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Neues Betreuungskonzept in Siegburg: Wie bei den Studenten

Neues Betreuungskonzept in Siegburg : Wie bei den Studenten

Saure Bohnen, Rippchen und Kartoffelpüree - Gustav Kaster setzt auf Hausmannskost. Der 85-Jährige steht am Herd. Einmal in der Woche bindet er sich die Schürze um und kocht für seine fünf Mitbewohner.

Einige sitzen im Wohnzimmer beisammen und hören Musik, andere haben sich in ihre Zimmer zurückgezogen. Seit November 2013 leben die Frauen und Männer zusammen in dem Haus an der Lessingstraße - in einer privat organisierten Senioren-WG. Ein bis zwei Betreuer sind rund um die Uhr an ihrer Seite.

Sechs Jahre lang haben einige der WG-Bewohner zuvor in Spich zusammen gelebt. Jeder in einer eigenen Wohnung, aber über einen Pflegedienst miteinander verbunden. "Die Wohnungen wurden gekündigt, und es musste eine Alternative her", berichtet Karin Heinen, deren Tante mit 96 Jahren die Älteste in der WG ist. Die Bewohner und ihre Angehörigen mieteten zusammen das Haus an der Lessingstraße, bauten es barrierefrei um und engagierten eine examinierte Pflegekraft für das Betreuungsteam.

Inzwischen können sie ihren Traum vom WG-Leben sorgenfrei genießen. Bis dahin war es aber ein weiter Weg. "Wir mussten sehr kämpfen, bis wir die Idee umsetzen konnten", berichtet Nicole Düppenbecker, die die Seniorenbetreuung der WG im April übernahm. Damals stand das Projekt kurz vor dem Aus. "Das Konzept ist neu im Rhein-Sieg-Kreis - auch für alle, mit denen wir zusammenarbeiten", sagt sie. Mangels vergleichbarer Fälle musste die Siegburgerin mit den Verantwortlichen neue Wege finden. Sie sprach regelmäßig mit Behörden und Krankenkassen, arbeitete Zielvereinbarungen aus und erreichte Sondergenehmigungen. "Der härteste Brocken war das Sozialamt", sagt sie. Aber auch dort hat es eine Einigung gegeben. Ein Bewohner, dessen Rente und Pflegegeld die Kosten nicht abdeckt, erhält nun Unterstützung vom Sozialamt.

"Wir sind keine eingetragene Einrichtung", stellt Nicole Düppenbecker klar. "Wir arbeiten aber transparent und stehen unter der Kontrolle der Heimaufsicht." Die gelernte Bauzeichnerin hat 13 Jahre lang ihre Großmutter gepflegt und dabei viel erlebt: "Der Umgang mit älteren Menschen in Krankenhäusern oder Seniorenheimen ist oft eine Katastrophe." In der Überzeugung, dass es besser geht, hat sie sich nach dem Tod der Großmutter in der Altenpflege weitergebildet und bei ambulanten Pflegediensten gearbeitet.

Dass es anders geht, dafür ist die Wohngemeinschaft im Siegburger Norden der beste Beweis. Die Bewohner wirken gelöst, scherzen miteinander, stehen einander bei, feiern zusammen. Feste Zeiten fürs Aufstehen oder Schlafengehen gibt es nicht. "Bei uns ist das wie bei den Studenten", sagt Nicole Rybczynski, Teamleiterin der Seniorenbetreuung, und ergänzt: "Wir sind nur etwas älter."

Die familiäre Atmosphäre wissen Gustav Kaster und seine Frau zu schätzen. Dem 85-Jährigen obliegt die Pflege des großen Gartens. "Solange ich kann, mache ich das gern", sagt er und streicht seiner Frau über die Wange. Ein Hochzeitsfoto zeigt das Paar in jungen Jahren. Es hängt in der ersten Etage über dem Bett der beiden. Hier oben hat jeder sein Reich. Ein Treppenlift erleichtert den Weg.

Auch die Mitarbeiter fühlen sich wohl in der WG. "Wir teilen unsere Freuden und Sorgen", sagt Nicole Rybczynski, die einige Bewohner schon seit acht Jahren kennt. Man bringe schon mal die Kinder oder Haustiere mit. An der Lessingstraße wohnen auch zwei Kaninchen. "Mir ist wichtig, dass die Betreuer feste Arbeitszeiten haben und angemessen bezahlt werden", betont Nicole Düppenbecker. Gleichwohl sei die Senioren-WG um die Hälfte günstiger als ein Platz im Seniorenheim.

Die Pflege hingegen sei vergleichbar. Ausgebildete Pflegekräfte kümmern sich um die Bewohner, Ärzte aber auch Palliativdienste kommen, wenn nötig, regelmäßig ins Haus. "Wir leisten unterstützende Pflege bis hin zur Totenwache", fasst Düppenbecker die Arbeit ihres Teams zusammen. Zwei Bewohner seien früher Schwerstpflegefälle gewesen. In der Wohngemeinschaft blühten sie förmlich wieder auf: Ein 76-jähriger Demenzkranker, der zuvor im Rollstuhl fixiert werden musste, läuft wieder.

Die Senioren-WG ist inzwischen bekannt und beliebt. Davon zeugt die lange Warteliste, die Nicole Düppenbecker vorliegt. Die Idee, eine zweite WG zu eröffnen, hat sie aber vorerst verworfen. "Jetzt, wo alle Formalitäten geklärt sind, möchte ich mich erst einmal auf die eigentliche Arbeit konzentrieren." Das familiäre Zusammenleben mit den Senioren - bis zum letzten Atemzug.