1. Region
  2. Sieg & Rhein
  3. Siegburg

Bier galt als gesund: Siegburger Kneipengeschichten von Wippi und Grön

Bier galt als gesund : Siegburger Kneipengeschichten von Wippi und Grön

Eine Kneipen- und Brauhausführung in der Siegburger Innenstadt ist gespickt mit Anekdoten, Kuriositäten und Wissenswertem rund ums Obergärige – das während des Rundgangs natürlich auch gründlich verkostet wird.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Siegburg eine der größten Kneipendichten in der gesamten Rheinprovinz: Statistisch gesehen kam eine Kneipe auf 37 Anwohner. 1988 wurden noch 171 Gaststätten gezählt, bis heute sind 85 übriggeblieben. Bei einer Kneipen- und Brauhausführung stellen die Stadtführer Walter Siebold und Theo Schneider einige noch bestehende Kneipen vor und sprechen auch über die, die verschwunden sind.

„Außerdem möchten wir einige Wirte würdigen, die einst das Kneipenleben in Siegburg geprägt haben“, so Siebold. Etwa Klaus Wippermann vom „Marktkrug“, genannt Wippi. „Er war mehr als ein Bierverkäufer, ihm erzählten die Gäste ihre Sorgen, oft fragten sie ihn um Rat. Man sagte, er konnte zuhören“, berichtet der Stadtführer.

Bierzapfen trotz drohendem Abriss

Erwähnt werden auch Gernot „Grön“ Sträßer und Norbert „Mei“ Meiländer, die die Kultkneipe „Ente“ in der Mühlenstraße geführt haben. Auch sie hatten ein sehr persönliches Verhältnis zu ihren Gästen. „An die Namen und Gesichter kann ich mich bis heute erinnern“, berichtet Meiländer selbst kurz vor der ersten Führung. Und das, obwohl die Ente bereits 1992 abgerissen wurde. Sie musste einem neuen Wohn- und Geschäftshaus weichen.

Ebenso erging es Siegburg schmalster Kneipe „Em Kehsge“ mit lediglich 2,80 Metern Breite im Eingangsbereich. Als das Nachbarhaus, die Kaufhalle, 2011 abgerissen wurde, um an gleicher Stelle das neue City Gate zu bauen, wollte der Investor auch das kleine Häuschen mit der Kneipe erwerben, doch der Wirt Robert “Königs Lang“ König weigerte sich hartnäckig. „Seine Mitarbeiterinnen zapften seelenruhig Bier, obwohl Abrissbirne und Bagger die Kneipe erzittern ließen“ berichtet Siebold.

„Bier galt als nahrhaft und gesund“

In Siegburg gab es sogar mehrere Brauereien. Unter anderem die Brauerei Clarenz im Hotel Siegblick am Wolsberg und die Brauerei Gumpert in der Hubertusstraße. Die größte Brauerei war die „Bayerische Bierbrauerei Josef Breuer“, die laut Siebold 1863 in der Mühlenstraße gegründet wurde, wo zuletzt die Ente Gäste angezogen hat. Dreißig Jahre später baute Breuer eine industrielle Brauerei in der Luisenstraße. Ein Relikt aus dieser Zeit steht noch, nämlich die Villa Luise an der Luisenstraße, die Breuer für sich errichten ließ.

Am Brauhof, wo einst die Siegburger Synagoge stand, erzählt der Kneipenführer eine kuriose Geschichte aus dem Mittelalter: Da sei das Bierbrauen „Frauensache“ gewesen und zu jeder Aussteuer habe ein Braubesteck gehört. „Es gab aber auch Damenbierkränzchen, und wenn eine der Frauen schwanger wurde, bekam sie eine doppelte Portion, denn Bier galt als nahrhaft und gesund“, weiß Siebold aus seinen Recherchen.

Ball- und Turnsaal im Herrengarten

Bei Festen, für die man größere Mengen Bier brauchte, konnte man den städtischen Brauhof mieten und nach Bedarf selbst brauen. Ebenfalls nicht vergessen wird bei der Führung das wohl ehemals beliebteste Lokal in Siegburg. Dort, wo heute das Finanzamt seinen Sitz hat, befand sich vor dem Zweiten Weltkrieg der „Herrengarten“, inklusive Saal und mit altem Baumbestand ausgestattetem Biergarten.

In diesem Saal fanden nicht nur regelmäßig Bälle statt, sondern es wurde auch geturnt – hier gründeten Bürger 1862 den Siegburger Turnverein. Für eine Brauereiführung wie diese kann man sich anmelden unter www.stadtfuehrungen-rheinland.de/siegburg.