein Frauenförderplan.

Die Berufsschulen und Förderschulen tragen ebenso Kiwits Handschrift wie der Natur- und Landschaftsschutz. Auch der Ausbau der S 12 von Köln an die Obere Sieg und die Verbesserung auf der Linie 66 stammen noch aus der Zeit Kiwits, der auch mitbeeinflusste, dass der ICE über Siegburg geplant wurde und nicht über Bonn. Zum Beitritt in den Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) und für die Einrichtung einer Datenzentrale mit dem Oberbergischen Kreis leistete der OKD ebenfalls einen erheblichen Beitrag wie für den Aufbau eines flächendeckenden Rettungssystems im Kreis oder die Entwicklung von Beratungs- und Hilfsdiensten.

Ab 1984 leitet Kiwit zudem als Vorsitzender den Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes und förderte den „Fahrbaren Mittagstisch“ und die Behindertenarbeit. Ab 1995 hat Kiwit zudem noch als Geschäftsführer des Verbandes der kommunalen RWE-Aktionäre für die Interessen der kommunalen Aktionäre gekämpft – was nicht immer einfach gewesen sei, sagt er. Immerhin haben die Kommunen am Ende 1,3 Milliarden Euro bekommen, allein der Rhein-Sieg-Kreis 21 Millionen Euro.

Kreiswirtschaftsförderung ist ihm wichtig

Kiwit selbst ist die Schaffung der Kreiswirtschaftsförderung wichtig. Sie sei äußerst hilfreich für die Städte und Gemeinden in der Zusammenarbeit mit Bonn und im Rahmen des Bonn/Berlin-Ausgleichs gewesen und sei bis heute das „beste Arbeitsfeld zur Wirtschaftsförderung“.

Sorgen macht dem Jubilar eigentlich nur die Einstellung der Menschen: „Wir haben uns zu sehr angewöhnt, dass alles glatt und ohne viel Arbeit läuft“, sagt er. Man nehme vieles zu selbstverständlich. Das sei keine gute Voraussetzung, um die Region weiter voranzubringen. Dennoch sieht der erfahrene ehemalige Verwaltungschef mit Freude, dass die Annäherung von Bonn und Rhein-Sieg-Kreis weiter vorangeht. Immerhin spreche man miteinander über die Lösung der Flächenprobleme der Stadt Bonn oder die Verkehrssituation in der Region. Allerdings, sagt Kiwit, der schon früher in seiner aktiven Zeit für seine Gradlinigkeit und Ehrlichkeit bekannt war, hätten die Bonner doch immer „desolate politische Verhältnisse“ gehabt. Er erinnere sich an ein Gespräch mit dem damaligen Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg, Ernst Franceschini, dass man mit den Bonnern „immer dieselben Probleme“ besprechen müsse.

An seinem Geburtstag erwartet Walter Kiwit neben der Familie viele Freunde und alte Weggefährten. Geburtstagswünsche habe er keine, er bittet stattdessen den Opfern der Flutkatastrophe zu spenden.