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Siegburger Projekt hilft Flüchtlingen bei der Ausbildung

Projekt „Fit in der Berufsschule“ : Siegburger unterstützen Geflüchtete bei der Ausbildung

Das Projekt „Fit in der Berufsschule“ unterstützt Geflüchtete während der Ausbildung. Paten unterstützen die Geflüchteten bei der Vorbereitung auf Prüfungen und bei Deutschlücken. Die Diakonie sucht weitere Paten

Es ist eigentlich nur ein Stück Papier, doch für Rohullah Essani entscheidet es über seine ganze Zukunft in Deutschland. Deshalb war er überglücklich und erleichtert, als er in der vergangenen Woche sein IHK-Zeugnis in den Händen hielt. „Ich hatte viel Angst vor der Prüfung“, sagt der 20-Jährige aus Lohmar, der in der Netto-Filiale in Siegburg seine zweieinhalbjährige Ausbildung zum Verkäufer absolviert hat.

Angst hatte der Geflüchtete, der 2016 aus Afghanistan nach Deutschland kam, nicht nur vor der Abschlussprüfung selbst. Zum Lernstress kam der Druck, dass sein Aufenthaltsstatus vom Ergebnis abhängt. Schließlich wurde Rohullah Essani von seinem Arbeitgeber übernommen und qualifiziert sich ab Sommer zum Einzelhandelskaufmann weiter. Auch der Discounter freut sich, „langfristig eine engagierte Nachwuchskraft in unserem Team zu haben“. Maßgeblich an diesem Erfolg beteiligt war das Projekt „Fit in der Berufsschule“ (FiBs) der beiden Diakonischen Werke An Sieg und Rhein sowie Bonn und Region. Es vermittelt ehrenamtliche Paten an Auszubildende, die sie bei der Vorbereitung auf Prüfungen und bei Deutschlücken unterstützen.

Vor allem die Fachsprache ist schwierig

Rohulla Essanis Pate ist Axel Stumpf. Der 63-Jährige aus Sankt Augustin wollte sich im Ruhestand engagieren. „Da habe ich mich gefragt, was mir Spaß machen könnte“, sagt er. In seinem Arbeitsleben bei der Telekom in Bonn habe ihm besonders die Personalentwicklung gefallen. „Ich mag es, Potenziale auszuschöpfen“, berichtet der ehrenamtliche Pate. „Rohullah und ich haben uns gleich sehr, sehr gut verstanden.“

Zuerst hat Stumpf sich mit den Lehrkräften des Berufskollegs Siegburg unterhalten und alte Prüfungen geben lassen. Dann haben Stumpf und Essani sich in den Räumen der Diakonie oder in der Flüchtlingsunterkunft in Lohmar getroffen und Fächer wie Verkauf, Materialwirtschaft oder Soziales wiederholt. „Die Praxis hatte er ja aus der Arbeit im Markt drauf“, sagt Stumpf. „Controlling oder Kalkulationen haben wir dafür intensiver geübt.“ Schwierig war für den Auszubildenden vor allem, die Fachsprache zu verstehen. „Ich hatte ganz schnell den Eindruck, dass Rohullah jemand ist, der wirklich lernen möchte und die Prüfung bestehen will.“

Paten gesucht: „Der Bedarf wird eher größer als kleiner“

Für FiBs ist Rohullah Essani eine Erfolgsgeschichte. Unter den derzeit 21 aktiven Patenschaften gibt es noch weitere: So erhielt ein Schüler einen Praktikumsplatz, weil der Arbeitgeber wusste, dass dahinter noch ein Pate steht, der bei Problemen hilft. „Ab Sommer macht er dort eine Ausbildung. Das ist eine tolle Geschichte“, sagt Reiner Zaum, der „Fit in der Berufsschule“ bei der Freiwilligen-Agentur der Diakonie An Sieg und Rhein koordiniert.

FiBs startete im Januar 2020 und erhielt zunächst eine Projektförderung vom Jobcenter Rhein-Sieg für zwei Jahre. Zurzeit bemühe man sich um eine Verlängerung. „Wir hoffen, dass wir weitermachen können“, sagt Birgit Binte-Wingen, Fachbereichsleiterin Freiwilligen-Agentur der Diakonie An Sieg und Rhein. Und die Freiwilligen-Agentur sucht auch nach weiteren Ehrenamtlichen, die Auszubildende unterstützen. „Wenn die Schule wieder richtig losgeht, wird der Bedarf eher größer als kleiner“, sagt Zaum. Das Praktische an diesem Ehrenamt, ergänzt Binte-Wingen, sei die freie Zeiteinteilung. „Und auch digital funktioniert das aktuell sehr gut. Wir unterstützen da auch gerne.“

Wer Spaß an der Arbeit mit jungen Menschen hat und gerne Pate werden möchte, kann sich bei der Diakonie An Sieg und Rhein unter ☏ 0 22 41/97 35 810 melden oder eine E-Mail schicken an fibs@diakonie-sieg-rhein.de.