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Siegburg: Bilderstock erinnert an im Mittelalter getötetes Kind

Kindermord im Jahre 1287 : Siegburger Bilderstock erinnert an getöteten Klosterschüler

In Siegburg erinnert ein Bilderstock an den Klosterschüler „Johänneken“, der im Mittelalter ermordet und dann als Märtyrer verehrt wurde. Bis heute ist unklar, weshalb der Junge sterben musste.

Schon im Mittelalter gab es Kinderschändungen, wenn sich auch das Wort erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Kriminologie etablierte. Ob es sich tatsächlich um eine solche im Mordfall des „Johänneken“ gehandelt hat, bleibt indes ungewiss. Tatsache ist jedoch, dass sein Schicksal in die Geschichte einging, denn bis heute erinnert ein Bilderstock aus dem Jahr 1772 an den kleinen Jungen aus Troisdorf.

Auf dem Grundstück an der Luisenstraße/Ecke Augustastraße hatte das von Abt Godefried von Schaumburg 1772 einst gestiftete Heiligtum gestanden. Heute zieht es im Erdgeschoss des Stadtmuseums die Blicke der Besucher auf sich. Zu verdanken ist dies Sybilla und Albert Bierther, den Grundstückseigentümern, die in ihrem Testament bestimmt hatten, dass das Denkmal an die Stadt übergehen sollte. Die Freunde und Förderer des Stadtmuseums hatten dessen Restaurierung finanziert.

Jüdische Bürger des Ritualmords beschuldigt

Unter nie geklärten Umständen war das „Johänneken“ im Jahr 1287 auf seinem täglichen Schulweg von
Troisdorf in die Klosterschule der Minoriten in Seligenthal in der Nähe des Mühlenhofs ermordet worden. Sein Hin- und Rückweg führte ihn vorbei am Haus zur Mühlen, dem heutigen Seniorenheim am Rande des Kaldauer Felds, wo im Jahr 1934 anstelle eines älteren Baus ebenfalls eine Wegekapelle ihm zu Ehren errichtet wurde.

Dass der Klosterschüler in jenem Sommer verschwand war der Anlass für die Ermordung von etwa 20 jüdischen Bürgern – die Zahlen variieren zwischen 18 und 25. Sie wurden damals beschuldigt, einen Ritualmord begangen zu haben, um das Blut des „Johänneken“ zu verwenden und Christus zu verhöhnen. Die Männer, Frauen und Kinder wurden am 4. September 1287 ermordet.

Wie aus dem Kurztext neben dem Denkmal im Museum hervorgeht, ist die Zahl jedoch zweifelhaft, weil zu dieser Zeit nicht so viele Juden in der Vogtei Siegburg wohnten, zu der auch Troisdorf gehörte. Später machten die Nazis den toten Jungen wiederum zum vermeintlichen Märtyrer. Die Geschichte des kleinen Jungen wurde kürzlich im Rahmen der Museums-Reihe „Lieblingsstück“ unter Moderation von Dr. Susanne Haase-Mühlbauer von Annette Huth aufgearbeitet und heiß diskutiert.

Nach der Überlieferung sollen Schweine den mit Messern durchbohrten Leichnam des Jungen ausgebuddelt haben. Die Leiche sollte vom Fundort an der Abtei auf dem Michaelsberg vorbei nach Troisdorf gebracht werden. Die Legende sagt, die Pferde seien jedoch in Höhe der Abteikirche stehen geblieben und der tote Junge habe seine Hand unter der Decke hervor gestreckt und in Richtung der Abtei gezeigt. Das zuvor störrische Zugpferd verfiel anschließend in den Trab und steuerte auf den Michaelsberg zu. Daraufhin fanden die Bestattung des Jungen und der Gottesdienst in der Klosterkirche statt.

In der Abtei wurde dem „Johänneken“ die Hand abgelöst und als Reliquie in ein Silbergefäß gesteckt. Den Reliquien wurden vor allem im Mittelalter besondere Heilkräfte nachgesagt. Reliquien sind Überbleibsel von Heiligen, von denen sich in der katholischen Kirche bis heute Menschen Heilung erhoffen. Im 30-jährigen Krieg wurde die Reliquie nach Bonn gebracht und tauchte 1655 wieder im Franziskanerkloster in Siegburg auf. Im Jahr 1818 wurden einige Reste wiedergefunden und in den Altar von Sankt Servatius gelegt. Heute sind sie verschollen.

Als Heiliger und Märtyrer verehrt, ging das „Johänneken“ endgültig in die Geschichte ein, als der Abt Godewig von Schaumburg 1772 den Bilderstock stiftete. Der Standort an der Straßenecke wurde seit 1911 mehrfach geringfügig verändert. Die Inschrift am Bilderstock lautet: „In memoriam St. Johänneke Martyr. Godesfridus die Schaumburg Abbas Siegburg 1772“ (Dem Andenken des Märtyrers Johänneken errichtet durch Gottfried von Schaumburg, Abt zu Siegburg, 1722). „Die Todesursache wurde nie geklärt; aus heutiger Sicht fallen einem natürlich verschiedenste Todesursachen ein, es bleibt aber alles spekulativ“, kommentiert dies die Museumsleiterin Dr. Gundula Gaspary.