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Komponierte Freiheit: Klangexperimente im Kunsthaus Troisdorf

Komponierte Freiheit : Klangexperimente im Kunsthaus Troisdorf

Der belgische Komponist Christian Klinkenberg führt sein Klang-Experiment im Kunsthaus Troisdorf auf. Ein außerordentlich spannendes Erlebnis.

Ein Mädchen sucht sieben Blätter, die an einem Baum hingen und niemals wuchsen, aber offensichtlich wertvoll sind und Zauberkraft besitzen. Nach dem Raub der Blätter befindet sich das Mädchen auf der Flucht vor einer Hexe. Dazu verwandelt es sich in alles Mögliche, wie etwa in eine Biene oder in einen sprechenden Apfelbaum. Die Musik, die die Erzählung von Daniel Morden begleitet, ist jazzig und wirkt sprunghaft, die Harmonik ist spannungsreich und fremd, aber auch subtil, verworren und schräg. „Das Fremde war für mich der besondere Reiz“, erklärt der Komponist Christian Klinkenberg, der sich musikalisch mit der seltsam vertrauten Geschichte auseinandergesetzt hat. Illustriert wurde sie von dem Troisdorfer Künstler Marc Kirschvink. Die Illustrationen zur Geschichte sind Teil der Partitur, die bei der Premiere buchstäblich vor den Augen des Publikums ablief.

 Christian Klinkenberg spielt am Bohlen-Pierce-Keyboard im sogenannten mikrotonalen Stimmungssystem.
Christian Klinkenberg spielt am Bohlen-Pierce-Keyboard im sogenannten mikrotonalen Stimmungssystem. Foto: Susanne Haase-Mühlbauer

Susanne Klinkenberg erzählte derweil das moderne Märchen, das wie „Hänsel und Gretel“, „Frau Holle“ oder auch die aus den „Metamorphosen“ des Ovid bekannten Verwandlungsgeschichten seltsam vertraut erschienen. Doch traditionell ist diese Geschichte keineswegs. Sie ist der fast ironisch anheimelnde Teil des experimentellen Klang- und Seh-Spiels, das die künstlerischen Ebenen audiovisuell verschmelzen ließ. Es wurde zudem als „interaktives Spiel“ zwischen Künstlern und Publikum umgesetzt und gelangte dabei zur Deutschland-Premiere unter Leitung Klinkenbergs und seiner Gruppe „KL-EX“.

Der Name „KL-EX“, unter dem eine Erzählerin und sieben Musiker um den belgischen Komponisten Klinkenberg auftreten, ist Programm: „KL-EX“ steht für Klang-Experimente mit Instrumenten, die im mikrotonalen Stimmungssystem Bohlen-Pierce gestimmt sind. Dieses System bezieht sich nicht – wie es die klassische Hör­erfahrung kennt – auf die Oktave als Systemgrundlage, sondern auf den Tonraum der Duodezime, welche Pierce in 13 Tonstufen unterteilt und dann als „Tritave“ bezeichnet. Wie das klingt, welche Partitur dem Klang-Experiment zugrunde liegt und welche interaktive Erweiterung das Hörerlebnis erfuhr, begeisterte nun einen kleinen Kreis Zuhörer bei der Veranstaltung im Kunsthaus Troisdorf.

Frank Baquet, Leiter des Kunsthauses, schätzt sich glücklich, sein Haus an der Mülheimer Straße zu einer „angesagten Adresse des zeitgenössischen Jazz und der experimentellen Musik“ gemacht zu haben. Für die Finissage der Kunst-Ausstellung „Time(Dis)Placement2“ mit digitaler Fotografie und neuen Medien konnte Baquet den belgischen Komponisten nun ins Haus holen.

Neben den Klängen im anderen Stimmungssystem ist es die Notation, die Klinkenberg als „komponierte Freiheit“ bezeichnet. Der Komponist fertigt eine Partitur ohne Noten. Die Tonhöhe ist vorgegeben, doch besitzen die Musiker individuelle Interpretations-Möglichkeiten bei Lautstärke und Rhythmus.

Schließlich bindet er das Publikum interaktiv in die Aufführung ein. Über eine App durften am Sonntag sieben Konzertbesucher „mitspielen“. Wann deren Einsatz gefordert war, lasen die Zuhörer anhand einer graphischen Video-Einspielung selber ab und brachten sich spielfreudig in die Aufführung ein.

Der graphischen Partitur unterlegt waren die schrillen Illustrationen des Troisdorfer Künstlers Marc Kirschvink zur Erzählung Mordens. Die aneinandergereihten Einzelszenen liefen wie ein Film via Videoprojektion ab. Die Künste verschmolzen im freien Vortrag: Lesung, Illustration, Komposition, Interaktion: So gelang es Klinkenberg, die Hörgewohnheiten nach und nach aufzubrechen, zu hinterfragen und damit Sehgewohnheiten zu relativieren. Ein ungewöhnliches Erlebnis.