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Häusliche Gewalt könnte während der Corona-Krise zunehmen

Corona-Krise : Frauenhäuser aus der Region rechnen mit Zunahme häuslicher Gewalt

Experten rechnen damit, dass es im Zuge der Isolation in Zeiten der Corona-Krise zu mehr häuslicher Gewalt kommen könnte. Einige Frauenhäuser aus der Region teilen die Einschätzung. Beratungen finden aktuell vor allem telefonisch statt.

Für viele Menschen ruht aktuell das Arbeitsleben, die Schulen sind geschlossen, persönliche Kontakte stark eingeschränkt. Experten rechnen in dieser Ausnahmesituation mit einer Zunahme von Gewalt im häuslichen Umfeld, wie sie zum Beispiel bereits in Spanien und Italien beobachtet wurde. Der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, sorgt sich über eine Zunahme von Gewalt gegen Kinder. Johannes-Wilhelm Rörig, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, weist auf die Situation von Opfern sexueller Gewalt hin, die sich wegen der Corona-Pandemie derzeit schwerer Dritten anvertrauen können.

Auch viele Beratungsstellen und Frauenhäuser in der Region befürchten für die kommenden Wochen einen Anstieg der Fälle von Gewalt innerhalb der Familie oder Partnerschaft und einen zunehmenden Bedarf an Hilfsangeboten. Bis jetzt registrieren allerdings die wenigsten Einrichtungen einen Anstieg an Kontaktaufnahmen. Einer der Gründe dafür liegt auf der Hand: „Die meisten Frauen haben in der aktuellen Situation weniger Freiräume“, sagt Ilka Labonté, Teil des Leitungsteams des Frauenzentrums Troisdorf. Da jetzt viele Paare zwangsläufig gemeinsam zuhause seien, sei es für betroffene Frauen schwieriger, sich in einem ungestörten Moment telefonisch Hilfe zu suchen oder das Haus zu verlassen. „Wir rechnen aber damit, dass es noch eine Zunahme geben wird“, sagt sie.

Auch im Frauenhaus des Rhein-Sieg-Kreises habe man bislang keine besondere Zunahme verzeichnet. Der Kreis werde die Situation aber weiter genau beobachten, heißt es aus der Pressestelle. Darüber hinaus befasse sich auch der Runde Tisch gegen häusliche Gewalt im Rhein-Sieg-Kreis mit der besonderen Situation.

Eva Risse, Mitarbeiterin im autonomen Frauenhaus Bonn, beobachtet, dass sich viele Frauen in einem Zwiespalt befänden. Sie hätten zwar Angst vor der Gewalt im eigenen Zuhause, würden sich aber gleichzeitig für sich und ihre Kinder um eine Ansteckung mit dem Coronavirus sorgen. Das hielte möglicherweise einige davon ab, das Frauenhaus aufzusuchen.

Beratungsstellen und Frauenhäuser passen Arbeit an

Um das Risiko einer Verbreitung des Virus möglichst gering zu halten, haben einige Beratungsstellen und Frauenhäuser ihre Arbeit angepasst. Das Frauenzentrum Troisdorf bietet eine persönliche Beratung zum Beispiel nur noch in Notfällen an. Der Großteil der Beratungen würde jetzt über das Telefon oder einen Chat, den das Zentrum über seine Internetseite anbietet, durchgeführt, sagt Labonté. Die Zimmer im autonomen Frauenhaus in Bonn werden zurzeit so belegt, dass sich Frauen ohne Kinder kein Zimmer mehr mit einer anderen Frau teilen müssen. Außerdem finden keine Gesprächskreise mehr in der Gruppe, sondern nur noch Einzelgespräche statt. Das Frauenhaus registriert außerdem, dass zurzeit mehr Beratung über das Telefon laufe.

Im Bonner Frauenhaus in Trägerschaft der Paritätischen NRW wird auf einen Mindestabstand im persönlichen Kontakt geachtet. Mit den Bewohnerinnen sei außerdem ausführlich über Hygieneregeln gesprochen worden, erzählt eine Mitarbeiterin.

Trotz aller Einschränkungen betont Ilka Labonté, dass es gerade jetzt wichtig sei, dass betroffene Frauen wüssten, dass das Frauenzentrum für sie da ist. Betroffene, die zuhause nicht ungestört telefonieren können, muntert sie dazu auf, unter einem Vorwand das Haus zu verlassen und sich dann Hilfe zu suchen. Auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hat in einem Interview darauf hingewiesen, dass Betroffene das Haus verlassen dürfen, um sich Hilfe zu holen. Das sei ein triftiger Grund. Labonté appelliert zudem, aufmerksam zu sein und sich an Nachbarn zu wenden, wenn man etwas Auffälliges beobachtet.