Prozess um Entführung in Troisdorf Landgericht spricht Troisdorfer nach 21 Jahren frei

Bonn/Troisdorf · Im Jahr 2003 ist ein Troisdorfer entführt worden. Drei der mutmaßlich vier Täter waren kurz nach der Tat verurteilt worden. Der Vierte war jahrelang untergetaucht und musste sich erst jetzt vor dem Bonner Landgericht verantworten.

Der Angeklagte zwischen seinen Anwälten Martin Kretschmer (l.) und Michael Hakner kurz vor der Verkündung des Freispruchs.

Der Angeklagte zwischen seinen Anwälten Martin Kretschmer (l.) und Michael Hakner kurz vor der Verkündung des Freispruchs.

Foto: Leif Kubik

Mehr als 20 Jahre nach der Entführung eines Troisdorfer Geschäftsmannes ist ein 52-jähriger Tatverdächtiger vor der 10. Großen Strafkammer am Bonner Landgericht vom Vorwurf des erpresserischen Menschenraubs freigesprochen worden. „Wir sind weit davon entfernt, dem Mann auf der Anklagebank einen Heiligenschein zu attestieren“, sagte der Vorsitzende Richter Mark Eumann in der Begründung der Kammerentscheidung. In einem demokratischen Rechtsstaat gelte aber nun einmal der Grundsatz „In dubio pro reo“ – im Zweifel für den Angeklagten – und die Strafkammer habe eine Beteiligung des 52-Jährigen an der Entführung im September 2003 nicht mit der genügenden Sicherheit feststellen können.

Direkt nach der Verkündung des Freispruchs und der damit verbundenen sofortigen Entlassung aus der Untersuchungshaft versuchte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft die Aufhebung des Haftbefehls zu verhindern. Nach einem Hinweis der Kammer, dass die Rechtslage dies nicht zulasse, zog sie den entsprechenden Antrag allerdings wieder zurück.

Der Freigesprochene war 17 Jahre lang untergetaucht und erst im vergangenen Jahr verhaftet worden. Er hatte unter falschem Namen weiterhin in Troisdorf gelebt. Seine falsche Identität war erst nach der Trennung von seiner Lebensgefährtin ans Licht gekommen. Für die Tat waren bereits zwei Männer, am 1. September 2004 und am 27. April 2006, vor dem Bonner Landgericht zu Haftstrafen von fünf beziehungsweise sieben Jahren verurteilt worden. Das Verfahren gegen einen dritten war eingestellt worden, nachdem der Mann in den Niederlanden wegen weiterer Verbrechen zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden war.

Am Abend des 7. Septembers 2003 hatten die beiden 2004 und 2006 Verurteilten einen Geschäftsmann in seiner Troisdorfer Wohnung besucht: Sie wüssten, dass er viel Geld mit illegalen Geschäften und Prostitution russischer Frauen verdiene, ließen die Männer den Mann wissen, der seinen Lebensunterhalt zumindest offiziell mit dem Betrieb eines kleinen Transportunternehmens bestritt. Mit einem in die Hüfte gedrückten waffenähnlichen Gegenstand nötigten die beiden ihr Opfer, mit ihnen zu einem Wagen zu gehen, in dem der dritte Beteiligte wartete. Die Fahrt ging zum Allner See im nahe gelegenen Hennef, wo man anhielt, um zu telefonieren.

Entführungsopfer zahlte 10.000 Euro

Dass es sich bei dem Mann am anderen Ende der Leitung um den nun Freigesprochenen handelte, hatte dieser gegen Ende des Verfahrens zugegeben. Für die Annahme der Anklage, dass der heute 52-Jährige seine mutmaßlichen Komplizen am Telefon weiter instruiert haben könnte, fand die Strafkammer aber keine Belege. Weiter ging die Fahrt Richtung Waldbröl. An einem Waldweg verlangten die Erpresser nun massiv Geld. Der Entführte erklärte, er sei in der Lage kurzfristig 10.000 Euro zu beschaffen und organisierte telefonisch die Übergabe der Summe auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Spich.

Von der Beute will alleine der Fahrer 3000 Euro abbekommen haben, wie der Mann, der seine Strafe in den Niederlanden mittlerweile abgesessen hat, als Zeuge in dem aktuellen Verfahren ausgesagt hatte. Das lasse es tatsächlich unplausibel erscheinen, dass der lange untergetauchte 52-Jährige, wie von der Staatsanwaltschaft angenommen, als Drahtzieher hinter der Entführung gesteckt habe, führte Eumann die Begründung des Freispruchs weiter aus. Dass der Troisdorfer ein Unschuldslamm sein könnte, glauben die Richter allerdings nicht: Man halte eine Beteiligung des Freigesprochenen an der Tat mindestens für so wahrscheinlich wie seine Unschuld, so Eumann. Für eine Verurteilung reiche das aber nicht aus. Für die Untersuchungshaft ist der Mann nach dem Freispruch nun zu entschädigen.

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