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Siegburg-Kaldauen wird 950 Jahre alt - Vom Dorf zum größten Stadtteil

950 Jahre Kaldauen : Vom Dorf zum größten Siegburger Stadtteil

Heute ist es Siegburgs größter Stadtteil, bei seiner ersten Erwähnung im Jahr 1071 war Kaldauen noch ein kleines Dorf. In der neuen Ausgabe der Siegburger Blätter "950 Jahre Caldauen" widmet sich Berthold Becker der Geschichte seines Heimatortes.

20 Jahre hat er selbst in Kaldauen gelebt, gemessen am Alter des heutigen Siegburger Stadtteils eine vergleichsweise kurze Zeitspanne. Immerhin sind seit der ersten urkundlichen Erwähnung „Chaltouvas“ im Oktober 1071 inzwischen 950 Jahre vergangenen. Das Jubiläum hat Berthold Becker, der in Kaldauen aufgewachsen ist, zum Anlass genommen, über seinen Heimatort zu recherchieren. Dessen Entwicklung hat er in der aktuellen Ausgabe der Siegburger Blätter nachgezeichnet. Die ist nun unter dem Titel „Zwischen Lendersberg und Sieg – 950 Jahre Caldauen“ in einer besonders umfangreichen Sonderausgabe erschienen.

Zusammen mit Siegburgs Bürgermeister Stefan Rosemann, Verleger Reinhard Zado und Vertretern der Kaldauer Bürgergemeinschaft hat Becker sein Werk jetzt präsentiert. Die Idee, etwas über sein Dorf zu schreiben, hatte der pensionierte Schulleiter im Grunde schon immer. Aber erst die Gedenkfeier für 19 Fremdarbeiter, die im März 1945 bei einem Angriff in Kaldauen ums Leben kamen, im vergangenen Jahr habe ihn dazu gebracht, die Idee auch in die Tat umzusetzen. In Ulrich Tondar fand er einen Mitstreiter, der sich seit Jahren mit der Geschichte des Stadtteils auseinandersetzt, unter anderem auch in Vorträgen im ökumenischen Gesprächskreis Kaldauen.

 1. Oktober 1956: Bürgermeister Willi Hartmann (rechts) übergibt Kaldauen an den Siegburger Bürgermeister Josef Schmandt.
1. Oktober 1956: Bürgermeister Willi Hartmann (rechts) übergibt Kaldauen an den Siegburger Bürgermeister Josef Schmandt. Foto: Stadtarchiv

„Wir haben gemeinsam die Kaldauer aufgerufen, ihre Fotos, Erinnerungen und Anekdoten mit uns zu teilen“, sagt Berthold Becker. Parallel hat er Kontakt zum Siegburger Stadtarchiv aufgenommen, wo er mit seiner Idee schließlich auf offene Ohren gestoßen ist. Ab Dezember sammelte Becker jede Menge Material über „sein“ Kaldauen. „Ich habe 15 Interviews mit alten Kaldauern geführt“, sagt er. Aus denen seien die Geschichten nur so herausgesprudelt. „Sie hatten ein Bedürfnis, darüber zu reden“, so Becker. Und beim Erzählen seien immer mehr Erinnerungen zutage gekommen. Nur ein Bruchteil davon habe es schließlich auch auf die insgesamt 30 Seiten des Siegburger Blatts geschafft. Das dabei Gehörte hat der 63-Jährige schließlich mit Quellen und Karten aus den Archiven der Städte Siegburg und Hennef und des Rhein-Sieg-Kreises abgeglichen und verifiziert.

„Das war auch ein Stück Kriminalistik“, beschreibt er seine Arbeit. So berichtete etwa eine Kaldauerin davon, dass sie ihr Wasser zum Trinken, Kochen und Waschen vor dem Bau der Wahnbachtalsperre immer aus „de Booch“ geholt hätten. „Ich konnte mir darunter gar nichts vorstellen“, so Becker. Auf einer Katasterkarte aus dem Jahr 1826 fand er im Unterdorf die Flurbezeichnung „In den Buchen“ und darunter ein Gewässer. Die frühere Kaldauer Wasserstelle existiert im Übrigen auch heute noch. Becker hat sie unterhalb der heutigen Kapellenstraße entdeckt.

 Berthold Becker hat die Geschichte Kaldauens aufgeschrieben.
Berthold Becker hat die Geschichte Kaldauens aufgeschrieben. Foto: Nadine Quadt

Schwierig sei es gewesen, etwas über die Zeit vor 1945, insbesondere die Zeit der Nationalsozialisten herauszufinden. „Dafür habe ich vermutlich zehn Jahre zu spät mit meinen Recherchen begonnen“, sagt Becker, der neben Geschichte auch Musik studiert hat. Die ältesten Kaldauer, mit denen er gesprochen hat, seien Jahrgang 1936 und damit für eine Beschreibung jener Jahre zu jung gewesen. Gleichwohl konnte der Siegburger festhalten, dass Kaldauen vor 1945 ein kleinbäuerlich geprägtes Dorf war. Auch nach der ersten urkundlichen Erwähnung, die am 4. Oktober 1071 eine Schenkung Kaiser Heinrichs IV. an Erzbischof Anno II. dokumentiert, bestätigen das diverse Karten und Dokumente. Auf Fotos aus den 1920er Jahren etwa zeigt sich Kaldauen als Straßendorf, gelegen an der wichtigen Poststraße zwischen Köln und Frankfurt.

Bauboom in den 1950er Jahren

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann Kaldauen zu wachsen und langsam seine kleinbäuerlichen Strukturen zu verlieren. Viele vertriebene Familien ließen sich im Ort nieder, erhielten Grundstücke im Oberdorf, auf denen sie siedelten. Becker spricht davon, dass mit den 1950er Jahren ein Bauboom in Kaldauen begann, der es binnen weniger Jahrzehnte zum inzwischen größten Siegburger Stadtteil anwachsen ließ. Diese Entwicklung zeichnet der 63-Jährige in seinem Werk anschaulich nach.

Über die Straßennamen erhielt er im Einwohnermeldeamt auch die Zahlen, die diese Veränderungen dokumentieren: Allein von 1955 bis 1985 stieg die Zahl der Kaldauer von knapp unter 1000 auf 6000. Inzwischen leben rund 8000 Siegburger in dem Ort, der seit 1. Oktober 1956 ein Stadtteil Siegburgs ist. Die 60 Jahre zurückliegende Eingemeindung sehen indes noch immer einige Kaldauer nicht als Grund zum Feiern. „Die Stadt hätt uns domohls ördentlich bedreese“, hörte Berthold Becker von einigen der Altvorderen.

Feiern wollen die Kaldauer ihr Jubiläum, wenn die Corona-Pandemie es zulässt. Die Bürgergemeinschaft Kaldauen plant zumindest für das erste Oktoberwochenende ein Fest. Und auch für Berthold Becker endet seine Auseinandersetzung mit seinem Heimatort noch nicht: „Wir möchten gerne eine Ausstellung machen und mehr Fotos von Kaldauen zeigen“, sagt er. Das Interesse scheint vorhanden zu sein. Binnen weniger Tage waren die ersten 50 Exemplare des „Kaldauer Blatts“ im Ort selbst bereits vergriffen.